Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Leben in Hannover Warum muss man in der Gastronomie jeden Tag strahlen, Herr di Michele?
Hannover Leben in Hannover

Hannover: Restaurant "Raffaele" mit Crosella und viel Herzenswärme

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:00 01.12.2021
Gute Laune: Raffaele di Michele ist in seinem Restaurant ein strahlender Gastgeber.
Gute Laune: Raffaele di Michele ist in seinem Restaurant ein strahlender Gastgeber. Quelle: Elena Otto
Anzeige
Hannover

Seit 2018 führt Raffaele Di Michele (47) sein „Raffaele’s“ in der Geibelstrasse. Den Außenbereich des Mini-Restaurants hat er liebevoll wetterfest gemacht – mit Thermogardinen, Heizkörpern und liebevoller Dekoration.

Wie blicken Sie in die Zukunft?

Ich denke, das ist jetzt auch die Vorstufe für den nächsten Lockdown. Was bringt uns auch 2-G-plus, wenn die Menschen alle medial wahnsinnig gemacht werden und sowieso nicht mehr raus gehen?

Wie sind Sie in die Gastronomie gekommen?

Ich habe Restaurantleiter gelernt. 1988 bin ich nach Hannover gekommen und meine erste Anlaufstelle war das „Rotonda“. Dort war ich 18 Jahre. Danach habe ich vier Jahre auf Sylt gearbeitet und 2008 das „Abendmahl“ an der Hildesheimer Straße ins Leben gerufen. Das lief bis 2017 super erfolgreich, aber dann wurde es mir zu viel und ich habe es verkauft. Ich wollte etwas kleineres.

Warum?

Es bringt nichts, nur Geld zu verdienen. Ich möchte auch leben. Im „Abendmahl“ habe ich rund um die Uhr nur gearbeitet, von morgens um zehn bis nachts um ein, zwei Uhr. Das wollte ich nicht mehr. Im „Raffaele’s“ ist bis halb neun Küche, 22 Uhr ist Feierabend.

Wie würden Sie ihre Küche beschreiben?

Ich bin nicht experimentierfreudig. Ich brauche keinen Schaum oder Schickimicki. Eine ehrliche, gut gemachte Penne all’arrabiata und gut ist (lacht). Wir arbeiten immer mehr mit einer Tagesempfehlung. Im Moment haben wir Salzwiesenlamm aus Föhr mit Steinpilzen, frische Seezunge haben wir immer da, in Butter und Salbei angebraten. Im Moment gibt es Wintertrüffel, Kalbsleber, Ziegenkäseravioli mit Walnuss und karamellisierter Birne, Ravioli mit Hirsch und Pflaumen kommen jetzt ebenfalls.

Das Essen hier ist nicht günstig. Warum?

Wenn man gut essen gehen möchte, muss man diese Qualität eben auch bezahlen. Wer bei mir Rinderfilet bestellt, bekommt ein Filet aus Argentinien – und das kostet nun mal 35 Euro das Kilo. Ich könnte auch Fleisch aus Uruguay oder Brasilien kaufen für zwölf Euro das Kilo. Mache ich aber nicht, weil ich keine Lust auf Reklamationen habe.

Stilvoll: Seit 2018 gibt es das Restaurant „Raffaele’s“ an der Geibelstraße. Quelle: Michael Wallmüller

Viele Gäste schauen gar nicht in die Karte. Wie kommt das?

Ich sehe einen Gast an – und ich weiß, was ihm gefallen könnte. Mein Ziel war es schon immer, ohne Speisekarte zu arbeiten. Inzwischen machen neun von zehn Gästen das auch mit.

Welche Eigenschaft braucht ein guter Wirt?

Disziplin. Konstant muss man sein. Immer zuhören und niemals seine Probleme nach außen kehren. Ich versuche, jedem meiner Gäste hier eine schöne Zeit zu bereiten.

Was machen Sie als Ausgleich zur Arbeit?

Schlafen (lacht). Ich liebe es. Ich brauche aber eigentlich keinen Ausgleich, ich sehe meine Gäste als Menschen, mit denen ich Spaß habe. Natürlich hatte ich schon Gäste, die auf der einen Seite freundlich waren, mich am Ende bei Google aber schlecht bewertet haben. Das ist etwas, was mich manchmal belastet – diese Mentalität, nicht miteinander zu reden. Konstruktive Kritik ist ganz wichtig. Wenn das Essen mal zu salzig war, dann muss man mir das sagen. Dann kann ich es neu machen oder nicht berechnen. Das kann immer mal passieren, auch dem besten Koch.

Haben Sie überhaupt noch Zeit, woanders essen zu gehen?

Nein. Ich bin immer hier. Manchmal komme ich sogar sonntags hierher und genieße den leeren Laden. Ich brauche nur meine Penne all’arrabiata und bin glücklich. Es ist so ein tolles Gericht und man braucht nicht viel: gute Spaghetti, leckere Kirschtomaten, ein bisschen Knoblauch, ein bisschen Schärfe, perfekt.

Bei Ihnen auf der Karte findet man „Crossella“. Was ist das?

Crossella ist eine römische Pizza, der Teig ruht 18 Stunden und ist aus Sojamehl und Reismehl gemischt. Deshalb ist das Gericht nicht so schwer wie ein typische Pizza. Außerdem geben wir keine Tomatensauce darauf, damit der Boden nicht so feucht wird, sondern kleine Kirschtomaten. Crossella ist unser Markenzeichen.

Raffaele Di Michele

*28.08.74 in Forggia (Italien). Schon mit 14 Jahren verlässt er die Heimat. Mit 18 Jahren arbeitet er im „Rotonda“, lernt alles, was ein Restaurantleiter wissen muss. 2009 eröffnet er das „Abendmahl“, wechselt 2018 aber in das kleine „Raffaele’s“ (Geibelstraße 45, Telefon 0178/4905629). Geöffnet ist Montag bis Sonnabend von elf bis 21 Uhr. Auf der Karte stehen „mediterrane Originalrezepte“ wie Fettucine al Ragu (10,50 Euro) oder Scaloppina Pizzaiola (12,50 Euro). Infos unter www.raffaeles-hannover.de

Fünf Lebensmittel, auf die Sie auf einer einsamen Insel nicht verzichten könnten?

Pasta. Ein gute Tomatensauce. Knoblauch und Chili.

Mögen Sie Weihnachten?

Ich liebe Weihnachten. Dieser ganze Schmuck, das ist wunderbar. Ich hätte im Lokal gern noch mehr dekoriert. Im „Abendmahl“ hatte ich früher eine handgemachte Krippe, die war drei Meter lang. Für das „Raffaele’s“ habe ich sie mir in ein Meter Länge nachbauen lassen – mit Brunnen, Pizzabäcker und einer Frau, die Wäsche ausschüttelt.

Strahlemann: Raffaele di Michele ist Wirt mit Leidenschaft. Quelle: Elena Otto

Sind Sie mehr Sommer- oder Wintermensch?

Natürlich Sommer. Aber wir sind in der Gastronomie. Du kannst hier nicht depressiv rumlaufen. Du musst jeden Tag strahlen. Egal wie das Wetter ist.

Von Luisa Verfürth