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Leben in Hannover Holger Tappe macht Kino-Publikum mit „Happy Family 2“ glücklich
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Holger Tappe macht Kino-Publikum mit „Happy Family 2“ glücklich

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17:07 31.10.2021
Holger Tappe schickt Familie Wünschmann in „Happy Family 2“ wieder als Monster auf Abenteuer.
Holger Tappe schickt Familie Wünschmann in „Happy Family 2“ wieder als Monster auf Abenteuer. Quelle: © 2021 Warner Bros. Entertainment/Heusel
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Hannover

Am 4. November ist offizieller Kinostart, die Weltpremiere feiert „Happy Family 2“ aber im Astor. Denn Regisseur Holger Tappe (51) hat die Bilder des Animationsfilms mit seinem bis zu 70-köpfigen Team komplett in Hannovers Südstadt geschaffen.

Wussten Sie nach dem Happy End im ersten „Happy Family“-Film 2017 gleich, dass es eine Fortsetzung geben würde?

Nein (lacht). David Safier, der die Romanvorlage und das Drehbuch geschrieben hatte, wollte sich schon an einen zweiten Teil setzen, nachdem er die Rohfassung des Films gesehen hatte. Ich hab ihn gebremst, gesagt, dass das ein schlechtes Omen ist. Tatsächlich war ich mit den deutschen Kinozahlen damals überhaupt nicht zufrieden. Es war kein schöner Sommer, aber ausgerechnet ab dem Startwochenende im August wurde das Wetter schön – und die Kinosäle bleiben leer. Wir kamen zwar auf 600.000 Zuschauer, kein deutscher Animationsfilm hatte mehr. Aber ich hatte das Thema Fortsetzung schon abgehakt.

Warum änderten Sie Ihre Meinung?

Weil der Film international super funktioniert hat. Wir konnten ihn in mehr als 100 Länder verkaufen, er wurde in 30 Sprachen übersetzt. Vor allem in Israel und Mexiko lief er super. Also hat der Weltvertrieb angerufen und auf eine Fortsetzung gedrängt. David und ich haben uns dann zusammengesetzt und überlegt, welches Thema, welche Denkanregung wir im zweiten Teil aufnehmen könnten.

„Niemand ist perfekt“ ist die Botschaft des zweiten Films. Passt das in unsere Zeit?

Auf jeden Fall. Denn gerade über Instagram, Facebook und Tiktok wird uns ständig Perfektion vorgeführt, man fühlt sich verpflichtet, da mitzuhalten – und vielleicht auch einen Filter über die eigenen Bilder zu schicken (lacht). Das Streben nach Perfektion macht die Menschen nicht glücklich, Perfektion macht nur Druck. Aber Ecken und Kanten gehören zu den Menschen. Diese Botschaft wollten wir mit Humor verpacken.

Die Bilder für die Fortsetzung des Animationsfilms stammen aus Hannover.

Die „perfekte“ Familie sind im Film die Starrs, die mit ihrem Geld und ihren Erfindungen „die Welt zu einem besseren Ort“ machen wollen. Wen hatten Sie da vor Augen – Bill und Melinda Gates?

Ach, so etwas wie eine Mischung aus Elon Musk und Steve Jobs. Wobei ich diese beiden Personen eher positiv sehe. Die Starrs sind das Sinnbild einer superreichen, perfekten Familie, wobei wir bei Tochter Mila darauf geachtet haben, dass sie außerdem cool wirkt. Sie macht ja auch eine Entwicklung durch: Sie verändert sich, hinterfragt die Pläne der Eltern. Ist Perfektion wirklich das Ziel?

Auch auf die vermeintlichen „Monster“ im Film werfen Sie einen neuen Blick. Der Yeti ist fröhlich, King Conga musikalisch, das Monster von Loch Ness sehr schüchtern. Wollten Sie Klischees aufbrechen?

Auch da ging es uns darum, hinter die Fassade zu schauen. Wir urteilen oft nach dem schnellen ersten Eindruck, der Oberflächlichkeit. Aber diese „Monster“, die Mila für ihre Eltern fangen soll, sind ganz anders, man sollte sie nicht in eine Schublade stecken.

Das ist Holger Tappe

*1. Dezember 1969 in Paderborn. Tappe macht eine Ausbildung an einer Berliner Fotofachschule, studiert an der Fachhochschule Hannover „Design für neue Medien“. Er arbeitet unter anderem für Melitta und Bahlsen, dreht Videos und Werbespots, konzipiert Großbildprojektionen für Events wie CeBIT und Expo 2000. 1999 gründet er Ambient Entertainment in Hannovers Südstadt – „Back to Gaya“ ist 2004 der erste deutsche Trickfilm, der am Computer animiert wurde. Es folgen Kino-Hits wie „Urmel aus dem Eis“, „Konferenz der Tiere“, „Tarzan“. „Happy Family“ nach dem Roman von David Safier kommt 2017 in die Kinos. Tappe ist verheiratet, er hat zwei Söhne (18 und 21).

„Happy Family“ feiert das Unperfekte. Wo liegen denn ihre persönlichen Schwächen?

Ich esse zu ungesund, mache zu wenig Sport und habe zu wenig Zeit für die Familie ...

Wie war die denn in die Arbeit an dem Film eingebunden?

Meine Söhne sind jetzt 18 und 21, der jüngere macht Abitur und interessiert sich für Physik, der ältere studiert Chemie. Auf Minijobbasis haben sie dabei geholfen, als wir alle Rechner upgedatet haben – denn die Gehäuse und bestimmte Netzteile werden recycelt. Beruflich orientieren sie sich aber ganz anders. Meine Frau ist studierte Tierärztin, die Leidenschaft für Naturwissenschaften haben sie wohl von ihr. In der Filmbranche braucht man nicht nur Talent, sondern immer auch Glück. Diesen Stress haben Sie wohl bei mir mitbekommen.

Gute Zusammenarbeit: Bestsellerautor David Safier (links) hat das Drehbuch zu „Happy Family“ geschrieben – Holger Tappe ist für die Bilder zuständig. Quelle: Nancy Heusel

Aber die Corona-Pandemie dürfte Ihnen weniger Probleme bereitet haben, als den Realfilm-Regisseuren?

Das stimmt, wir dürfen uns nicht beklagen. Aber auch wir mussten uns auf Schichtarbeit einstellen, Homeoffice-Arbeitsplätze einrichten, Betreuungsprobleme für Familien lösen. Ein Animationsfilm ist Teamarbeit, über drei Jahre waren 60 bis 70 Personen hier in Hannover an den Bildern beteiligt – da ist unter diesen Umständen die Kommunikation schwierig. Ich schätze, die Pandemie hat uns drei bis fünf Monate Zeitverzögerung gekostet. Der Film ist auch erst vor sechs Wochen fertig geworden (lacht).

Wie wirkte sich der technische Fortschritt seit „Happy Family“ im Jahr 2017 aus?

Es sind viele kleine Verbesserungen, die die Bilder in der Fortsetzung noch schöner machen. Haare zum Beispiel. Aber sie sind immer noch ein aufregendes Thema, zum Beispiel, wenn der Drehbuchautor ins Skript schreibt, dass sie nass werden. Solche Passagen würden wir dann am liebsten streichen (seufzt).

Happy Family 2

Es geht wieder einmal um den Globus und sogar ins All: Die unzufriedene Familie Wünschmann wurde im ersten Teil von „Happy Family“ von der Hexe Baba Yaga mit einem Fluch belegt – Mama Emma wurde zur Vampirin, Papa Frank zu Frankensteins Monster, Tochter Fee zur Mumie mit Hypnosekräften, Sohn Max zum superstarken Werwolf. Ein Jahr später ist Normalität eingekehrt: Max experimentiert mit Babas magischen Amulett, hadert aber damit, dass er nicht zu den coolen Kids in der Schule gehört. Als Baba Yaga und Draculas Assistent Renfield (Sprecher: Oliver Kalkofe) sich in der Kirche das Ja-Wort geben, platzt Mila Starr in die Zeremonie. Für ihre berühmten Eltern Maddox (Sprecher: Joko Winterscheidt) und Marly Starr, soll sie unsterbliche „Monster“ fangen. Sie entführt die Hexe – genauso wie Monster von Loch Ness, den Yeti, King Conga. Aus deren Lebensenergie soll ein Wundermittel zur Rettung der Erde generiert werden. Die Wünschmanns wollen Baba Yaga retten – und verwandeln sich deshalb zurück in die „Monster“ aus Teil eins. Eine turbulente Verfolgungsjagd beginnt, auf deren Etappen das Streben nach Perfektion infrage gestellt wird.. Offizieller Filmstart ist am 4. November.

Sie nennen ihre Mitarbeiter für die Bilder „Puppenspieler“. Warum?

Der Fachbegriff ist eigentlich „Animator“, das kommt von „beseelen“ – wir hauchen einer Figur ja tatsächlich Leben ein. Aber viele Leute denken bei dem Wort eher an Animateure im Ferienhotel, die einem etwas vortanzen. „Puppenspieler“ passt, weil man ja auch wie bei einer Marionette an den Fäden zieht.

Die Trickfilmer aus Hannover um Holger Tappe (links) arbeiten eng zusammen mit den Besitzern des Europapark Rust. Aus Ambient Entertainment wurde für „Happy Family 2“ die Firma Mack Animation. Quelle: STAR-MEDIA via www.imago-images.de

Mit Ambient Entertainment haben Sie seit „Back to Gaya“ 2004 viele Filme auf die Beine gestellt. Jetzt heißt die Firma Mack Animation. Wie kam es dazu?

Animationsfilme sind Großprojekte, die sich über Jahre hinziehen – da legt niemand das Geld vorab einfach auf den Tisch. Die Finanzierung ist immer schwierig, manchmal sind bis zu zehn Partner an Bord. Vor zehn Jahren kam Familie Mack, die den Europapark in Rust betreibt, auf uns zu – wir sollten ihre Maskottchen zum Leben erwecken. Diese Freizeitparkwelt ist nah dran an unserer Arbeit, wurde für uns ein zweites Standbein. 2018 sind wir dann in einer gemeinsamen Firma noch enger zusammengerückt.

Auch um im Animationsbereich gegen die amerikanische Konkurrenz bestehen zu können?

Man muss ein Signal setzen. Der Kinobesucher hat denselben Qualitätsanspruch an uns wie an amerikanische Filme. Der Unterschied ist, dass wir diese Qualität auch bei diesem Film für deutlich weniger Geld liefern.

In der Pandemie wurde viel gestreamt. Macht Ihnen das Sorgen?

Ich bin ein großer Kinoidealist, halte das Kino für einen besonderen Ort, den wir retten sollten. Aber die Verunsicherung beim Publikum ist immer noch groß. Gerade mit Kindern spürt man eine unglaubliche Energie in einem Kinosaal.

Von Andrea Tratner