Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Leben in Hannover Hannover: Legosteine pflastern ihren Weg
Hannover Leben in Hannover Hannover: Legosteine pflastern ihren Weg
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:43 11.01.2017
Von Andrea Tratner
BRÜDER MIT DEN WARMEN BRÜDERN: Alexander (links) und Tim Kratzsch bauen viele Gebäude aus Lego nach – auch das Heizkraftwerk aus Linden (großes Bild) oder die Kröpcke-Uhr.
BRÜDER MIT DEN WARMEN BRÜDERN: Alexander (links) und Tim Kratzsch bauen viele Gebäude aus Lego nach – auch das Heizkraftwerk aus Linden (großes Bild) oder die Kröpcke-Uhr. Quelle: Droese
Anzeige
Hannover

Vor kurzem ist Tim Kratzsch umgezogen. Die neue Nachbarschaft? Freundlich, aber distanziert. Bis der 33-Jährige mit einem Karton voller bunter Klötze vor der Haustür stand: „Ich wollte unsere Hausnummer in Lego bauen“, sagt Kratzsch –
und wunderte sich gar nicht darüber, was dann passierte: Im Nu standen die Nachbarn im Kreis um ihn herum, debattierten über die richtigen Klötze, erzählten von alten Bausets im Keller – „und schon war man per du“. Ein weiterer Beweis für seine Theorie: „Lego verbindet Menschen.“

Früher verband Lego Tim Kratzsch mit seinem Bruder
 Alexander (26) – trotz sieben Jahren Altersunterschied. Schon damals waren sie die „Steinchenbrüder“: „Lego war unser Medium, unser Bindeglied“, erzählen sie von den stundenlangen Tüfteleien. Der Ältere wuchs in Magdeburg auf – ohne Lego, dafür gab es „Kleinbausteine“ der Marke Pebe. „Nach der Wende ging es dann los“, erinnert er sich, und seine Augen leuchten. Lego-Modelle mit Polizei, Feuerwehr, Piraten entstanden in seinem Kinderzimmer. Die heute Fünfjährigen starten hingegen in die Universen von Star Wars, Ninjago oder Nexo Knights. Oder mit der sogenannten Mädchenlinie „Lego Friends“: „Meine Tochter ist drei Jahre alt, sie fängt jetzt an, bewusst mit den Steinen zu spielen.“ Die zentralen Charaktere Stephanie und Andrea kennt Kratzsch inzwischen recht gut, der Grundstein für die Sammlung ist gelegt.

Sammler sind auch die Zielgruppe der „Steinchenbrüder“, die in einem winzigen 18-Quadratmeter-Laden in der Südstadt anfingen. „Da sind wir schnell rausgewachsen“, sagt Alexander Kratzsch. Er ist der Kreativ-Kopf, sein älterer Bruder der Mann für die Zahlen. Und Zahlen sind im Lego-Business wichtig. „Die alte Apotheke war ein Glücksgriff“, schwärmen die Lego-Experten über den neuen Sitz an der Davenstedter Straße 39.
Hinter dem Tresen: 200 Schubladen, in denen einst Medikamente lagerten. Nun sind in jeder Schublade noch mal ein halbes Dutzend Fächer – mit gelben Zweier-Noppen neben Jedischwertern neben roten Rundbögen neben durchsichtigen Noppen und so fort.

Wie viele Lego-Teile gibt es überhaupt? Tim Katsch zieht die Stirn kraus: „Ich vermute, dass nicht mal Lego das weiß.“ Die Brüder führen 15 000 verschiedene Elemente. Allein für Köpfe, Helme und andere Mini-Teile haben sie in einem Raum ein System mit aufeinandergestapelten Schraubenkästen aufgebaut. Nochmal 600 Schubladen mit je fünf Elementen. „Logistik ist das Kernstück unseres Geschäfts“, erklärt Tim Kratzsch: „400 000 Steine haben wir im Fundus, im Keller steht noch eine Tonne Lego, die wir noch nicht auseinanderklamüsert haben.“ Er macht verzweifelten Sammlern Hoffnung, die nach dem einen verlorengegangenen Bauteil ihres 80er-Jahre-Raumschiffes suchen: „Wir besorgen jedes Teil.“
Dieser Service kostet allerdings. Denn Lego integriert in viele Sets Bausteine, die einmalig nur dort vorkommen. „Das Gitter des Millennium-Falken von 2007 ist so selten, es kostet 300 bis 400 Euro“, weiß der 33-Jährige, „Lego ist eine Investition.“ Wie der Naboo Starfighter, Teil einer „Star Wars“-Sammlerserie, originalverpackt – und 899 Euro wert. „Väter stehen hier mit offenem Mund“, sagt Alexander Kratsch.

Gestaunt wird noch aus einem anderen Grund: Die „drei warmen Brüder“ stehen auf dem Verkaufstresen – bis ins Detail ist das Lindener Wahrzeichen nachgebaut. „Da stecken 40 Stunden Arbeit drin“, sagt Alexander Kratzsch über seine Tüftelei. „Und 800 Euro Warenwert“ – die durchsichtigen Steine stammen aus den 80ern, sind Raritäten. Der jüngere Steinchenbruder baut auch nach Auftrag und Fotovorlage – das zukünftige Haus, den Lieblingsmotorroller, die Kröpcke-Uhr.
Wenn sich mit einem leisen Surren die Schiebetür des Lindener Ladens öffnet, dann stehen da meist nicht neugierige Kinder, sondern eine andere Zielgruppe. „Männer über 40. Die blühen hier auf“, sagt Tim Kratzsch.

Info

Seit September sind die „Steinchenbrüder“ in der Davenstedter Straße 39 (Telefon 0511/85 06 68 15). Ein Erfolgsmodell: „Wir fangen schon an, schwarze Zahlen zu schreiben“, freut sich Tim Kratzsch. Das Geschäftsmodell hat drei Säulen:
- Individueller Modell-Bau (die „Warmen Brüder“ gibt es auch als Kleinversion für 96 Euro) für Privatkunden, aber auch Firmen: „Lego kennt jeder, das ist ein tolles Marketingelement.“
- Handel mit Einzelsteinen: Die „Steinchenbrüder“ kaufen Lego auf (für sechs bis zehn Euro pro Kilo), zählen, sortieren und lagern die Einzelteile.
- Aufarbeiten alter Sets: Die Brüder Kratzsch sind immer auf der Jagd nach alten Sammler-Editionen und seltenen Sets, überprüfen sie auf Vollständigkeit und füllen fehlende Steine auf.

Demnächst starten sie einen Testballon: Am 28. Januar gibt es den ersten „Bauevent“. Acht Personen bauen ab 17 Uhr in Teams zusammen ein großes Technik-Set. Die Teilnahme (inklusive Catering) kostet 39 Euro.
www.steinchenbrueder.de