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Leben in Hannover Hannover: Leibniz-Ring für Rita Süssmuth
Hannover Leben in Hannover Hannover: Leibniz-Ring für Rita Süssmuth
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21:47 11.11.2014
Von Mirjana Cvjetkovic
IN BERLIN: Rita Süssmuth (rechts) in ihrem Büro mit NP-Redakteurin Mirjana Cvjetkovic. Im Gespräch zum Leibniz-Ring gabs Leibniz-Kekse.
IN BERLIN: Rita Süssmuth (rechts) in ihrem Büro mit NP-Redakteurin Mirjana Cvjetkovic. Im Gespräch zum Leibniz-Ring gabs Leibniz-Kekse.
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Frau Süssmuth, Sie werden mit dem Leibniz-Ring ausgezeichnet: Geehrt werden Menschen mit „herausragenden Leistungen“. Was ist für Sie eine ebensolche?
Wenn Menschen sich für andere einsetzen. Sei es als Vermittler im Krieg, um Frieden herzustellen. Sei es in Flüchtlingscamps, wo sie sich selbst auch Risiken aussetzen. Oder in der Behindertenarbeit oder in der Kultur. Es muss darum gehen, etwas zu wagen und für die Allgemeinheit zu leisten.

Wie wichtig ist es, ein gutes Vorbild zu sein?
Mit dem Begriff Vorbild bin ich vorsichtig, jeder Mensch hat Schwächen und Stärken. Aber wenn Sie mich fragen, was mir wichtig war, dann habe ich ein paar Beispiele, bei denen mir aber erst später deutlich geworden ist, worauf es ankam. Ich nenne Aids. Es trat natürlich Panik auf –viele hatten Angst, fragten sich: Bekomme ich es auch? Werde ich sterben? Heute ist das eine ganz andere Situation. Aber in der Panik reagieren Menschen sehr abgrenzend und ausgrenzend – bis in die Politik.

Wie haben Sie dagegen angekämpft?
Es gab Gruppierungen, auch in der Politik, die meinten, Erkrankte müssten ständig getestet oder auf eine einsame Insel geschafft werden, damit sie nicht mehr unter uns sind und wir die weitere Verbreitung des Virus vermeiden. Es ist uns aber gelungen, einen präventiven Ansatz zu setzen. Deutschland war das Land, das mit diesem Ansatz bewiesen hat: Bei uns gehen die Neuinfektionsraten herunter! Wenn einem gelingt zu zeigen, dass Menschen eigenverantwortlich handeln können, kommt auch der Erfolg. Das habe ich durchgehalten wie einen roten Faden. Natürlich gibt es einzelne Menschen, die diese Verantwortung nicht wahrnehmen. Da gilt es durchzugreifen und sich gegenüber Mitmenschen verantwortlich zu zeigen.

Sie haben viel verändert – auch in anderen Belangen.
Veränderung ist ein wichtiger Satz für mich. Wir haben große Schwierigkeiten damit, wenn es um Veränderung geht. Ich habe das zum Beispiel bei der Migration erlebt. Da war es ja fast so weit, dass meine Partei mich nicht mehr wollte, weil ich den Vorsitz einer unabhängigen Kommission mit Hans-Jochen Vogel (SPD, u.a. früherer Bundesjustizminister, die Red.) übernommen habe. Es hieß, wir sind kein Einwanderungsland, nur ein Rotationsland, Menschen kommen und gehen wieder. Ich habe dann nur gefragt: Und wieso sind dann so viele hier, wenn die alle wieder gehen? Integration ist parteiübergreifend eine Aufgabe aller Demokraten. Und wir erleben trotz aller Schwierigkeiten, sie ist möglich!

Zum Beispiel wie?
Kinder können lernen, wenn wir sie fördern. Ich erlebe immer wieder Kinder, von denen gesagt wird, die sind nicht bildbar. Kürzlich habe ich einen Neunjährigen getroffen, der Fünfen und Sechsen in Mathematik hatte. Ein eingeschüchtertes Kind. Die Lehrerin bat zwar um Unterstützung, sagte aber, dass wohl nicht viel dabei herauskommen würde. Ein Trugschluss: Dieses Kind hat sich durch individuelle Zuwendung, Förderung und Ermutigung wunderbar entwickelt. Er schreibt jetzt Dreien.

Welche Werte vermissen Sie in unserer Gesellschaft?
Umgangskultur im Alltag. Es hat eine neue verbale Brutalität gegriffen, die oft mit Verstand und Rücksicht überhaupt nichts mehr zu tun hat. Bei Twitter habe ich den Eindruck, da wird einfach nur ausgespuckt. Da wird oft nicht reflektiert und Verantwortung gezeigt. Berg und Tal begegnen sich nicht, aber sehr wohl die Menschen. Das muss schon ganz früh eingeübt werden. Schon Kinder bestehen auf ihrer Macht.

Wie meinen Sie das?
Sie geben in der Schule schon Antworten, die wir nicht zulassen dürfen. Etwa: ‚Wirst du bezahlt oder ich?, als ein Lehrer das Kind bat, schon mal die Tafel zu putzen. Das ist Entgleisung des Umgangs. Wir müssen viel stärker darauf achten, dass verbindliche Regeln auch eingehalten werden. Wenn überhaupt niemand mehr sagt, wo es langgeht und welche Regeln verbindlich einzuhalten sind, dann haben wir ein furchtbares Chaos und jeder kämpft gegen jeden.

Und mit welchen positiven Werten und Umgangsformen sehen Sie sich bei uns konfrontiert?
Dass ich die überhaupt erfahren darf, finde ich toll. Die junge Generation heute ist in Teilen sehr feinfühlig, denkt nach, engagiert sich im zivilgesellschaftlichen Bereich – sei es in der Feuerwehr oder im Umweltschutz. Diese Offenheit ist toll. Und, dass sie sich fragen: Was in meinem Leben ergibt Sinn? Viele helfen Schwächeren und Benachteiligten, sind Konfliktvermittler – auf die müssen wir viel mehr schauen und ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken.

Erzählen Sie von Ihrer Zeit als Direktorin des Instituts Frau und Gesellschaft in Hannover.
Dort habe ich sehr viel gelernt. Das Institut befand sich an der Goethestraße, keine wirkliche Vorzeigeadresse, und wurde eher mit der Rotlichtszene und Prostituierten in Verbindung gebracht. Ich habe mit vier, fünf Mitarbeiterinnen begonnen, Konzepte entwickelt und Heidenspaß an der Arbeit gehabt. Das letzte Projekt, ehe ich 1985 ging, war das Thema Ehescheidungen in Deutschland. Edmund Stoiber hatte behauptet, die heidnischen, nördlichen Länder, die haben die hohen Scheidungsraten – wir in Bayern nicht. Das wollten wir widerlegen – und haben es auch geschafft (lacht). Zum Schluss waren es 30 Mitarbeiter! Im Institut bin ich dazu gekommen, Dinge anzupacken, von denen andere oft gesagt haben, das kommt nicht in Frage.

Haben Sie ein Beispiel?
Als die Idee an mich herangetragen wurde, den Reichstag von Christo verhüllen zu lassen, war ich Bundestagspräsidentin, begeistert und eine Befürworterin. Es war 1989, der richtige Zeitpunkt! Aber so leicht war es nicht, es gab heftigen Widerstand. Es hieß, den Reichstag berührt man nicht, es sei ein sakrosanktes Gebäude. Als das Abstimmungsergebnis für die Verhüllung kam, fiel es mir wie eine schwere Panzerrüstung von meinem Körper (lacht). Die Aktion hat begeistert, die Menschen haben nachhaltige Erinnerungen mitgenommen.

Wie stehen Sie zur Frauenquote?
Ich war keine Verfechterin der Frauenquote. Mein Motto war immer, wer die Quote nicht will, muss die Frauen wollen. Die Quote ist keine Alternative zur Qualifikation! Aber bei gleicher Qualifikation sind die Frauen zu berücksichtigen. Ganz einfach. Frauen müssen aber aufpassen, wichtige Werte nicht zu vernachlässigen.

Was meinen Sie konkret?
Bei Führungspositionen ist mir zu eng gefasst, nur die weibliche Karriere zu sehen. Es geht darum, dass Frauen Verantwortung für andere übernehmen – nicht nur für Kinder im privaten Haushalt, der Familie. Sei es als Unternehmerin, als Geschäftsführerin oder Vorstandsmitglied. Es geht um eine Beteiligung, die gekennzeichnet ist durch Verantwortung und Können. Wir müssen wieder lernen, so miteinander umzugehen, dass menschliche Würde bestehen bleibt und wir mit dem anderen nicht verächtlich umgehen.

Wann ist Ihnen bewusst geworden, dass in der Frauenfrage einiges nicht stimmt?
Als ich mich das erste Mal auf eine Dozentenstelle beworben hatte, wurde mir bewusst, was es heißt, eine Frau zu sein. Erst kam die Frage auf, wie ich damit umgehen will, dass ich vor meinem Mann Dozentin werde. Dann kam die Frage, was ist, wenn ich ein Kind bekomme – dann könnte ich ja gar nicht mehr berufstätig sein. Das hat mich schockiert. Bei dieser Bewerbung ist die Entscheidung in mir gereift: So kann es nicht gehen.

Was von Hannover ist Ihnen in Erinnerung geblieben?
Ich habe an Hannover sehr viele schöne Erinnerungen. Weil ich das Städtebauliche sehr schätze, die Gegend um die Rundfunkanstalten damals am Maschsee mochte ich gerne. Und das Mövenpick liebte ich einfach. Und diese zauberhaften Herrenhäuser Gärten, wirklich wunderbar! Und wenn man am Rathaus vorbeifuhr, das sich da so großbürgerlich breit macht, fand ich auch sehr schön. Hannover hat ein eigenes Gesicht.