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Leben in Hannover So half die Kunst Lilly Helja Jonasson zurück ins Leben
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Hannover: So half die Kunst Lilly Helja Jonasson zurück ins Leben

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07:00 23.11.2021
Glücklich mit dem, was sie schafft: Künstlerin Lilly Helja Jonasson in ihrem Atelier in der Oststadt.
Glücklich mit dem, was sie schafft: Künstlerin Lilly Helja Jonasson in ihrem Atelier in der Oststadt. Quelle: Dröse
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Hannover

Neun Jahre ist es her, seit ihr Körper sie in ihre Schranken gewiesen hat: Da saß Lilly Helja Jonasson (38, das ist ihr Künstlername – den echten behält sie lieber für sich) im Büro am Schreibtisch. Die Architektin und Bauleiterin wollte gerade eine Mail schreiben, als ihr Körper plötzlich begann zu zittern und ein Krampfanfall sie ereilte. „Ich habe es noch geschafft, zu schreien“, erinnert sie sich – und konnte so ihren Chef auf sich aufmerksam machen.

Rettungssanitäter transportierten sie in eine Klinik, in den nächsten vier Tagen sollten 20 Anfälle folgen. Nachdem Ärzte die junge Frau medizinisch auf links gedreht hatten, stellten sie fest: Jonasson leidet an dissoziativen Krampfanfällen. Sie werden nicht durch körperliche Erkrankungen ausgelöst, sondern sind in ihrem Fall psychosomatisch bedingt. „Ich musste das selbst erst einmal verstehen“, erklärt die 38-Jährige. Aufenthalte in Kliniken halfen dabei, wieder auf die Beine zu kommen. Und das Geschehene psychisch zu verarbeiten und Wege zu finden, präventiv mit der Erkrankung umzugehen.

Bei der künstlerischen Arbeit: Lilly Helja Jonasson beklebt Holzklötze mit zerschnittenen Fotos. Hier scheint ihr Beruf als Architektin durch. Quelle: Dröse

Was Jonasson da noch nicht ahnte: Die Diagnose sollte noch im Krankenhaus Wegbereiter für ihre Karriere als Künstlerin werden. „Ich hatte so ein Chaos im Kopf, konnte gar keinen klaren Gedanken fassen“, erinnert sie sich an die einschneidende Zeit im Jahr 2012. Sie war so wütend auf das, was geschehen war, nicht mehr die Kontrolle über ihren Körper zu haben, litt außerdem an Sprachfindungsstörungen. „Ich habe angefangen, Zeitschriften in Schnipsel zu reißen und wieder zusammenzusetzen.“

Jonasson zerschneidet Fotos, um sie neu zusammenzufügen

Sie merkte, dass es sie beruhigte und ihr auch half, sich auszudrücken. Jonasson begann mit dem Handy im Zimmer zu fotografieren: Blumensträuße, Fenster, die Außenwelt. Jonasson bat ihre Mutter, die Motive auszudrucken, ihr Papier, eine Schere und Klebstoff mitzubringen. Aus den Fotos, fertige sie Collagen an: Sie zerschnitt die Bilder in kleine Stücke, klebte sie dann in neuer Anordnung zusammen.

Fotos aus dem Krankenzimmer: Aus einzelnen Motiven hat Lilly Helja Jonasson geometrische Schnipsel geschnitten und wieder zusammengefügt. Quelle: Lilly Helja Jonasson

„So konnte ich meine Wut, die Angst und das Chaos in meinem Kopf verarbeiten“, erklärt sie. Für die Technik gab es keinen Begriff – bis Jonasson ein neues Wort für ihre Werke gefunden hat: „Splittografielage“. Heißt: Das ursprünglichen Foto wird durchs Zerschneiden aufgesplittet und in einer Collage neu zusammen gesetzt. Was unabdingbar dazugehört sind ihre Emotionen, „denn jedes Foto ist mit einem bestimmten Gefühl verbunden.“

Collagen wohin man schaut: Lilly Helja Jonasson fertigt ihre Werke in unterschiedlichen Größen an. Quelle: Dröse

Zwei, drei großformatige Bilder fertigte Jonasson an, gönnte sich dann aber eine Pause. Krankenhausaufenthalte nahmen viel Zeit in Anspruch, der Kopf rauchte gewaltig. Sie konnte keine Kunst mehr schaffen, so schön dies auch war. Die 38-Jährige hörte nun im Gegensatz zu früher auf Warnsignale, die sie vor dem ersten Krampfanfall überhaupt nicht wahrgenommen hatte. „Ich habe immer sehr viel gearbeitet, außerdem sehr viel Sport getrieben, meinen Körper nie eine Pause gegönnt.“ Der habe versucht, ihre private und berufliche Rastlosigkeit zu kompensieren – lange ohne Erfolg, bis es knallte.

Augenflattern, Schwindel, Zittern

Wenn sie heute – Jonasson ist nach einer Auszeit wieder als Bauleiterin in das Architekturbüro zurückgekehrt – Vorsymptome wie Augenflattern, Schwindel und Zittern verspürt, zieht sie sofort die Reißleine und nimmt sich aus dem Alltagsgeschehen raus: „Ich habe keine andere Wahl.“ Auto fährt sie längst nicht mehr.

Lilly Helja Jonasson

*15. Februar 1983 in Walsrode. Sie wächst dort mit ihrer alleinerziehenden Mutter und zwei Brüdern auf. Nach der Schule studiert sie 2010 an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim Architektur. „Ich kreiere gerne etwas, das dann gebaut wird.“ Sie kehrt in ihren Heimatort nach Walsrode zurück, fängt als Bauleiterin in einem Architekturbüro an. 2012 erkrankt sie, leidet an dissoziativen Anfällen. Nach monatelangen Reha-Maßnahmen arbeitet sie wieder – und widmet sich vermehrt der Kunst. Sie liebt die Stadt London und spielt gerne Gitarre, ein Kindheitstraum. Jonasson ist mit dem hannoverschen Künstler Sebastian Maria Otto (47) liiert. www.lillyhj.de

Es hat seine Zeit gebraucht, bis sie gelernt hat, mit ihrer Erkrankung umzugehen. Was nicht nur bedeutete, den Schwerbehindertenausweis zu akzeptieren. Es gab viele, zum Teil auch schmerzhafte Gespräche, die offenbart haben, warum starke Emotionen oder Stress so heftige körperliche Reaktionen bei ihr auslösen. Irgendwann sagte sich: „Ok, das ist ein Teil von mir. Ich bin der gleiche Mensch wie vorher, nur mit diesen Krampfanfällen eben.“ Sie wurde nach und nach immer offener, konnte über sich reden. „Da meine Kunst mit Emotionen verbunden ist, lässt sich das nicht vermeiden.“

Sie teilen nicht nur ihre Gefühle, sondern auch Kunst und Krankheitsgeschichte: Lilly Helja Jonasson und Sebastian Maria Otto stellen gemeinsam Kunst aus. Quelle: Christian Behrens

Und auch eine ganz besondere (Wieder-)Begegnung ließ sich nicht vermeiden: Bei Instagram las die gebürtige Walsroderin von dem Schicksal, das Sebastian Maria Otto (47) ereilt hatte – im Herbst hatte dem Künstler ein geplatztes Aneurysma im Kopf fast das Leben gekostet, mehrere Operationen retteten ihm das Leben. Die beiden hatten sich schon 2015 kennengelernt, dann aber wieder aus den Augen verloren. Damals hatte Otto ihr die Freude an ihrer eigenen Kunst gegeben: „Er zeigte mir, dass Gefühle nicht nur Traurigkeit, Verwirrung und Wut, sondern auch Liebe und Glücklichsein bedeuten. Ich bekam wieder Lust, Gefühle als schöne Momente zu verarbeiten.“

Nun war sie verstärkt für ihn da, half ihm, Minischritte zurück ins Leben zu gehen. „Es verbindet, zu wissen, wie schnell es mit der Gesundheit vorbei sein kann“, beschreibt Jonasson. Sie führten intensive Gespräche über ihre Erkrankungen, die Ängste, die sie hatten und immer noch haben. Die gemeinsame künstlerische Sprache schnürte das Band zwischen ihnen noch enger – sie wurden ein Liebespaar, wohnen mittlerweile auch zusammen.

Vorher, nachher: Rechts das ursprüngliche Foto, das Lilly Helja Jonasson zu einem neuen Bild („Admire“) zusammengefügt hat. Quelle: Lilly Helja Jonasson

Ihr Glück krönen die beiden nun mit ihrer ersten gemeinsamen Ausstellung in der Weinboutique „Zwei in zwanzig“ an der Lindener Laportestraße, dort hängt auch ihr erstes gemeinsames Bild „Lost in Beauty“. In seinem Atelier am Volgersweg hat Otto Platz gemacht, seiner Freundin Raum für ihre Kunst gegeben – sie teilen sich die Werkstätte ab sofort. Am 4. Dezember laden sie hier zum Tag der offenen Tür ein. Unter guten Vorzeichen: Er ist weiter auf dem Weg der Besserung, sie hatte seit einem Jahr keine Krampfanfälle mehr. Möge es so weitergehen!

Die gemeinsame Ausstellung von Lilly Helja Jonasson und Sebastian Maria Otto ist noch bis zum 28. November in der Weinboutique zu sehen. Mittwoch, Donnerstag und Freitag von 15 bis 19 Uhr, Sonnabend von elf bis 14 Uhr. Den Tag der offenen Tür startet das Künstlerpaar am 4. Dezember zwischen 14 und 18 Uhr im Atelier am Volgersweg 19 – es gilt die 2G-Regel.

Von Mirjana Cvjetkovic