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Leben in Hannover Barbara Schlüter steckt „Detektivarbeit“ in ihre Romane
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Hannover: Barbara Schlüter schreibt historische Romane

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08:21 25.10.2021
Band vier: Barbara Schlüter schickt ihre Romanheldin in „Verschaukelte Liebe“ auf Schiffsreise.
Band vier: Barbara Schlüter schickt ihre Romanheldin in „Verschaukelte Liebe“ auf Schiffsreise. Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Bücher. Sehr viele Bücher. In Regalen, Schränken, auf Beistelltischen. Historische Romane, Biografien berühmter Frauen, „Kulturgeschichte der Seuchen“ neben „Reisende Frauen 1650 bis 1900“. Und auf einem Archivschrank ganze Meter eingeschweißter Romane: Hier lagert Barbara Schlüter (73) ihre eigenen Werke – gerade ist „Verschaukelte Liebe“ erschienen, Band vier ihrer Reihe um die eigensinnige Elsa Martin, die Leserinnen und Leser ins Hannover des Jahres 1891 entführt. „Elsa ist eine Figur, die aus dem Rahmen springt“, sagt die Autorin mit fast liebevoller Stimme über ihre Romanheldin.

Es geht um das Magdalenium, ein Asyl für „gefallene Mädchen“. Um die Liebe zum Lindener Revoluzzer Cord und die Arbeiterbewegung. Um Schmuckdiebstähle an Bord eines Luxusdampfschiffs auf Orientreise. „Kein Krimi, ein historischer Gesellschaftsroman“, so beschreibt die promovierte Historikerin Schlüter ihre Reihe. Gibt aber zu: „Recherche ist Detektivarbeit.“

Im Jahr 1890 steckt „viel Konfliktpotenzial“

Und die nimmt Schlüter genau, denn Ort und Zeit für die Handlung hat sie bewusst gewählt: „Das Mittelalter ist eine scheußliche Zeit, das Dritte Reich zu schwerer Stoff“, erklärt sie ihren Gedankengang. Sie landete beim Jahr 1890. „Da steckt viel Konfliktpotenzial drin, die Welt verändert sich um die Jahrhundertwende – aber für Frauen ist der Weg immer noch vorgezeichnet, die Gesellschaft ist konservativ.“ Sie selber kennt die Konventionen, denen man unterworfen ist. Und aus denen man ausbrechen muss.

Quellenstudium: Barbara Schlüter mit ihrem Hannover-Archiv. Quelle: Frank Wilde

Schlüter ist „mit Leinewasser getauft“, wächst in Hannovers Südstadt auf. Der Großvater hat eine Tischlerei, der Vater leitet einen Klempner- und Sanitärbetrieb. „Ich war ein Nachkriegskind, die Trümmer der Stadt waren unser Spielplatz“, erinnert sie sich. Nach der Mittleren Reife war klar: „Das Kind geht ins Geschäft.“ Doch der Vater stirbt früh, Schlüter macht doch Abitur und studiert Anfang der 70er Geschichte und Politik an der heutigen Leibniz-Uni. „Das war genau das Richtige“, schwärmt sie noch heute.

Damals schwimmt sie sich frei. „Ich habe voll die Frauenbewegung mitgemacht“, erzählt sie über die aufregenden Jahre, in denen sie zum Thema „Frauen in der Geschichte“ forscht – „das war damals Neuland“. Sie ist wissenschaftliche Assistentin, doch das Hochschulrahmengesetz legt der wissenschaftlichen Karriere Steine in den Weg. Schlüter sattelt um auf Erwachsenenbildung, macht sich 1985 selbstständig als Kommunikationstrainerin, gibt Rhetorik und Moderationskurse, coacht auch hochrangige Manager.

Sie schreibt – aber nur Fachbücher, Arbeitspapiere, Tagebücher. „Einen historischen Roman hatte ich aber immer im Hinterkopf“, sagt sie über das Elsa-Martin-Projekt, das sie dann vor zehn Jahren startete. Zwei Jahre brauchte sie für das Romandebüt „Vergiftete Liebe“, denn die Recherche kostete Zeit. „Ich habe Hannover noch mal von ganz neuen Seiten kennengelernt“, sagt sie über Wochen und Monate, die sie im Stadtarchiv verbrachte, um Dokumente zu studieren.

Schlüter legt Wert auf authentische Quellen: „Zeitgenössische Berichte, Literatur aus der Zeit, Tagebücher.“ Etliche Bände eines Hannover-Archivs stapeln sich auf dem zierlichen Louis-Philippe-Sekretär („Während des Studiums habe ich in einem Antiquitäten-Laden gearbeitet, den habe ich abgestottert“). Für die Beschreibung der Orientreise im aktuellen Elsa-Band sammelte sie Informationen im Archiv der Hapag-Reederei – „ich zitiere aus einer Originalspeisekarte“, sagt sie stolz. Diese Arbeit mache ihr als Historikerin großen Spaß, „ich muss aber aufpassen, dass ich mich nicht in der Recherche verliere“, sagt sie mit einem Lachen über die Materialschlacht. Es passt, dass Schlüter auch Mitglied im Freundeskreis des Historischen Museums ist.

Im Arbeitszimmer: Ihre Romane schreibt Barbara Schlüter allerdings im „Winterquartier“ auf der Insel La Palma. Quelle: Frank Wilde

Geschrieben wird im „Winterquartier“ auf der Kanareninsel La Palma, wo sie seit 35 Jahren ein Apartment hat („Die Fernsehbilder von den Lavaströmen nach dem Vulkanausbruch zerreißen mir das Herz“), in den vergangenen Jahren entstanden auch einige Kurzkrimis. Hannover blieb immer ihre Basis – „ich bin nicht ausgestiegen, aber umgestiegen“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Als der erste Roman fertig ist, macht sie sich auf Verlagssuche, „ein dornenreicher Weg“.

Vier Bände liegen jetzt vor, nach „Vergiftete Liebe“ kam „Heimliche Liebe“, für „Gerächter Zorn“ (auf das Wortspiel ist sie stolz) wanderte der Fokus nach Linden. Und wieder profitierte die 73-Jährige von ihrer eigenen Biografie. Sie hatte lange als Coach für die Niedersächsische Gewerbeaufsicht gearbeitet: „Das hat mich sensibilisiert dafür, unter welchen Bedingungen Menschen arbeiten.“ Außerdem stamme sie aus einem Handwerksbetrieb – „der Blaumann war bei uns daheim normal“.

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Im aus den Augen der gehobenen Gesellschaft „suspekten Linden“ findet Elsa ihre Liebe Cord. Und so erklärt sich auch der Titel „Verschaukelte Liebe“ für Band vier. Eine Beziehung, die nicht sein darf, die von Elsas Eltern manipuliert wird. „Und auf einer Schiffsreise schaukelt es ja auch“, spielt Schlüter auf das Cover mit fein gekleideten Damen und Herren an Bord eines Dampfers an. Eine Geschichte mit viel Wellengang.

Umgeben von Geschichte: Barbara Schlüters Wohnzimmer ist mit Antiquitäten eingerichtet. Quelle: Frank Wilde

Am 29. Oktober ab 18.30 Uhr liest Barbara Schlüter im „Sofa-Loft“ (Jordanstraße 26) aus „Verschaukelte Liebe“ (Elvea Verlag, 280 Seiten, 14,80 Euro). Einritt fünf Euro, ein Glas Sekt zur Begrüßung inklusive. Am 2. November gibt es ab 15 Uhr eine Lesung im Seniorenheim Lehrte (Am Alten Sportplatz 1, Anmeldung 05132/887680), am 7. November ab 17 Uhr auf der „Hinterbuehne im Zwo“ (Hildesheimer Straße 39A, 0511/3506070).

Von Andrea Tratner