Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Leben in Hannover Friedrich Liechtenstein - das supergeile Kunstwerk
Hannover Leben in Hannover Friedrich Liechtenstein - das supergeile Kunstwerk
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:17 07.04.2015
BU im Foto linksbündigBU
Anzeige
Hannover

Die Sache mit den Algen ist Friedrich Liechtenstein (56) wirklich wichtig. Schon als Kind soll er in sein Tagebuch geschrieben haben, er wolle die glibberigen Wasserpflanzen untersuchen. Algenforscher? Ein Traumberuf! „Ist es eigentlich noch immer“, sagt Liechtenstein heute. Der selbst ernannte Flaneur und Entertainer sitzt in einem Berliner Café, die verspiegelte Sonnenbrille behält er auch drinnen auf.

Ein Jahr ist es her, dass der YouTube-Clip „Supergeil“ millionenfach geklickt wurde. Der Künstler schaffte es mit dem Edeka-Werbevideo bis in die „New York Times“, Oscar-Preisträger Tom Hanks (58) feierte „diesen Kerl!“ in seinem Twitter-Account. Jetzt erscheint seine Biografie „Super. Mein Leben“ (Piper, 288 Seiten, 19,99 Euro) - Liechtenstein posiert auf dem Cover in James Bond-Manier, mit Bart und goldenen Nägeln - viel Bling-Bling.

Die ersten Seiten des Buches dagegen klingen drastisch: „Ich lag gekrümmt, aber nicht mehr behaglich in meiner Lache, umgeben vom warmen Innenleben meiner Mutter. (...) Ärzte griffen zum Notfallbesteck und öffneten ihr den Bauch mit einem Skalpell.“ Das war in den 50ern in der DDR (auf seiner Artist-Network-Homepage gibt er 1959 als Geburtsjahr an!). Hans-Holger Friedrich hieß er damals, später arbeitet er als Koch, lernt Puppenspiel, verlässt die Familie für die (lange brotlose) Kunst. Zur Kunstfigur Friedrich Liechtenstein wird er erst 2003.

Was ihn begleitet, ist die Faszination für Algen. Sie gebe Antworten auf viele Probleme: Trinkwasser, Energie, Wellness, Hunger, Design. „Überall ist die Alge ganz vorn und kann immer irgendeinen Beitrag leisten“, sagt Liechtenstein. Das „Supergeil“-Video sei so etwas wie eine „Algen-Blüten-Explosion“ gewesen. Zudem liebten Algen das Extreme, lebten etwa an Orten, wo man kein Leben mehr vermute. „Und so war das auch in meiner Vergangenheit.“ Zum Beispiel hauste er öffentlich als „Schmuck-Eremit“ in einer Brillen-Galerie.

Sein Buch funktioniert ein bisschen wie seine Kunst: etwas verschroben, eigenwillig. Liechtensteins Videos gleichen verfilmten Gedichten, gedreht in alten Hotels, in einer Welt aus Vergangenheit und Romantik. Dass man bei manchen Texten seines Albums „Bad Gastein“ ratlos bleibt, gehört dazu („Wir tragen unsere Blumenkostüme. Wir liegen Rücken an Rücken und jeder hält sein gelbes Yo-Yo fest“).

„Super. Mein Leben“ hat ein Journalist aufgeschrieben, nach Liechtensteins Erzählungen. Er sei Entertainer, kein Schriftsteller, sagt er. Wäre es nach ihm gegangen, hätte die Biografie später angefangen: Erst 2003, als er sich in sein eigenes Kunstprojekt verwandelte, mit Bart, Anzug, Sonnenbrille. Wie es für den „härtesten Entertainer der Welt“ jetzt weitergeht? Er arbeite gerade an einem Projekt über romantische Tankstellen mit Arte. Und vielleicht wird es ja doch noch was mit den Algen: Kontakt zu einem Forschungsinstitut habe er zumindest schon.

Julia Kilian