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Leben in Hannover Fotografin Iris Klöpper fotografiert Menschen, die der Pandemie ihr Gesicht zeigen
Hannover Leben in Hannover

Hannover: Corona-Ausstellung mit Porträts von Fotografin Iris Klöpper

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08:57 24.09.2021
Die vielen Gesichter der Pandemie: „Kunst trotz(t) Corona““ sind eindringliche Porträts von Fotografin Iris Klöpper.
Die vielen Gesichter der Pandemie: „Kunst trotz(t) Corona““ sind eindringliche Porträts von Fotografin Iris Klöpper. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

Manche blicken ernst oder nachdenklich, einige schauen fast trotzig, andere lachen, haben sich verkleidet oder zeigen in die Kamera, was sie gerade beschäftigt – die 125 Porträts der Fotografin Iris Klöpper zeigen ganz unterschiedliche Stimmungen. Aufgenommen hat die Hannoveranerin die Bildfolge seit März 2020, als der erste Lockdown begann.

 „Kunst trotz(t) Corona“ hat sie die Fotoserie genannt, zu der bisher insgesamt 250 Bilder gehören. Bis Sonntag, 21. November, sind die Bilder in der Kulturkirche Stephansstift zu sehen. Darunter sind viele stadtbekannte Gesichter wie Ministerpräsident Stephan Weil, Kabarettist Matthias Brodowy, Model Maggie Menges, Ex-Bürgermeister Herbert Schmalstieg oder auch der im August 2020 gestorbene Cartoonist Uli Stein.

Stolz: Iris Klöpper zeigt ihre Bilder in der Kirche der Stephanus-Kapelle. Quelle: Samantha Franson

Die Ausstellung in der Kulturkirche Stephansstift (Kirchröder Straße 44) ist bis zum 21. November montags bis freitags, von 9 bis 17 Uhr, und sonntags, von 14 bis 18 Uhr, geöffnet. Der Eintritt ist frei. Die NP hat mit Menschen über ihre Porträts gesprochen.

Anjoula Hummel: die Kämpferin

Ihr Bild fällt auf: Mit offenem, ernsten Blick scheint Anjoula Hummel direkt ihren Betrachter anzuschauen, seinem Blick aktiv zu begegnen und so den Dialog aufzunehmen. Denn hinter dem Bild der 26-Jährigen steht eine besondere Geschichte: 2016 erkrankte sie an der unheilbaren Autoimmunerkrankung Alopecia Areata (kreisrunder Haarausfall). Im Laufe der Zeit stieß ihr Körper Haare komplett ab. Für die Studentin (Kommunikationsmanagement und Social Media) eine Katastrophe: „Ich hatte früher eine richtige Löwenmähne!“ Vier Jahre versucht sie ihre Krankheit zu verheimlichen, empfindet sie als Makel und versteckt ihre Glatze unter Perücken. Dann nimmt eine Freundin Fotos von ihr auf – ohne Haare. Fotos, die sie selbst als schön empfindet. Und die sie motivieren, so zu sich zu stehen wie sie ist.

Kämpferin: Anjoula Hummel. Quelle: Samantha Franson

Im April 2020 zeigt sie sich auf ihrem Instagram-Account unter @anjoulaaa erstmals ohne Perücke. Und sie trifft die Fotografin Iris Klöpper, um sich für die Ausstellung „Kunst trotz(t) Corona“ abbilden zu lassen. „Mich so im Studio fotografieren zu lassen, war für mich etwas ganz Besonderes“, erzählt sie.

Inzwischen sind nicht nur Betroffene auf sie aufmerksam geworden, sie wird als Interviewpartnerin zu dem Thema angefragt, es gibt in Ausstellungen verschiedene Fotos von ihr, unter anderem in „Haarige Geschichten“ in der Kunsthalle Bremen. Und sie modelt.„Mir geht es auch darum, Schönheitsstereotype aufzubrechen und Betroffenen Mut zu machen“, sagt Anjoula Hummel.

Hanns Werner Staude: Der Diskjockey

Hanns Werner Staude. Quelle: Samantha Franson

Ein ungewöhnliches Bild gibt es von Hanns Werner Staude in der Ausstellung. Als DJ blickt er ernst in die Kamera. „Es gibt kaum Bilder, auf denen ich nicht lache“, sagt der Unternehmer und Diskjockey. „Aber es passt sehr gut zu dem Anlass – es ist würdig!“ Das Datum seines letzten Auftritts vor Corona kennt er genau: „Es war der 6. März 2020 – jetzt wieder auflegen zu können, war total schön.“ Was er aus dieser Zeit der Ruhe aber auch mitnimmt: „Wir waren ja alle auch ein wenig drüber; durch die Pandemie haben wir wieder gelernt, Dinge neu zu bewerten und wertzuschätzen.“

Gabriele Wicke: die Künstlerin

Gabriele Wicke. Quelle: Samantha Franson

Gabriele Wicke ist Künstlerin. Auch während der Pandemie hat sie in ihrem Atelier im Turm 2 (Röpkestraße 12) gearbeitet: „Mein Beruf ist eine gute Therapie“, sagt sie, und ist froh über diese Aufgabe, die sie so bereichert. Sie habe in dieser schweren Zeit ganz bewusst mit Farben gearbeitet: „Mir war klar: Wenn ich wieder öffnen kann, möchte ich keine dunklen Bilder zeigen“. Denn: „Die größte Kunst ist das Leben.“

Tinatin Tsereteli: die Musikerin

Tinatin Tsereteli. Quelle: Samantha Franson

Es gab diese Momente, in denen Tinatin Tsereteli nicht mehr weiterwusste: Als soloselbstständige Musikerin ohne Einnahmen und alleinerziehende Mutter eines Grundschulkindes im Homeschooling fehlte ihr manchmal die Perspektive: „Ich hatte das Gefühl, ich höre auf zu existieren“, sagt sie. „Dass wir Künstler nicht systemrelevant waren, hat mich ins Mark getroffen.“ Dabei startete vor Corona ihre Karriere durch – erfolgreich war ihr Solodebüt 2018, dann hatte sie im Peppermintpark eine CD aufgenommen, die 2020 erschien. Doch statt sie mit Auftritten zu bewerben, saß sie zu Hause fest. Jetzt aber kann sie endlich wieder lächeln. Ihre Lehre aus der Zeit: „Nicht mehr zu viel planen, sondern sich vertrauensvoll dem Leben hingeben.“

Friederike Behrens und Bettina Engelke: Medienfrau und Galeristin

Medienmanagerin Friederike Behrens (rechts) und Bettina Engelke. Quelle: Samantha Franson

Zwei Frauen, zwei Macherinnen: Medienmanagerin Friederike Behrens (rechts) war bis Corona „mit Volldampf“ unterwegs. Freundin Bettina Engelke ist Zahnärztin und betreibt die Galerie Holbein. Beide eint ihre Power – Aufgeben war keine Option. „Der Galeriebetrieb war unterbrochen, im Hintergrund lief die Arbeit weiter“, sagt Galeristin Engelke. Freitag, 1. Oktober, eröffnet sie ihre neue Ausstellung: „Am Meer“ zeigt Reisefotos von Iris Klöpper. Der Zusammenhalt, so wichtig in der Pandemie, funktioniert auch jetzt!

Dietrich Pinhammer: der Pianist

Dietrich Pinhammer. Quelle: Samantha Franson

Sich so durchs Haar zu fahren ist für Dietrich Pinhammer eine typische Bewegung – als Pianist und Musikproduzent war für ihn aber auch der Lockdown zum Haareraufen. „Ich hatte keine Auftritte, aber zum Glück noch die Lehraufträge beim Musik-College.“ Unterricht fand online statt – eine Herausforderung, auch technisch: „Ich zählte vorher nicht zu den Musikern, die gestreamt oder Youtube bedient haben. Ich musste das Equipment erstmal anschaffen.“ Trotzdem: „Ich habe verdient, ich kenne Kollegen, die vor dem Nichts standen. Musik ist schön, aber als Berufsmusiker verdienen wir eben auch stumpf unseren Lebensunterhalt damit.

Marcel Paschilke – der Whiskey-Experte

Marcel Paschilke. Quelle: Samantha Franson

Marcel Paschilke ist Whisky-Ambassador, einer von neun in Deutschland. Oft trifft man ihm im Oscar’s, dort bietet er auch einmal pro Monat ein Tasting an. „Das habe ich sehr vermisst, das ist immer eine besondere Atmosphäre. Vor allem die Stimmung mit den Leuten, die daran teilnehmen“, sagt der Hannoveraner. „Es fanden ja auch keine Messen mehr statt, ich hoffe, das kommt jetzt alles wieder zurück.“

Jael Jones: die Sängerin

Jael Jones. Quelle: Samantha Franson

Jael Jones ist Juristin, Fotografin – und Sängerin. Nicht mehr singen zu können, war für die Powerfrau furchtbar. Aber so kam ihr eine geniale Idee: Jones erfand die Hinterhofkonzerte, die in der Pandemie viele Menschen erfreut haben: „Die Leute standen auf den Balkonen, haben begeistert applaudiert und für die Musiker gab es wenigstens ein paar Einnahmen“, sagt sie. „Zusammenhalten, nicht aufgeben, neue Chancen erkennen und nutzen“, das war für sie eine wichtige Erfahrung – und Strategie in der Zeit. Übrigens: Derzeit ist sie wieder im Studio und nimmt unter dem Arbeitstitel „Soul Comets“ neue Songs auf.

Andreas Kuhnt – der Radiomoderator

Andreas Kuhnt. Quelle: Samantha Franson

Andreas Kuhnt ist der Anfrage von Fotografin Iris Klöpper gern gefolgt: „Wir konnten Gesicht zeigen in einer Zeit, als wir alle zuhause waren“, erzählt der Radiomoderator. Auf dem Plakat ist er mit einem Buch zu sehen. „So viel lese ich gar nicht, aber in dieser Zeit der Pandemie gab es mehr Ruhe für mich.“

Rolf Eisenmenger: der Modemann

Rolf Eisenmenger. Quelle: Samantha Franson

Immer wieder hat Rolf Eisenmenger im Lockdown seine Stimme erhoben und auf die Probleme der Einzelhändler hingewiesen. „Als das Bild zum Höhepunkt der Pandemie aufgenommen wurde, war ich sehr traurig“, meint der Lo&Go-Chef: „Heute würde ich eine lebensfrohere Botschaft transportieren: Wir sind zusammengerückt – das wäre sonst nicht passiert.“

Stephie Höll: Clown Utz

Stephie Höll. Quelle: Samantha Franson

Man muss zweimal hinschauen, um sie zu erkennen: Stephie Höll als Clown Utz hat die Corona-Zeit schwer getroffen: Keine Auftritte, keine Einnahmen. Dennoch ist die 44-Jährige fröhlich: „Mit Inge Schäkel und Sabine Mech habe ich in der Zeit den Kostümverleih der Stadt Hannover gerettet, denn der sollte einfach aufgegeben werden – nach 60 Jahren! Wir waren entsetzt“, erzählt sie. Für einen Euro haben die drei Frauen die Kostüme bekommen und die „Verkleiderei“ auf 100 Quadratmeter Fläche in Räumen im Theaterpädagogischen Zentrum (An der Christuskirche 18) eröffnet. „Ohne Corona hätten wir gar nicht die Zeit dazu gehabt, so konnten wir den großen Kostümfundus erhalten.“

Alexander Hartmann: der Saxophonist

Alexander Hartmann. Quelle: Samantha Franson

Alexander Hartmann ist einer der gefragtesten Saxofonisten Deutschlands. Als der Lockdown kam, war sein Kalender voller Auftritte. „Von hundert auf null“ umschreibt gut sein Lebensgefühl. Doch schnell fängt er sich, weicht auf digitalen Plattformen wie Facebook, Youtube, Twitch aus, streamt Musik und mehr. „Ziel war es, immer dranzubleiben“, sagt Hartmann heute, „so habe ich neue Formate gefunden, die teilweise jetzt erhalten bleiben.“ Und: „Ich habe eine Menge dazugelernt, zum Beispiel Projektfinanzierungsanträge zu stellen“, sagt der Dozent mit einem Lachen.

Matthias Waldraff – der Anwalt

Matthias Waldraff. Quelle: Samantha Franson

„Ich lebe viel intensiver und dankbarer“, sagt Matthias Waldraff. Die ersten Bilder aus Italien mit den vielen Corona-Toten hätten sich bei ihm bis heute fest eingebrannt, erzählt der Staranwalt. „Viele Selbstverständlichkeiten wurden in dieser Zeit hinterfragt, es ist, als sei das Leben durch einen Filter gerauscht“, sagt Waldraff. „Ritualisierte Begegnungen finden zwar noch statt, aber viel, viel weniger“, findet er. „So lebe ich viel bewusster.“

Von Maike Jacobs

23.09.2021
23.09.2021