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Leben in Hannover Ekkehard Reimann: „Gastro ist mein Leben“
Hannover Leben in Hannover

Hannover: Gastro-Legende Ekkehard Reimann feiert 80. Geburtstag

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19:06 07.12.2021
Fit mit 80 Jahren: Ekkehard Reimann vor seinem „P’tit Clichy“ am Weißekreuzplatz.
Fit mit 80 Jahren: Ekkehard Reimann vor seinem „P’tit Clichy“ am Weißekreuzplatz. Quelle: Dröse
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Hannover

Der Mann hat Humor. „Als ich angefangen habe, über das Alter nachzudenken, war ich 18 Jahre alt“, scherzt Ekkehard Reimann. Heute feiert er 80. Geburtstag, ist in Hannover eine Gastro-Legende, hat die Branche geprägt, viele Spuren hinterlassen. „Damals war die Lebenserwartung von Gastronomen 64 Jahre“, erinnert er sich an die ungünstige Prognose, die Stress im Job, zu viel Alkohol und üppiges Essen einkalkulierte.

Eine Prognose, die Reimann mühelos widerlegte. Er ist immer noch Gastgeber, sein „P’tit Clichy“ am Weißekreuzplatz ist die Anlaufstelle für alle, die handwerklich ausgezeichnetes Essen lieben. Was hat er anders gemacht? „Ich habe es nie übertrieben, habe auch Alkoholpausen eingelegt, mich im Urlaub erholt“, erzählt er wenige Tage vor dem Ehrentag in dem Mini-Lokal, das im Sommer 2020 aus einem ehemaligen Kiosk entstand. Wir blicken mit ihm zurück auf acht bewegte Lebensjahrzehnte in sieben Kapiteln.

Reimanns Kinderjahre: „Ich fühle mich als Kölner“

Geboren ist er in Berlin, mit fünf Jahren ging es für die Familie an den Rhein. „Ich fühle mich als Kölner“, sagt er heute noch. Die Lebenseinstellung der Menschen passe zu ihm. „Ich muss nicht jedermanns Kumpel sein, aber ein herzliches Willkommen öffnet Türen“, lautet seine Devise, die mit „aufgesetzter Freundlichkeit nichts zu tun hat. Ich finde das Leben schön – mit allen Ecken und Kanten.“

Er liebt präzise Arbeit in der Küche: Ekkehard Reimann vor einigen Jahren im „Clichy“. Quelle: Rainer Dröse

Der kleine Ekkehard hat gerne in die Töpfe geschaut. „Ich habe immer gut und gerne gegessen“, erinnert er sich mit einem Schmunzeln. „Das Talent haben mir meine Mutter und die Oma vererbt“, sagt er über die Arbeit am Herd. „Beide konnten sehr gut kochen.“

Reimanns Lehrjahre: Von „Gürzenich“ in die weite Welt

Mit 14 bricht er die Realschule ab, lernt Koch im renommierten städtischen Ballhaus „Gürzenich“ – in Köln ist das Lokal bis heute eine Institution. Reimann gehört zum Küchenteam, das in Karnevalssitzungen bis zu 2000 Jecken versorgt, im Restaurant geht Stadtprominenz ein und aus. In der Küche herrschte damals ein rauer Ton. „Es war hart, den Chefs rutschte schnell mal die Hand aus“, erinnert er sich. „Aber ich hatte Glück.“ Auch weil der Lehrjunge Reimann auf Zack war. „Ich habe schnell begriffen. Und später bei meinen Auszubildenden versucht, vieles anders und besser zu machen.“

Reimanns Wanderjahre: Schweiz, England Holland

Mit 19 geht Reimann in die Schweiz – zum ersten Mal als „Alleinkoch“ in einem Restaurant. Er fängt bei Mövenpick an, es folgen Stationen in England und in Holland („ich habe die spätere Königin Beatrix am Büffet bedient“). Aufregende Zeiten in den 1960er und 1970er Jahren. „Ich habe viel gesehen, viel erlebt – das waren meine Wanderjahre.“ Noch heute rät Reimann jungen Köchinnen und Köchen zu Auslandsaufenthalten, die den Blick über den Tellerrand ermöglichen. Ein Jahr arbeitet der junge Koch als Betriebsberater in Luxemburg, baut zusammen mit Architekten Lokale auf. Doch die Firma geht pleite.

Reimanns Hannover-Start: „Kaiserhof“ und „Clichy“

Einer der Aufträge dieser Luxemburger Firma führt den 33-jährigen Reimann 1974 nach Hannover – im Central Hotel Kaiserhof mit dem Restaurant Brunnenhof ist er fünf Jahre angestellt. „Ich war Conférencier für die Gäste, habe aber auch der Speisekarte und den Rezepten meinen Stempel aufgedrückt“, beschreibt er seine Aufgabe. Wie fand er die Stadt? „Offen, sehr freundlich.“

Hannover-Start: 1979 öffnet Ekkehard Reimann das „Clichy“, das Foto stammt aus dem Jahr 1984 – Reimann freut sich über einen Michelin-Stern. Quelle: Hannoversche Allgemeine Zeitung

Ein Grund, 1979 hier sein erstes eigenes Restaurant zu eröffnen – das „Clichy“ am Weißekreuzplatz. „Spitzenprodukte, Frische, handwerkliche Präzision“, das wollte er bieten. „Mit Gourmetküche hatte ich nichts am Hut“, sagt er, gibt aber zu, dass Paul Bocuse (†91) und dessen „Nouvelle Cuisine“ seine Vorbilder waren. Ein Erfolgsrezept war das allerdings nicht. „Am Anfang lief es fürchterlich“, sagt Reimann mit Schaudern. „Ich dachte, ich gehe pleite. Ich musste mir 10.000 Mark von meinen Eltern leihen.“

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Reimanns Durchbruch: Ein Stern für das „Clichy“

Ein Stern im Guide Michelin – „das muss 1983 gewesen sein“, rätselt Reimann. „Oder 1984? Es hat mich jedenfalls total überrascht.“ Und er erzählt die Anekdote, wie ihm ein Bekannter den renommierten Restaurantführer ins Lokal brachte, die „Clichy“-Seite aufschlug und auf eine „seltsame Blume“ zeigte. Reimann verglich das Symbol mit den Bewertungen von Sterne-Restaurants. „Ich hatte also einen Stern. Dabei hatte ich doch nur ordentlich gekocht“, sagt er mit einer gehörigen Portion Understatement.

Jubel: Mit dem „Clichy“ überzeugte Reimann die Kritiker des Guide Michelin. Quelle: NP

Von diesem Moment an lief es, ein neues Publikum rannte ihm die Bude ein – „die Leute waren neugierig. Aber nicht alle dieser Gäste waren angenehm“, sagt er über die Klientel der „Sternefresser“, die mit hohen Ansprüchen anreisen. Auch heute noch hat Reimann die Sterneküche im Blick. Aber: „Die ganze Branche hat sich geändert. Vieles von dem, was Tony Hohlfeld im Jante macht, das kann ich nicht.“ Und will er auch gar nicht.

Reimanns Erfolgsjahre: „Eine umtriebige Zeit“

Die 1990er und Nullerjahre waren atemlos. „Es war eine umtriebige Zeit“, sagt Reimann über eine Phase mit vielen Restaurants, vielen Namen, vielen Kurswechseln. Das „Gattopardo“ zählte zu den großen Erfolgen, auch das „Reimanns“ in der Galerie Luise lief super. Reimann mischte auf Schützenfest und Maschseefest mit, war Teil der Tafelrunde mit den besten Küchenmeistern der Stadt, tischte beim Festival „Hannover isst phantastisch“ vor der Oper auf.

Hannovers Spitzenköche in den 90er Jahren. Hinten von links: Helmut Ammann (Landhaus Ammann), Jürgen Piquardt (La Provence), Andreas Gehrke (La Forge, Schmiedegasthaus Gehrke), Heinrich Stern (Sterns Restaurant im Georgenhof). Unten von links Ekkehard Reimann (Restaurant Clichy), Rainer Feuchter (Restaurant Lila Kranz), Wilhelm Strohdach (Restaurant Hopfenspeicher). Quelle: Handout

Er hatte aber nicht immer ein gutes Händchen. Das „Königsberg“ an der Lister Meile? Der 80-Jährige winkt ab – „das war ein Schuss in den Ofen“. Auch das „Röhrbein“ im Joachimszentrum war kein Engagement von Dauer. Es gab Rückschläge, Enttäuschungen. Er habe seine Lehren aus diesen hektischen Jahren gezogen: „Es waren zu viele Hochzeiten, auf denen ich getanzt habe.“ Denn worum es gehe, sei „Präsenz zu zeigen, für Gäste und Mitarbeiter da zu sein.“

Packt mit an: Ekkehard Reimann erweitert das „Reimanns Eck“ – er nutzt die Räume des Casa. Quelle: Michael Thomas

Nur bei einer Sache kann er nicht widerstehen: 2010 eröffnet er „Reimanns Eck“ schräg gegenüber von seinem „Clichy“ – „ich war schon lange heiß auf das ,Härke-Eck’, aber ich musste 15 Jahre darauf warten.“ Bereut hat er es nicht. „Ein Highlight, neben dem ,Clichy’ das Beste, was ich gemacht habe.“

Reimanns „Halbruhestand“: „Gastro ist mein Leben“

Ein Gastronom, der die 70 überschritten hat. Reimann will kürzertreten, plant den Ruhestand – 2018 schließt er das „Clichy“ nach 39 Jahren, übergibt „Reimanns Eck“ an die Junggastronomen um Björn Hensoldt (31) und seine Firma Gastrotrends. Reimann bleibt Berater, bezieht eine Leibrente, geht viel spazieren, hält Schwätzchen auf der Lister Meile, abends liest er und schaut Fernsehen. „Es war sehr langweilig“, sagt er mit einem kleinen Seufzen.

Generationenwechsel: Ekkehard Reimann übergibt das „Reimanns Eck“ an Björn Hensoldt und seine Firma Gastrotrends. Quelle: Christian Behrens

„Gastro ist mein Leben.“ Ein Satz, den man dem Mann glaubt, der mitten in der Corona-Pandemie im August 2020 sein Mini-Lokal „P’tit Clichy“ am Weißekreuzplatz eröffnet. Corona macht ihm wie allen in der Branche zu schaffen. „Aber ich bereue nichts“, sagt er und meint damit irgendwie auch seine gesamte berufliche Laufbahn. Nur eines nage ein bisschen an ihm: „Ich bedaure, dass ich nie Kinder bekommen habe, ich sehe gerne kleine Menschen heranwachsen.“ Aber es habe nie die richtige Frau an seiner Seite gegeben.

Er ist immer noch da: Das Foto entstand beim Abschied aus dem „Clichy“ 2018, zwei Jahre später eröffnete Reimann das „P’tit Clichy“. Quelle: Frank Wilde

Zwei Stunden Büro, drei als Gastgeber im Lokal – maximal. Im Winter Urlaub im Allgäu („Ich liebe Schnee“), im Sommer Sylt, außerdem Städtereisen. Mit 80 geht Reimann sorgsam mit seinen Kräften um, genießt die Arbeit, das Leben. Den Geburtstag feiert er („in Dankbarkeit und Demut, ich habe schon viele Freunde gehen sehen“) heute in Köln, im Kreis der Familie, besonders freut er sich auf seine Großnichte Nora, sie ist zweieinhalb. „Donnerstag bin ich wieder da“, verspricht er allen, die eine Tischreservierung im „P’tit Clichy“ haben.

Von Andrea Tratner