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Leben in Hannover Hannover: Was Diana Kinnert auf der Techtide zu sagen hat
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Hannover: Was Diana Kinnert auf der Techtide zu sagen hat

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00:00 30.11.2021
Kurzer Zwischenstopp in Hannover: Diana Kinnert war in der Stadt, um ihren Vortrag auf der Messe aufzuzeichnen.
Kurzer Zwischenstopp in Hannover: Diana Kinnert war in der Stadt, um ihren Vortrag auf der Messe aufzuzeichnen. Quelle: Christian Behrens
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Hannover

Fast ihr halbes Leben schon engagiert sie sich in der CDU, gilt als Shootingstar der Partei. Diana Kinnert (30) hat das Buch „Die neue Einsamkeit“ geschrieben.

Frau Kinnert, wie einsam waren Sie in den vergangenen Wochen?

Ich bin wenig einsam in letzter Zeit. In der vergangenen Woche haben wir ein großes Thanksgiving-Dinner veranstaltet. Wir haben im großen Freundeskreis zusammen gekocht, gespeist und getrunken. Ich fühle mich in meinem sozialen Umfeld sehr aufgehoben, kann aufrichtig sein mit allen, fühle mich in meiner Partnerschaft sehr geliebt. Einsamkeit ist aktuell kein Problem für mich.

Was haben die Engländer mit Ihnen in Sachen Einsamkeit zu tun?

Vor einigen Jahren habe ich in Großbritannien das weltweit erste Anti-Einsamkeits-Ministerium mitkonzipiert. In Zeiten zunehmender Individualisierung, demografischer Veränderungen und technologischem Wandel geraten viele Menschen unter die Räder. Vor allem Seniorinnen und Senioren sind in Großbritannien, aber nicht nur dort, oftmals von anderen Menschen abgeschnitten. Wir haben dort für mehr Mehr-Generationen-Häuser, Nachbarschaftsgenossenschaften, Möglichkeiten für Ehrenamt, digitale Bildung für Ältere und Maßnahmen gegen Altersarmut plädiert. So soll vor allem einer älteren Generation soziale Teilhabe ermöglicht werden.

Zwei starke Frauen der CDU: Noch-Bundeskanzlerin Angela Merkel (rechts) und Diana Kinnert. Quelle: privat

Wie gefährlich ist Einsamkeit?

Das subjektive Gefühl von Einsamkeit macht schon sehr krank, das belegen zahlreiche Studien. Einsamkeit führt auf Dauer zu Depressionen, Angstzuständen, Paranoia, aber eben auch zu erhöhtem Risiko für Demenz oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Man sagt, Einsamkeit ist so tödlich wie 15 Zigaretten am Tag. Eine Meta-Studie hat herausgefunden, dass einsame Menschen ein um fast 30 Prozent erhöhtes Risiko auf frühzeitigen Tod haben.

Diana Kinnert: „Die neue Einsamkeit“, Hoffmann & Campe, 448 Seiten, 22 Euro. Quelle: Hoffmann & Campe

Wenn Sie über Digitalisierung in unserem Land nachdenken – welche Schulnote verpassen Sie der BRD?

Ungenügend. Die Zettelwirtschaft im Gesundheitssystem kostet Menschenleben. Ohne digitale Verwaltung gehen Existenzen im Chaos der Behörden zugrunde. Termine wie für überlebenswichtiges Impfen werden nicht rechtzeitig vergeben. Gefälschte Corona-Tests per Photoshop werden nicht enttarnt. Daneben wird die Innovationskraft der deutschen Wirtschaft ausgebremst, unserer Seniorengeneration fehlen digitaler Anschluss und Bildung, und Kinder und Jugendliche vereinsamen in digitalen Scheinwelten.

Was vielleicht nicht zuletzt daran liegt, dass unser Politiksystem 60 Jahre alt ist. Wie oft lässt Sie das verzweifeln?

Das ist wohl der Grund. Vielen Ländern ohne industrielle Prägung gelingt der digitale Neustart besser. Bei uns sind historische Prägung und strukturelle Pfadabhängigkeiten ein echtes Hemmnis. Ich habe gelernt: Transformation ankündigen kann jeder. Sie wirklich managen und gestalten, das ist die Herausforderung.

Diana Kinnert

*16. Februar 1991 in Wuppertal. Ihr Vater stammt aus Polen, die Mutter von den Philippinen. Nach dem Schulabschluss studiert sie Politikwissenschaft und Philosophie in Göttingen, Amsterdam, Köln und Berlin. Da ist sie bereits CDU-Mitglied, mit 17 Jahren ist sie in die Partei eingetreten. 2015 und 2016 ist sie Mitarbeiterin im Büro des Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages Peter Hintze (66). Sie ist Mitglied diverser Kommissionen, außerdem Gründerin der Nachrichtenplattform Newsgreen, aus der ein Medienhaus mit Filmproduktion und eine Plattform für nachhaltige Technologie entsteht. Sie ist Gastgeberin des „The Pioneer“-Podcasts „Der 8. Tag“. Nach „Für die Zukunft sehe ich schwarz“ (Rowohlt, 208 Seiten, zehn Euro) ist 2021 ihr Buch „Die neue Einsamkeit“ erschienen. In ihrer Freizeit geht Kinnert angeln. Sie lebt in Berlin. www.kinnert.com

Beinahe Ihr halbes Leben sind Sie mittlerweile in der CDU aktiv. Warum eigentlich?

Ich bin überzeugt von den Grundwerten meiner Partei. Menschen aus allen sozialen Milieus zu vertreten, Wandel in jeder Region und Alterskohorte zu moderieren, dabei auf Verlässlichkeit, sozialen Ausgleich und staatliche Zurückhaltung achten, damit kann ich mich gut identifizieren.

Stünde die Partei heute dort, wenn es noch mehr von Ihrer Sorte gäbe?

Wir haben die Bundestagswahl verloren. Zwei Neuanfänge mit Annegret Kramp-Karrenbauer und Armin Laschet sind schiefgelaufen. Das ist eine ernüchternde Zwischenbilanz. Wir haben Modernisierung und Aufbruch nötig, und sicherlich gelingt das eher, wenn unsere Mitgliedschaft diverser würde. Mehr Frauen, junge Menschen und Menschen mit Migrationsgeschichte bringen wertvolle Impulse und bereichern unsere Partei.

Mit welchem Modernisierungsthema könnte die CDU punkten?

Es geht nicht darum, eigene Themen zu setzen, sondern Probleme zu lösen, die da sind. Wir brauchen ehrgeizige Klimapolitik, industriellen Aufbruch, sozialen Ausgleich. Wie können wir die ökologische Krise mit Mitteln der Sozialen Marktwirtschaft überwinden? Wie können wir nachhaltige Technologie und innovative Industrie fördern? Wie gelingt das soziale Zusammenspiel zwischen infrastrukturell vernachlässigten Regionen, einer alternden Gesellschaft und Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich zu wenig gesehen fühlen? Darauf wollen wir in der CDU Antworten finden.

Friedrich Merz, Norbert Röttgen, Helge Braun – warum hat es keine Frau in die Auswahl für den neuen CDU-Vorsitz geschafft?

Das weiß ich nicht. Ich hätte mir gewünscht, dass Carsten Linnemann und Nadine Schön zusammen kandidieren. Jetzt ist es, wie es ist. Ich wünsche dem neuen Vorsitzenden aber ein frauenreiches Führungsteam.

Haben Sie Ihren Hut eigentlich mal in den Ring geworfen?

Ich bin sehr zufrieden mit meinem aktuellen Beruf zwischen den Disziplinen. Ich schreibe gerne gesellschaftspolitische Bücher, berate gerne hinter den Kulissen. Als Mitglied in verschiedenen Kommissionen stelle ich meine Expertise aber immer auch meiner Partei bereit.

Welchen der drei Herren favorisieren Sie?

Ich bin bisher unentschlossen. Von Friedrich Merz und Norbert Röttgen bin ich persönlich enttäuscht, sich im Bundestagswahlkampf zu wenig engagiert zu haben. Es wäre anständig gewesen, gemeinsam mit Armin Laschet zu kämpfen. Helge Braun verkörpert wenig Aufbruch, auch da bin ich skeptisch. Am Ende ist mir wichtig, dass es uns endlich gelingt, die Partei zu einen, damit dem neuen Vorsitzenden nicht das gleiche Schicksal einholt wie seine zwei Vorgänger.

Verstehen sich gut: Armin Laschet und Diana Kinnert. Quelle: privat

Sind Sie traurig, dass Armin Laschet nicht antritt?

Ich bedauere, wie mit Armin Laschet umgegangen worden ist. Das war in Teilen zutiefst unanständig und unfair. Ich nehme aber auch an, dass die Parteimitglieder einen Wechsel verlangen.

Sie tragen meist einen Hut – wie viele haben Sie eigentlich?

In Summe habe ich sicherlich einige Dutzend besessen. Aktuell wechsele ich zwischen einigen wenigen.

Und Tattoos?

Zwei.

Tauschen sich nicht nur über Themen wie Digitalisierung aus: Messe-Chef Jochen Köckler und Diana Kinnert in Hannover. Ihr Vortrag für die Techtide wurde dort aufgezeichnet. Quelle: Deutsche Messe AG

Ihr Vortrag für die Techtide in Hannover wurde vorab aufgezeichnet. Worüber sprechen Sie? Und warum sind Sie nicht persönlich da?

Aktuell bin ich auf einer Reise nach Japan und besuche dort einige junge Unternehmen, Forschungsinstitute und Regierungsstellen. Wir arbeiten zur Zukunft der Pflege, es geht um Robotik und intelligente technologische Lösungen. Auf der Techtide will ich gerne darüber sprechen, dass jede technologische Neuerung neue Werte, Kulturen, soziale Mechanismen mit sich bringt, mit denen wir auch gesellschaftliches Miteinander verändern. Wenn wir am Ende digital vereinzeln, jeder in seinem eigenen Algorithmus gefangen ist, kann das Zusammenhaltende, das Gemeinwesen, bröckeln. Dafür will ich sensibilisieren.

Von Mirjana Cvjetkovic