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Leben in Hannover Hier freut sich Mathematik-Genie Escher
Hannover Leben in Hannover Hier freut sich Mathematik-Genie Escher
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22:00 02.07.2014
Von Mirjana Cvjetkovic
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Hannover

Szenen wie diese passieren dieser Tage häufiger in der Leibniz-Uni: „Herzlichen Glückwunsch, ein toller Erfolg!“, gratulierte gestern etwa Elfriede Billmann-Mahecha (63, Vizepräsidentin für Lehre, Studium und Weiterbildung) ihrem Kollegen Joachim Escher (52). Der hat nämlich etwas ganz Besonderes geschafft: Der Professor gehört laut aktuellem Thomson-Reuters-Ranking zu den 100 besten Mathematik-Wissenschaftlern - weltweit!

„Ich bin stolz und sehr glücklich“, sagt er, als ihn die NP in seinem Büro im Hauptgebäude am Welfengarten besuchte. Sehr bescheiden ergänzt er noch: „Ohne mein Team hätte ich das nicht geschafft.“ Vor einer Woche erfuhr er von der Spitzenplatzierung, in der übrigens nur zwei weitere Mathematiker aus Deutschland (Heidelberg und München) gelistet sind. An der Uni ist Escher bereits seit 14 Jahren tätig. „In Hannover fühle ich mich sehr wohl“, sagt er über seine Wahlheimat. Wenn es das Wetter erlaubt, radelt er aus Kirchrode zur Arbeit, auf 18 Kilometer kommt er da locker: „Es geht fast nur durch die Eilenriede und am Maschsee entlang. Ein wahrer Luxus, den ich auch genieße.“

Aber auch die Arbeit ist ihm ein Genuss. Schnell wischt er Klischeegedanken, er habe schon als kleiner Junge lieber mit dem Rechenschieber als mit Gleichaltrigen gespielt, beiseite. „In Jugendjahren habe ich auch viel durchlebt“, erinnert er sich und schmunzelt. Dass er ein Mathe-Genie ist, „hat sich aber doch schon früh abgezeichnet“. Da muss der sympathische Mann selbst lachen. Nämlich wie? Gern hat er eigene mathematische Fragestellungen entwickelt und Aufgaben kreiert, an denen andere längst verzweifelt wären. „Außerdem hatte ich immer gute Lehrer, die mein Talent auch erkannt und gefördert haben“, betont der 52-Jährige, der aus „einfachem Elternhaus“ stammt.

Eschers Spezialgebiet ist die Grundlagenforschung. Dabei geht es immer um Fragestellungen aus Anwendungen aus der Physik, der Chemie, teilweise aus ingenieurwissenschaftlichen Untersuchungen: „Das Wetter zum Beispiel ist so kompliziert, dass man es vielleicht für einen Tag berechnen könnte, aber niemals für eine Woche.“

Bei der Berechnung der Entwicklung von Studentenzahlen könnte man auch meinen, „es sei ganz banal. Aber es ist unmöglich, sie zu berechnen“, erläutert Escher. Gleiches gilt für den Aktienmarkt: „Man weiß zwar, wie er funktioniert. Aber er ist zu komplex, um ihn zu berechnen.“

Seine Arbeit erfordert auch, sehr viel in der Welt unterwegs zu sein. Er trifft Kollegen in den USA, in London, nächste Woche ist er auf einer Tagung in Madrid unterwegs, danach geht es nach China: „Natürlich nutzen wir auch Skype, um uns auszutauschen, aber das kann ein persönliches Treffen nicht ersetzen.“

Sogar kreativen Charakter findet man in seiner Wissenschaft, „auch wenn das für Außenstehende nur schwer nachvollziehbar ist“, erläutert der Opernfan („Das Opernhaus in Hannover ist hervorragend“) seine Tätigkeit, „ich bin auch darauf angewiesen, dass die Muse mich küsst.“ Da geht es ihm wie einem Komponisten: „Mal landet man einen Nummer-eins-Hit, dann wieder nicht.“

Geistesblitze sind es manchmal, die ihm da kommen, etwa im Holland-Urlaub auf dem Fahrrad. Das sind gewisse Ideen, die er dann im Büro umsetzt: „Meine Motivation ist die Hoffnung, wieder etwas Besonderes hinzubekommen.“ Der NP zeigt der Professor eine seiner erfolgreichsten Publikationen, die im wichtigsten Fachjournal der Welt, dem „Annals of Mathematics“, erschienen ist. Herausgeber ist die Princeton University, da lehrte auch schon Nobelpreisträger Albert Einstein († 76): „Es ist ein Erfolg, wenn man überhaupt Arbeiten publizieren kann, bei uns bin ich der Einzige im Fachbereich.“ Ein Blick in das Heft verrät: Gängige Rechenaufgaben finden sich darin nicht. „Die einzigen Zahlen, die Sie hier finden, sind die Seitenzahlen“, sagt er und lacht. Und bei anderen Artikeln - versteht er diese für den Laien sehr verwirrenden Formeln auf Anhieb, sobald er eine beliebige Seite aufschlägt? „Das kann ich dann lesen wie die NP.“ Respekt.