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Leben in Hannover Bücher für den Herbst: Über Agenten, Mord und Eltern
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Hannover: Bücher für den Herbst - Über Agenten, Mord und Eltern

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07:22 26.10.2021
Die NP-Tipps für den Herbst
Die NP-Tipps für den Herbst Quelle: Verlage
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Hannover

Ob die Gespräche zwischen Barack Obama und Bruce Springsteen, die Beziehungsanalyse von Daniela Krien oder die sarkastische „Reality Show“. Schmökern Sie hinein in die Lesetipps der NP.

Gina LaManna: „Vier Frauen“, Penguin, 432 Seiten, zehn Euro.

Die Autorin: Gina La Manna stammt aus Saint Paul im US-Bundesstaat Minnesota. Nach Stationen in Los Angeles und Italien, ist sie in ihre Heimat zurückgekehrt. Sie hat zwei Dutzend Bücher veröffentlicht. Sie liebt Cappuccino, ihren Mann und ihren imaginären Hund.

Das Buch: Die kalifornische Polizei muss den Mörder eines Mannes, dessen Kopf mit einer Weinflasche zertrümmert worden ist, nicht suchen. Was nicht bedeutet, dass sie den Fall gelöst hätte. Denn: Gleich vier Frauen, die zu einer Hochzeit in ein Luxus-Spa-Hotel angereist waren, haben den Mord gestanden. Die überarbeitete Dreifach-Mutter Ginger, die Doppelschichten geschoben hat, um zur Hochzeit fahren zu können. Die reiche Lulu, die schon vier Mal verheiratet war und den Verdacht hegt, dass ihr fünfter Gatte sie verlassen will. Vorschullehrerin Emily, die eine Menge durch hat und sich mit Wein tröstet, sowie die herrische Anwältin Kate. Spannend bis zum Ende, nicht nur, weil kein Hinweis kommt, wer der Tote ist.

Über das Schweigen

Friedrich Christian Delius: „Die sieben Sprachen des Schweigens“. Rowohlt Berlin, 188 Seiten, 20 Euro.

Der Autor: Friedrich Christian Delius wurde in Rom geboren und lebt in Berlin. Für seine Erzählungen und Romane erhielt er unter anderem den Fontane- und den Geog-Büchner-Preis.

Das Buch: „Die Sieben Sprachen des Schweigens“ handelt von der Kunst des Redens, aber auch des Schweigens und Zuhörens. Delius erzählt in feiner Sprache von prägenden Erlebnissen. So trägt er auf einer Schriftstellertagung in Israel seine Version, oder eher: seine Verbundenheit mit Isaak vor, Abrahams Sohn, den der Vater auf Geheiß Gottes opfern soll. Eindrucksvoll schildert Delius wie die Dynamik seines Textes ihn durch das gesprochene Wort verändert. In einem anderen Essay unterhält er sich mit Nobelpreisträger Imre Kertész im Geiste, seine Fragen spricht er nicht aus. Aber auch gemeinsames Schweigen ist eine Sprache. Delius’ gekonnte Ausführungen sind herrlich zu lesen und geben viel Anlass zum Nachdenken.

Über das Elternsein

Mitch Albom: „Chika“. Allegria, 288 S., 19,99 Euro.

Der Autor: Mitch Alboms Roman „Dienstags bei Morrie“ wurde ein Weltbestseller. Er ist Journalist und Autor, hat eine eigene Radioshow und ist, wie auch Thrillerkönig Stephen King, Mitglied der Rockband „The Rock Bottom Remainders“. Albom gründete verschiedene Hilfsorganisationen.

Das Buch: Chika wird auf Haiti geboren, drei Tage vor dem Erdbeben, das alles zerstörte. Ihre Mutter stirbt bei der Geburt ihres jüngeren Bruders. Chika wird zu ihrer Patentante gebracht, aber auch die ist finanziell überfordert und gibt das Kind mit drei Jahren in das Waisenhaus von Mitch Albom. Chika ist ein fröhliches, waches Mädchen, das mit ihrer Art sofort auffällt. Mit fünf Jahren erkrankt sie an einem Gehirntumor. Albom und seine Frau nehmen Chika mit in die USA in der Hoffnung, sie zu retten. Doch vergebens. Die Geschichte von Chika ist nicht nur die eines tapferen faszinierenden Mädchens, sondern vor allem die Geschichte von dem Entstehen einer Familie und der Dankbarkeit, Eltern sein zu dürfen.

Über Beziehungen

Daniela Krien: „Der Brand“, Diogenes, 272 Seiten, 22 Euro.

Die Autorin: Sie ist die Spezialistin für Beziehungsfragen. Ihr zweiter Roman „Die Liebe im Ernstfall“ wurde ein Überraschungserfolg und Bestseller, darin seziert Daniela Krien die Facetten von Liebe, Zweisamkeit, Familie und Freundschaft an den Beispielen von fünf Frauen in Leipzig. Krien ist geboren in Jena, aufgewachsen im Vogtland, in Leipzig hat sie Kulturwissenschaften studiert. Ihre Geschichten sind psychologisch klug strukturiert, Frauenfiguren und ihre ostdeutsche Vergangenheit stehen im Fokus.

Das Buch: „Der Brand“ zerstört das Ferienhaus in den Alpen, in dem Rahel und Peter ihren Urlaub verbringen wollten. Und die Flammen fräsen sich auch durch ihre Ehe, die seit fast 30 Jahren besteht, aber sich in ihrer Substanz aufzulösen droht. Die Lösung für das Urlaubsdilemma ist eine Reise in die Uckermark, dort hütet das Paar das Haus eines befreundeten Künstlers, dem Rahel seit ihrer Kindheit eng verbunden ist. Drei Wochen, das sind 21 Tage. Sie gliedern die Ferien in der flirrenden Hitze und Abgeschiedenheit. Die gemeinsame Zukunft steht auf der Kippe: Sie ist Psychologin mit Wechseljahren und sexuellem Verlangen. Er ein selbstgenügsamer Germanistikprofessor, der mit modernen Zeitgeistdebatten hadert. Es geht um Banalitäten des Alltags, wie „die Seuche“, Kindererziehung, berufliche Ziele. Es geht aber auch um existenzielle Fragen, die Daniela Krien in knappe, schlichte, berührende Prosa packt.

Über gute Gespräche

Barack Obama, Bruce Springsteen: „Renegades“. Penguin, 320 Seiten, 42 Euro.

Die Autoren: Der eine war der 44. Präsident der USA, der andere ist ein gefeierter Rockstar, von Barack Obama und Bruce Springsteen ist die Rede. „Renegade“ war während seiner Präsidentschaft Obamas Codename beim FBI. Im Jahre 2020 starteten die beiden Männer, die sich 2008 kennengelernt hatten, den Podcast „Renegades“.

Das Buch: Was für ein Wälzer, was für ein Stück Zeitgeschichte – musikalisch, politisch, freundschaftlich. In acht Kapiteln gewähren die beiden, die ja jeder auf seine Art ein Boss sind oder waren, Einblicke in ihre Denkweise, in ihr Leben. Es sind verschriftlichte Gespräche der beiden über Musik und die Liebe, teils noch unveröffentlichte Bilder aus privaten Fotoalben, Notizen die Springsteens Songentwürfe und Obamas Reden zeigen.

Über Agenten

Mick Herron: „Spook Street“, Diogenes, 448 Seiten, 18 Euro.

Der Autor: Mick Herron studierte in Oxford englische Literatur. 2003 erschien sein erster Roman, 2010 startet in England seine „Slough House“-Reihe, für die er international gefeiert wird.

Das Buch: Der vierte Fall für Jackson Lamb und seine abgehalfterten MI-5-Agenten, die nach missglückten Einsätzen mit Routine-Jobs mürbe gemacht werden sollen. River Cartwright ist so einer, der auf die Resterampe „Slough House“ abgeschoben wurde. Dabei war sein Großvater ein hohes Tier im Geheimdienst. Doch als das Gedächtnis des alten Herrn immer löchriger wird und er Gefahr läuft, alte Dienstgeheimnisse auszuplaudern, wird die Situation brisant. Herrons Charaktere sind wunderbar schräg, seine Handlungsfäden spinnt er wie ein filigranes Netz. Ein meisterhafter Spionageroman.

Über einen Schnappschuss

Heinrich Steinfest: „Amsterdamer Novelle“, Piper, 112 Seiten, 15 Euro.

Der Autor: Heinrich Steinfest wurde in Australien geboren, wuchs in Wien auf, heute lebt er in Stuttgart. Er ist freischaffender Künstler, seit Mitte der 1990er-Jahre schreibt er Erzählungen und Kriminalromane, sechs Bücher alleine über den Privatdetektiv Markus Cheng.

Das Buch: Der Kölner Roy Paulsen arbeitet beim Fernsehen als Visagist. Und er fährt niemals Fahrrad. Deshalb ist klar, dass das Foto, das ihm sein Sohn Tom zeigt, unmöglich die Wirklichkeit abbildet: Paulsen (oder sein Doppelgänger?) auf einem Rad in Amsterdam. Ein Handy-Schnappschuss, der Paulsen keine Ruhe lässt. Er reist nach Holland, sucht den Ort auf dem Bild, stellt sein Leben auf den Kopf. Steinfests pointiertes kleines Werk ist ein Literatur-Häppchen, das den Bogen spannt von Krimi zu Philosophie und Mystik.

Über Demokratie

Anne Freytag: „Reality Show“, dtv, 464 Seiten, 16,95 Euro.

Die Autorin: Nachdem Anne Freytag (39) International Management studiert und als Grafikdesignerin gearbeitet hatte, widmete sie sich dem Schreiben. Erfolgreich: Sie ist unter anderem Trägerin des Bayerischen Kunstförderpreises und der JungeMedienJury (Jugendbuch). Sie lebt mit ihrem Mann in München.

Das Buch: Es ist Heiligabend. Und alle Fernsehsender strahlen nur eins aus: die „Reality Show“. Sie können gar nicht anders, eine Gruppe Aktivisten hat sie gehackt. Es gibt daher nur ein Programm; das allerdings bannt das Publikum, denn die mächtigsten Menschen der Republik sind als Geiseln genommen, ihre dunkelsten Geheimnisse werden offenbart und die Zuschauerinnen und Zuschauer sollen über sie urteilen. Ein Umsturz? Ein Angriff auf die Demokratie? Oder doch ihre Verteidigung? Richtig? Oder bloß kriminell? Jede Menge Denkanstöße, die Anne Freytag da in ihrem Thriller in Drehbuchmanier aufschreibt. Sie wechselt rasch die Szenen und Erzählperspektiven. Das sorgt für Spannung und ein rasantes Erzähltempo. Ein kleinerer Cast, um im Bild zu bleiben, hätte geholfen, die Übersicht über die vielen Protagonisten zu behalten. Dennoch: packende Prime-Time-Unterhaltung.

Von NP