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Leben in Hannover Darum heißt das neue Café der Kestner Gesellschaft „Tender Buttons“
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Hannover: Neues Café "Tender Buttons" in der Kestnergesellschaft

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11:10 04.10.2021
Ort der Begegnung: Adam Budak freut sich über das Café „Tender Buttons“ in der Kestner-Gesellschaft.
Ort der Begegnung: Adam Budak freut sich über das Café „Tender Buttons“ in der Kestner-Gesellschaft. Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Die Sessel sind mit dunkelgrünen Samt bezogen, auf den kleinen Tischen stehen Vasen mit Margeriten, hinter dem Tresen leuchten in orange die Buchstaben „Tender Buttons“. Zärtliche Knöpfe heißt das neue Café im Art-déco-Stil im ersten Stock der Kestner Gesellschaft. Dem Namen auf die Spur kommt man, wenn man den versponnenen Klavierstücken aus den Lautsprechern lauscht.

Keine Hintergrundmusik, sondern die Vertonung der Texte, die Gertrude Stein (†72) in ihrem Büchlein „Tender Buttons“ 1914 veröffentlichte. „Dieses Café ist ein Gesamtkunstwerk“, sagt der neue Direktor Adam Budak (54). Die Kestner Gesellschaft sei nur zwei Jahre später gegründet worden – „wir sprechen von derselben Avantgarde“.

„Tender Buttons“ ist „das Libretto für ein Café“

Der Mann, der seit November 2020 dabei ist, dem Kunsthaus seine Handschrift aufzudrücken, holt aus, gerät ins Schwärmen. „Ich bin verliebt in dieses Büchlein“, sagt Budak und rezitiert englische Sätze aus dem ersten kubistischen Roman, der nicht linear erzählt, aber an vielen Stellen pure Poesie ist. „Und Erotik“, wie Budak betont. „Gertrude Stein war eine provokante Dame, eine Muse von Pablo Picasso.“

Die amerikanische Schriftstellerin, Verlegerin und Kunstsammlerin hat „Tender Buttons“ in die Abschnitte „Objects“, „Food“ und „Rooms“ aufgeteilt. „Das ist quasi das Libretto für ein Café“, findet Budak und blättert sogleich zu einem Abschnitt mit Aufzählungen von Nahrungsmitteln, der sich liest wie eine Kochanleitung. „So ein Menü könnten wir mal anbieten“, steigt Heiko Voßgröne (49) ein – seine Kaffee-Rösterei Cereza betreibt das Mini-Café. Der Unternehmer und seine Frau sind seit vielen Jahren Mitglied im Freundeskreis des Kunsthauses. Auf einer Direktorenführung erfuhr er von den Café-Plänen, „da bin ich gleich hellhörig geworden.“

Kaffee-Freunde: Adam Budak, Direktor der Kestner Gesellschaft, und Heiko Voßgröne, der das Café betreibt. Quelle: Frank Wilde

Eine eigene Röstung stellte Voßgröne für die Kestner Gesellschaft zusammen – „mit Bohnen aus Malawi, Hannover hat ja eine Partnerstadt in dem Land, das war mir wichtig“. Im Cappuccino kann man das Geschmacksprofil „Zartbitter, Karamell, Nougat“ erahnen. „Die Bohnen sind nicht dunkel geröstet, so bleiben die Aromen erhalten.“ Voßgrönes Ziel: „Der Kaffee soll die Kunst widerspiegeln.“ Und Kaffee soll nur „der erste Schritt“ sein, Direktor Budak will kulinarisch weiterdenken, ein Restaurant im Erdgeschoss würde ihm gefallen. Derzeit wird der Raum, der Ende der 90er Jahre „Harry’s Bar“ war, als Kino für kuratierte Kunstfilme genutzt.

„Tender Buttons“ ist während der Ausstellungszeiten öffentlich zugänglich, Espresso und Cappuccino kann man auch ohne Kunsthaus-Eintritt genießen, vor der Tür ist auch eine Terrasse geplant. Warum wieder Gastronomie im ehemaligen Schwimmbad an der Goseriede? „Museen sind soziale Orte, es geht um Bewegung, Beziehung, Zusammensein“, findet der 54-Jährige und verweist auf Alexander Dorner, erster Direktor der Kestner Gesellschaft. „Er hat Museen als Kraftwerke bezeichnet.“ In diese Fußstapfen will der gebürtige Pole, der zuvor künstlerischer Leiter der Prager Nationalgalerie war, treten.

Und das Steintor erobern. „Wir wollen Austausch mit dem Viertel schaffen, Netzwerke mit der Nachbarschaft schließen.“ Zum Beispiel mit der Pflanzen-Kochschule am Klagesmarkt, der Pizzeria auf dem Goseriedeplatz, dem Internationalismus-Buchladen in der nahen Nordstadt. Die Nikolaikapelle werde als Ausstellungsort genutzt, rund um den großen Baum gegenüber des Gebäudes hat Malte Taffner „A Fragment of Eden“, eine Installation mit Blumenwiese und Gitterrosten, errichtet. Seine Eröffnungsrede vor drei Wochen hat Budak unter freiem Himmel gehalten.

Malte Taffner errichtet „A Fragment of Eden“ auf dem Goseriedeplatz gegenüber der Kestner Gesellschaft Quelle: Michael Wallmüller

Transparente Fenster sollen Blick öffnen

„Wir wollen sichtbar sein“, sagt der 54-Jährige. „Und wir wollen nach draußen gucken. Ich will die schönste Stadt Deutschlands sehen“, kokettiert er mit dem klassischen Hannover-Understatement – das monumentale 16 mal vier Meter große Kunstwerk der Südkoreanerin Jonsuk Yoon auf der Café-Ebene heißt bezeichnender weise „Ihme“, im Erdgeschoss hängt „Maschsee“. Sehnlich erwartet wird deshalb das neue, transparente Glas für den ersten Stock, es soll einen Streifen der Milchglasfassade öffnen, den Blick nach draußen gewähren.

Der neue Direktor: Adam Budak leitet die Kestner Gesellschaft. Quelle: Nancy Heusel

Dass der am Steintor mit dem nahegelegenen Rotlichtviertel nicht immer rosarot ist, akzeptiert der Mann, der Theaterwissenschaften und Philologie sowie Kunstgeschichte und Philosophie studiert hat. „Ich weiß um die Komplexität des Platzes, ich mag diese zwei Welten.“ Und noch ein Satz macht Hoffnung darauf, dass Budak die Kunst- und Kulturszene der Stadt aufmischen wird. „Ich bin neu. Und neugierig.“

Von Andrea Tratner