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Leben in Hannover Hannover: Bodo Linnemann hat noch viele Pläne
Hannover Leben in Hannover Hannover: Bodo Linnemann hat noch viele Pläne
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00:15 01.01.2017
Von Maike Jacobs
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Hannover

Vor fast genau einem Jahr schloss Bodo Linnemann (75) am 31. Dezember ein letztes Mal sein „Casa“ auf und feierte, bis das Taxi kam. „Seid nicht sauer, ich gehe, Party is over“, hatte er damals gesagt, und viele haben sich gefragt, ob er das schafft: ein ganz gewöhnlicher Rentner zu sein.

Vor einem Jahr war Schluss mit seiner Mini-Disko "Casa Blanca". Dieser Lebemann hat jedoch noch viele Pläne.

Heute sieht Bodo eigentlich wie immer aus: Die langen Haare zurückgekämmt, mit Kippe, Bier und ohne Socken sitzt der Ex-Diskochef im Res- taurant seines Kumpels Pe-ter Schöftner (53), dem Chef von Gosch in der Markthalle. Natürlich im Raucherraum. „Ich bin Gesellschaftsraucher“, sagt er und pustet eine weitere graue Wolke in die Luft: „Nee wirklich, ich vermis- se das ,Casa‘ nicht, nur die lieben Gäste“, eröffnet er das Gespräch, dann blickt er kurz in die Weite und beginnt zu re- den. Darüber, dass er zum richtigen Zeitpunkt aufgehört hat, darüber, dass der Arzt ihn schon gewarnt habe: „Früher habe ich Pornos gelesen, heute die ,Apotheken-Um-schau‘“, witzelt er. Täglich eine Aspirin nehme er, als Blutverdünnung zur Vorbeugung gegen Schlaganfall. „Sonst nichts, ich bin fit, mein Arzt kann das bei meinem Lebenswandel kaum glauben“, freut sich Bodo, „das liegt an den Genen: Mein Großvater ist 95 Jahre alt geworden, meine Mutter 90. Ich habe ein gutes Gefühl, dass ich das auch schaffe. Schließlich muss ich durch den Knast ein paar Jahre aufholen.“ Diverse Eigentumsdelikte hatten ihm Ende der Sechziger die Haft eingebracht.

Trotzdem, ganz spurlos sind das Alter, der Alkohol und was sonst noch so dazugehörte, an ihm nicht vorbeigegangen. Lange hätte er nicht mehr durchgehalten, da ist er sich sicher: „Gerade die letzten Monate waren hammerhart. Als Mousse T. zum letzten Mal aufgelegt hat, musste ich die Tür zunageln. Alle wollten rein, das war echt Stress.“ Ganze Nächte in der Disko stehen, das habe er zum Schluss eher schlecht als recht geschafft: „Ich musste auch zig Ramazzotti mittrinken, sonst waren die Gäste sauer.“

Foto: Dillenberg

Probleme, seine Freizeit auszufüllen, hat er jedenfalls nicht. Drei- bis viermal pro Wo- che fährt er von Gehrden, wo er jetzt wohnt, nach Hanno-ver, nur so, „um zu flanieren“. Sonnabends geht er auf den Lindener Markt. Wenn er Sehnsucht nach seinem „Ca-sa“ hat, besucht er die Bar „Sternwarte“ an der Theaterstraße: „Da spielen sie Soulmusik, und rauchen kannst du auch.“ Zum Essen kehrt er beim Edel-Italiener „Roma“ auf der Goethestraße ein, in dem Restaurant hatte Linne-mann einst auch sein erstes Date mit seiner 23 Jahre jün- geren Lebensgefährtin An-drea (52): „Was Besseres als sie kann mir ja gar nicht passieren!“ Sie kümmert sich um ihn, versorgt ihn, wenn ihm mal nicht wohl ist, kocht für ihn. Gemeinsam fahren sie nach Hamburg oder, um „Champagnerluft zu schnuppern“, nach Sylt. „Vielleicht sollte ich sie heiraten, sie würde ja gerne“, überlegt der 75-Jährige. Eingezogen ist er jedenfalls bereits in ihr großes Haus in Gehrden, kurz: Dank Andrea ist Bodo rundherum gut versorgt.

Gehrden sei ja auch ganz schön, zwei nette Kneipen habe er da entdeckt, erzählt Bodo, in der „Linie 10“ sei der Barkeeper sehr nett, im „Türmchen“ habe er sogar schon aufgelegt. Und im Sommer sei er von Gehrden bis Wennigsen zwölf Kilometer zu Fuß gewandert, mit freiem Oberkörper, das Hemd um die Hüften geschwungen - „ich werde ja gern braun“.

Fleißig war Linnemann dieses Jahr auch: Das Manuskript von seinem dritten Buch „6 1/2 - Pommes können sagen: Ich liebe dich!“, einem Roman über seine Jugend, hat er grundlegend überarbeitet. „Es ist fertig, und einen Verlag, der Interesse hat, habe ich auch gefunden.“ Jetzt überlegt er, ob er noch ein Hörbuch daraus macht: „Ich will ja was um die Ohren haben.“

Bei Gosch plant Bodo für nächstes Jahr wieder eine Revival-Party - nun wirklich die letzte! Und dann holt er aus seiner Tasche noch etwas heraus: die Einladungskarte zum Silvester-Frühschoppen in diesem Jahr. Mit seinem Freund Ekkehard Reimann (75) lädt er ein: vor und ins Ex-„Casa“ und in das Reimann’s am Weißekreuzplatz, am 31. Dezember von zwölf bis 18 Uhr. Bodo legt seine Kassetten auf, es gibt Berliner, Champagner auch, Ramazzotti sowieso.

Also eigentlich alles wie früher. Zumindest für einen Tag.