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Leben in Hannover Deshalb glaubt Konstantin Wecker an Utopien
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Hannover: Deshalb glaubt Konstantin Wecker an Utopien

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15:00 23.11.2021
Nimmt kein Blatt vor den Mund: Konstantin Wecker ist politischer als je zuvor.
Nimmt kein Blatt vor den Mund: Konstantin Wecker ist politischer als je zuvor. Quelle: Thomas Karsten
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Hannover

Er spricht Klartext, nicht nur in seinen Liedern. Konstantin Wecker (74) hat mit „Utopia“ sein 27. Album veröffentlicht. Der Musiker stellt es am 25. November in Hannover vor.

Herr Wecker, in diesen Tagen werden die Zügel in Sachen Corona wieder angezogen, Veranstaltungen abgesagt. Wie sehr bangen Sie um die Zusammenkünfte mit Ihrem Publikum?

Natürlich sehr. In München habe ich gerade im Circus Krone gespielt, zwei Tage vorher wurde von der 3G- auf die 2G-Regel heruntergestuft. Das hat Ärger bei den Ungeimpften verursacht, aber mir war es wichtig aufzutreten und ich war sehr glücklich über das schöne Konzert. Wir müssen nur sehr aufpassen, dass die Kultur nicht noch mehr zum Opfer der Pandemie wird.

Dabei ist gerade sie für viele Menschen Balsam für die Seele. Warum wird trotzdem so stiefmütterlich mit ihr umgegangen?

Weil die Kultur nicht annähernd so viel Macht wie der mafiöse Fußball hat. Und weil ich glaube, dass Politik sich am wenigsten für Kultur interessiert – außer es ist Premiere bei den Bayreuther Festspielen. Wobei ich mich da frage, wie unser Ministerpräsident da die vier Stunden durchhält.

Ausgezeichneter Typ: Konstantin Wecker hat viele Preise eingeheimst – 2013 etwa den bayerischen Kabarettpreis. Quelle: dpa

Sie meinen Markus Söder?

Genau (lacht). Bei den letzten Festspielen waren anstatt 2000 Menschen 1000 im Festspielhaus zugelassen, während ich im Freien anstatt vor 1000 Leuten nur vor 300 auftreten durfte. Da sieht man mal, welcher Unterschied zwischen Kultur und Subkultur gemacht wird. Dabei ist Kultur seit Jahrtausenden der Rettungsanker vor malignen, narzisstischen Herrschern und psychopathischen Tyrannen. Einzig die Kultur kann uns immer wieder an unsere Menschlichkeit erinnern.

Wie meinen Sie das?

Als ich als junger Mensch das erste Mal Dostojewski gelesen habe, hat mich das zu einem besseren Menschen gemacht. Wenn auch nur für wenige Wochen (lacht).

Kann es auch vor der Kamera: Hier mimt Konstantin Wecker im Film „Wunderkinder“ den SS-Standartenführer Schwartow. Der Film kam 2011 in die Kinos. Quelle: dpa

Warum stecken wir schon wieder so tief in diesem Schlamassel?

Es hat mit vielen politischen Fehlern zu tun, die von Anfang an gemacht wurden. Es war Wahlkampf und jeder Politiker hat versucht, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen. Es ist so viel falsch gelaufen, nehmen Sie nur den Umgang mit den Menschen in Alten- und Pflegeheimen. Gleichzeitig hat ein Herr Aiwanger (Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger, die Redaktion) davon gesprochen, dass Bier gut gegen Corona sei und er die Volksfeste erhalten wollte, um dort Wahlkampf zu betreiben. Anstatt an die Solidarität und das Herz zu appellieren, wurde so agiert. Ganz zu schweigen von der Tochter vom Tandler (Gerold Tandler, ehemaliger bayerischer Innenminister), die 50 Millionen Euro Honorar für Maskendeals eingestrichen hat.

Konstantin Wecker

*1. Juni 1947 in München. Seine Mutter Dorothea ist Hausfrau, der Vater Alexander Maler und Sänger, der seinen Lebensunterhalt durch den Verkauf von Schuhen verdient. Konstantin Wecker musiziert mit seinem Vater, lernt Klavier, Geige und Gitarre. Ab 1968 ist er auf Kleinkunstbühnen unterwegs, schreibt Filmmusik, zum Beispiel für „Schtonk!“. In den 1970ern wagt er einen Exkurs vor die Kamera – dreht Softpornofilmchen. Mit seinem vierten Album „Genug ist nicht genug“ gelingt ihm der Durchbruch. Doch der Erfolg hat seinen Preis: Wecker wird kokainabhängig, landet im Knast. Für sein Werk wird er mit dutzenden Preisen ausgezeichnet, etwa mit dem Deutschen Kleinkunstpreis, dem Bayerischen Filmpreis, dem Hermann-Sinsheimer-Preis, ist in diversen Filmproduktionen zu sehen. Er hat zwei Söhne aus zweiter Ehe mit Annik (47), Tamino (22) und Valentin (24). Wecker lebt in München. www.wecker.de

Machen Sie den Menschen in der Gesellschaft einen Vorwurf?

Zu Beginn der Pandemie habe ich viel Positives erlebt: Jüngere, die ihre Großeltern nicht anstecken wollten zum Beispiel. Heute vernehme ich bei vielen mangelnde Eigenverantwortung und fehlendes Solidaritätsgefühl. Der Neoliberalismus hat viel kaputt gemacht: Es geht darum erfolgreich zu sein, egoistisch zu sein, die meisten Likes, Schönheit. Dagegen besteht die Fridays-for-Future-Bewegung aus jungen Menschen, die das Wort Gleichberechtigung nicht nur verwenden, sondern längst verinnerlicht haben und danach leben.

Theater am Aegi 2017: An diese Spielstätte kehrt Konstantin Wecker am 25. November mit neuem Stoff zurück. Quelle: Clemens Heidrich

Welchen Beitrag haben Sie zur Eindämmung der Pandemie geleistet?

Ich habe die Krankheit immer ernst genommen, war vorsichtig, habe nie gelästert, ein Problem zu haben, Maske zu tragen. Was soll daran auch schlimm sein? Wenn ich überlege, was meine Eltern damals so durchmachen mussten! Die Zeit jetzt ist unangenehm, aber Vergleiche mit einer Hitler-Diktatur oder Sophie Scholl sind absurd, nur weil man Maske tragen muss. Menschen, die so etwas behaupten, haben keine Ahnung, was Diktatur bedeutet.

Sie wollen Menschen mit ihrer Musik „eine sehnsuchtsvolle Reise in eine herrschaftsfreie Welt“ ermöglichen. Wie kommen wir da hin?

Meine Funktion als Künstler ist, gerade jetzt aufzupassen, dass die utopische Idee nicht verschüttgeht. Ich wünsche mir eine herrschaftsfreie Welt ohne Patriarchat. Es hat die Tier- und Pflanzenwelt zerstört, den Menschen unterdrückt. Der Mensch ist aber nicht schlecht, so dass er beherrscht werden muss. Heute ist es vielleicht besser als vor 100 Jahren, aber wir sind noch weit davon entfernt, in einer gleichberechtigten Welt zu leben.

Glückliches Paar: Nach einer Trennung im Jahr 2013 haben Konstantin Wecker und Koch- und Backbuchautorin Annik wieder zueinandergefunden. Sie haben zwei erwachsene Kinder – die Söhne Tamino und Valentin. Quelle: dpa

Sie haben mal gesagt „Ich will nicht, dass die Welt von einem einzigen Gehirn, meist einem männlichen, gerettet wird.“ Bei einem ausgeglicheneren Mann-Frau-Verhältnis an den entscheidenden Stellen: Wäre die Situation eine andere?

Natürlich, gar keine Frage! Es ist eine ganz andere Art, wie Frauen bestimmte Themen behandeln. Vor allem in einer Welt voller Gauner und mir suspekter politischer Führer.

Aktuelles Album: „Utopia“ von Konstantin Wecker. Quelle: Thomas Karsten

Sie bezeichnen sich selbst gern als alten Anarcho.

Eines meiner Lieder heißt „Es gibt kein Recht auf Gehorsam“, angelehnt an Hannah Arendt, die ich schon immer sehr geliebt habe. Es geht wohlgemerkt um strukturellen Gehorsam, den bedingungslosen gegenüber dem Militär etwa. Ich habe meine beiden Jungs antiautoritär erzogen. Was nicht bedeutet, dass ich ihnen gesagt habe, bei Rot über die Straße zu gehen.

Ihr aktuelles Album heißt „Utopia“. Was entgegnen Sie Menschen, die auf Ihre Lösungsvorschläge sagen: Das ist doch utopisch!

Ich sage ihnen, dass gewisse Dinge sicherlich utopisch sind. Ich sage ihnen aber auch, dass Utopien immer wieder auch verwirklicht worden sind. Vor 30 Jahren konnte sich niemand vorstellen, dass im Rhein klares Wasser fließt – heute baden die Leute wieder drin. Utopia, der Nicht-Ort, ist keine fertige Ideologie, sondern eine Idee von etwas. Diese Idee dürfen wir nicht verlieren, denn sonst verwirklichen sich irgendwann viele Dinge nicht mehr.

Konstantin Wecker spielt am 25. November um 20 Uhr (Einlass eine Stunde eher) im Theater am Aegi. Es gilt die 2G-Regel. Karten kosten zwischen 51,85 und 86,35 Euro und sind erhältlich in den NP-Ticketshops (etwa Lange Laube 10) oder online unter neuepresse.de/tickets

Von Mirjana Cvjetkovic