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Leben in Hannover Darum liefert Jürgen Piquardt leere Bierflaschen in Herrenhausen ab
Hannover Leben in Hannover

Hannover: Kult-Gastronom Jürgen Picquardt verkauft Olivenöl

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13:43 13.10.2021
Zurück an den Ursprungsort: Jürgen Piquardt liefert bei der Herrenhäuser Brauerei Leergut ab, deren Veranstaltungsmanager Jörg Politze (links) packt mit an.
Zurück an den Ursprungsort: Jürgen Piquardt liefert bei der Herrenhäuser Brauerei Leergut ab, deren Veranstaltungsmanager Jörg Politze (links) packt mit an. Quelle: Christian Behrens
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Hannover

Eigentlich hatte er sich seinen runden Geburtstag ein bisschen anders vorgestellt: Da wollte Jürgen Piquardt (80) nach Hannover kommen, mit Freunden und Weggefährten anstoßen und zugleich das Boule-Festival in Herrenhausen wieder aufleben lassen. Am Ende hat er seinen Ehrentag pandemiebedingt zwar nicht so erlebt, „schön hatte ich es trotzdem“, erzählt der Gastronom.

Den 22. Juni verbrachte der demnach so: „Ich habe mit fast 200 Provenzalen Rosé-Wein getrunken“, sagt Piquardt lachend, Fältchen kräuseln sich um seine fröhlichen Augen. „Und wir hatten 100 Flaschen deutsches Bier, genauer gesagt Herrenhäuser.“ Die hatte dem einstigen „La Provence“-Betreiber sein Quasi-Nachbar in Frankreich, der Produzent Jens Krause (61), aus der Landeshauptstadt mit in den Südosten Frankreichs mitgebracht. Dorthin ist Piquardt im Jahr 2012 mit seiner Frau Heike (73) gezogen, das Paar lebt urig auf seinem kleinen Hof „La Minguinelle“ nahe Aix-en-Provence.

Viel ist nicht übrig geblieben: Jürgen Piquardt hat fast all seine Olivenöle in Hannover verkauft. Quelle: Christian Behrens

Bier ist in Frankreich tatsächlich auch ein Thema. Mit einem entscheidenden Unterschied: „Sie schenken es so ein, dass kein Schaum entsteht. Bei uns Deutschen undenkbar, wir machen einen richtigen Kult um die Krone.“ Nun haben es die Piquardts gerade doch für ein paar Tage in die alte Heimat geschafft, das Programm hatte es in sich: Er hat aus seinem Buch „Lust auf Pflanzenkost“ gelesen, nahm einen Termin bei seiner Heilpraktikerin wahr, traf sich mit Klassenkameraden.

Straffes Programm in wenigen Tagen

Die beiden Olivenbauer (das Paar besitzt 298 Bäume) verkauften außerdem ihre drei Ölsorten auf den Wochenmärkten am Pfarrlandplatz in Linden und dem Döhrener Fiedelerplatz. „Viel mehr Leute hätten nicht kommen dürfen“, resümiert der 80-Jährige seine Verkaufsaktion, „es sind so gut wie alle Büchsen weg.“ Er freut sich über viel Zuspruch und Besuch, das Interesse an seiner Person gefällt ihm durchaus noch: „Viele haben bestimmt auch welches gekauft, obwohl sie es gar nicht mögen.“ Dann erzählt er von der Ernte („Vor 47 Jahren habe ich den ersten Baum gepflanzt“) und von der Technik – er nutzt eine Vibriergabel in den Monaten November und Dezember, im Januar werden die reifen Oliven per Hand gepflückt und aussortiert. „Es ist sehr viel Arbeit“, sagt Piquardt und schätzt, dass im Jahr zwischen 350 und 600 Liter Öl zusammenkommen.

In Hemmingen: Der frühere Ricklinger Bio-Gastronom Jürgen Piquardt liest im Bürgersaal des Rathauses aus seinem Buch „Lust auf Pflanzenkost!“. Quelle: Torsten Lippelt

Dann betont er, dass er sein Zukunftsprogramm nicht mehr all zu sehr im Voraus plant, „höchstens auf zwei, drei Jahre. Und wenn es nicht klappt – auch nicht schlimm.“ Beim Blick auf sein Leben spricht er des Öfteren von Dankbarkeit und Demut, „mir geht es unverschämt! Ich habe es nicht nur mit einem Gott, ich habe es gleich mit mehreren Göttern.“ Endlichkeit, auch die eigene, ist in den vergangenen Jahren immer mehr ein Thema geworden. „Ich bereite mich friedvoll auf den Tod vor. Mein Leben war satt.“

Piquardt offenbart, dass es auch dazugehört, „mich für die Fehler, die ich bewusst gemacht habe, in Briefen und Telefonaten zu entschuldigen“. Dem Biogastro-Pionier war einfach wichtig, diese Dinge aus der Welt zu schaffen. Was für Fehler waren das denn? „Situationen, in den ich gelogen, auch betrogen habe. Und nicht authentisch gewesen bin.“ Was für ein Geständnis! Und die Leute? „Die konnten sich gar nicht an die Situationen erinnern. Es war schlichtweg mein Problem, mit dem ich mich nicht wohlgefühlt habe.“ Er lächelt verschmitzt: „Es hat mich überrascht. Aber ich habe deshalb nicht aufgehört, mich weiter zu entschuldigen.“

Auf dem Wochenmarkt: Jürgen Piquardt bringt auf dem Pfarrlandplatz sein Olivenöl an die Besucher. Quelle: Ilona Hottmann

Der Mann ist mit sich im Reinen. Und mit der Stadt, in der er gastronomisch so erfolgreich gewesen ist, auch. Hat er Hannover denn in den zwei Jahren Abstinenz vermisst? „Sagen wir mal so: Zu den Menschen habe ich einen intensiveren Bezug als zur Architektur.“ Viele Baustellen sind dem rastlosen 80-Jährigen aufgefallen, „generell finde ich, dass viel Land für Straßenbau wegfällt.“ Natürlich schwelgt er in schönen Erinnerungen, wenn er sich in Ricklingen aufhält (dort hat er seine Bio-Feinschmeckerrestaurants „La Provence“ und „Paradies“ betrieben) oder wenn an der Messe vorbeikommt, „an der Münchner Halle habe ich Zigaretten im Bauchladen verkauft“.

In seinem Sprinter: Jürgen Piquardt mit NP-Redakteurin Mirjana Cvjetkovic kurz vor seiner Abreise in die Provence. Quelle: Christian Behrens

Zusammenfassend sagt er zu seinem Hannover-Kurztrip: „Ich freue mich, hier zu sein. Aber ich werde auch froh sein, wieder in Minguinelle zu sein.“ Auf dem Hof gibt es nämlich eine Menge zu tun. Das Wichtigste aber: „Es ist ein Ort, an dem wir, Heike und ich, beide eine Heimat gefunden haben – sie als Österreicherin, ist als Thüringer.“

Ehe es im Mercedes Sprinter (den hat er vor 20 Jahren gebraucht gekauft, das rote Fahrzeug hat 440.00 Kilometer abgerissen) zurück nach Frankreich ging, machte Piquardt in Herrenhausen Halt, lieferte dort bei der Brauerei die 100 Flaschen Leergut ab. Und nutzte die Gelegenheit, um für das Wiederaufleben des Boule-Festivals im nächsten Jahr das Unternehmen von Chef Christian Schulz-Hausbrandt (46) erneut mit ins Boot zu holen.

Von Mirjana Cvjetkovic