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Leben in Hannover Hannover: Bettina Oberli zeigt Film über Pflegerin aus Polen
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Hannover: Bettina Oberli zeigt Film "Wanda, mein Wunder" am Raschplatz

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20:30 06.01.2022
Passionierte Filmemacherin: Bettina Oberli hat sich mit „Wanda, mein Wunder“ einem wichtigen Thema angenommen – der Pflege.
Passionierte Filmemacherin: Bettina Oberli hat sich mit „Wanda, mein Wunder“ einem wichtigen Thema angenommen – der Pflege. Quelle: Anita Affentranger
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Hannover

„Wanda, mein Wunder“ ist ihr sechster Film, am 7. Januar stellt ihn Bettina Oberli (49) im Kino am Raschplatz vor. Mit uns hat sie vorab über den 110-Minüter gesprochen.

Frau Oberli, zusammengefasst: Die Polin Wanda stammt aus einfachen Verhältnissen, kümmert sich um den nach einem Schlaganfall pflegebedürftigen, vermögenden Josef in Zürich. Ihr sechster Film ist allerdings alles andere als nur das Bedienen von Klischees.

Genau das versucht man ja. Klischees sind immer die Vergrößerung einer Wahrheit, eine Übertreibung einer Wahrheit, die ja irgendwoher herkommt. Man versucht außerdem, Klischees zu benutzen, weil man sie kennt. Vom Drehbuchschreiben bis hin zum großen Ganzen war das eine sehr zeitintensive Aufgabe.

Der erste Satz lautet: „Ich dachte, Sie kommen nicht“ – Wandas Bus aus Polen hatte Verspätung. Später heißt es, die Polin hätte Geld gestohlen, außerdem kann Josef plötzlich wieder laufen. Wie viel Spaß hat es gemacht, mit Vorurteilen zu spielen?

Das war Teil des Vergnügens, schon beim Schreiben zusammen mit der Autorin Cooky Ziesche (lacht). Es macht Spaß, den Zuschauer mit solchen Sachen zu fordern und zu unterhalten.

Ungewöhnliche Beziehung: Eigentlich soll Wanda (Agnieszka Grochowska) den nach einem Schlaganfall eingeschränkten Josef (André Jung) pflegen – gegen Bezahlung schläft die Polin auch mit ihm. Quelle: Zodiac Pic.

Nach zwölf Minuten Film schläft Wanda mit Josef, gegen Geld. Da fragt man sich: Wer ist da eigentlich das Opfer?

Absolut. Wir wollten eine Geschichte erzählen, in denen sich diese Kräfteverhältnisse umdrehen. Man weiß, dass diese Frauen zu Dumpinglöhnen geholt werden, eine Wahnsinnsarbeit machen, nicht versichert sind, der Arbeitsplatz nicht sicher ist. Das ist per se etwas sehr Tragisches und auch eine Opfergeschichte, die wir aber anders bespielen wollten. Es wird nämlich erst interessant, wenn man anfängt zu schauen, was eigentlich passiert, wenn sich das alles umkehrt. Man spricht immer von einer Win-Win-Situation – für die Gepflegten und die Frauen, die pflegen, weil es ihnen dann wirtschaftlich besser geht. Aber alle Frauen, mit denen ich geredet habe, haben gesagt, dass das nicht stimmt. So kam die Frage auf, was denn passieren müsste, damit es eine Win-Win-Situation wird, Opfer und Täter auf einer Ebene stehen und danach nicht mehr klar ist, wer eigentlich von wem profitiert.

Woher kamen die Frauen, mit denen Sie gesprochen haben?

Aus Polen, ich bin über Kontakte an sie herangekommen. Sie sind untereinander seht gut vernetzt und ich bin immer tiefer in den Zirkel hineingekommen, habe viele Interviews geführt.

Läuft bis zum 12. Januar im Kino am Raschplatz: „Wanda, mein Wunder“. Quelle: Verleih

Was haben sie Ihnen erzählt?

Dass es nicht die schlimmste Arbeit der Welt ist, die sie da machen – weil es ja eine sehr sinnvolle Arbeit ist. Es gibt ihnen auf menschlicher Ebene viel zurück. Sie gehen sehr oft wirklich enge menschliche Beziehungen ein, sind plötzlich die Personen im Haus, die dem zu Pflegenden am nächsten sind.

Bettina Oberli

*6.November 1972 in Interlaken (Schweiz). Sie wächst in Samoa (südwestlicher Pazifik, nordöstlich von Fidschi) und der Schweiz auf. 2000 beendet sie an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich ihr Studium im Bereich Film/Video, außerdem macht sie ihr Diplom als Filmregisseurin. Als Assistentin arbeitet sie unter anderem in New York und Berlin. Ihr bislang erfolgreichster Film „Die Herbstzeitlosen“ erscheint 2006, „Wanda, mein Wunder“ ist ihr sechster Film. Oberli gewinnt mehrere Preise, unter anderem den Zürcher Filmpreis. Sie ist mit dem Kameramann Stéphane Kuthy verheiratet, das Paar hat zwei Söhne im Teeniealter. www.bettinaoberli.com

Und was müsste sich ändern?

Abgesehen von einer anständigen Bezahlung sollte ihnen auf Augenhöhe begegnet werden, sollten sie respektiert und nicht nur als minderwertige Hilfe ansehen werden. Das wurde mir bei der Recherche berichtet. Diese Frauen haben ja nicht nur einen großen Wert für die Familien, in denen sie arbeiten, sondern auch für die Gesellschaft. Ohne diese Frauen hätten wir ganz andere Herausforderungen, sie nehmen uns einen wahnsinnig großen Teil unangenehmer und belastender Aufgaben ab.

Familien, wie sie unterschiedlicher wohl kaum leben können: Die von Wanda (Mitte, gespielt von Agnieszka Grochowska) auf der rechten und der von Josef (nicht im Bild) auf der linken Seite. Quelle: Zodiac Pic.

Wanda wird von Josefs Familienmitgliedern meist nur „die Polin“ genannt.

Es ist immer einfacher, eine Person auf Distanz zu halten, in dem man sie „die Polin“ oder „die Hilfe“ und nicht beim Namen nennt. Wir wollten aber auch zeigen, wie schwierig es ist, wenn da jemand plötzlich rund um die Uhr mit in der Familie ist und irgendwann alles mitbekommt, was sich dort so abspielt.

Der Film schaut gekonnt auf allen Protagonisten: Josefs Kinder, seine Frau, Wandas Familie – da hat wirklich jeder sein Päckchen zu tragen. Welche Figur ist Ihnen besonders nahe?

Das ganze Ensemble. Sie funktionieren gut zusammen, man glaubt ihnen, dass sie Familie sind. Alle haben ihre attraktiven, starken Seiten und auf der anderen Seite diese Zerbrechlichkeit. Ich interessiere mich für alle wirklich sehr.

Eine Ensemblegeschichte mit einer zentralen Figur

Wie schwer war es, ihre einzelnen Geschichten zu einem Bündel zu schnüren?

Es war immer klar, dass wir eine Ensemblegeschichte mit einer zentralen Figur, Wanda, kreieren wollen. Beim Schreiben, Drehen und Montieren galt es zu beachten, diese verschiedenen Stränge gut miteinander zu verflechten. Diese Struktur auszuprobieren, hat mich sehr gereizt. Es hat viel dazu beigetragen, dass wir nur an einem Drehort, der Villa, gearbeitet haben. So hatten wir ein Korsett. Bei 20 Motiven wäre man zu sehr damit beschäftigt, zu verstehen, wer jetzt wo wann ist.

Schwanger: Wanda (Agnieszka Grochowska) muss mit der neuen Situation klar kommen. Quelle: Zodiac Pic.

Josef schwängert Wanda tatsächlich. Scheinbar absurd, aber nicht unmöglich. Ist die Geschichte Fiktion oder wurde sie Ihnen wirklich berichtet?

Es gab durchaus Schilderungen von Liebesbeziehungen oder von Männern, die sich scheiden lassen wollten, weil da endlich jemand war, der sich ihrer angenommen hat. Ich habe auch von Testamentsänderungen gehört – von einer Schwangerschaft aber nicht. Uns war klar, dass wir etwas Extremes erzählen müssen, um Wanda in die Position zu bringen, dass sie etwas in der Hand hat, mit dem die Familie konfrontiert wird, an ihre Grenzen gerät und sich nicht einfach so rausreden kann.

Humor spielt eine große Rolle, viele Dialoge sind grandios. Worüber können Sie lachen?

Ich? Ich mag Ironie und feinen, klugen Humor. Menschliche Unperfektion finde amüsant, mich natürlich miteingeschlossen. Und über meine Kinder kann ich lachen.

„Es ist eine globale Thematik“

Sie sind Schweizerin. Wie steht es dort um das Thema Pflege?

Es ist genau so akut wie etwa in Deutschland, Österreich und Frankreich. Auch auf Amerika lässt es sich übertragen, dort kommen Pflegende oft aus Mexiko, reiche asiatische Länder holen sich Hilfe aus ärmeren Ländern. Es ist eine globale Thematik. In der Schweiz leben wir in einer Gesellschaft, die immer älter wird, sich immer weniger Leute um ihre Eltern kümmern können und die Wartelisten für gute Heimplätze lang sind.

Sie sind 49, stehen mitten im Leben. Wie stellen Sie sich das Altsein für sich vor?

Ich hoffe, dass ich lange gesund bleibe und auch noch im hohen Alter arbeiten kann. Für einen späten Lebensabschnitt könnte ich mir gut vorstellen, wieder mit anderen Menschen zusammenzuwohnen, mit Freunden. Solche Experimente gibt es ja bereits.

Um den Film bei uns im Kino am Raschplatz vorzustellen, reisen Sie an: Was wissen Sie über Hannover?

Eigentlich nur, dass man bei Ihnen das beste Deutsch spricht (lacht). Das haben mir Theaterschauspielerinnen und -schauspieler immer wieder erzählt.

Bettina Oberli präsentiert „Wanda, mein Wunder“ am 7. Januar um 17 Uhr im Kino am Raschplatz. Tickets kosten neun Euro.

Von Mirjana Cvjetkovic