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Leben in Hannover Neues Leben im Elisen-Eck: Das hat das Betreiber-Trio vor
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Ex-Elisen-Eck: Ombra und Kaffeekränzchen bieten Naturwein und Aperitivo

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06:30 17.12.2021
Neue Wege: Ubbo Störmer (links), Lina Grundmann und Andrea Agostini betreiben „Kaffeekränzchen“ und „Ombra“ unter einem Dach.
Neue Wege: Ubbo Störmer (links), Lina Grundmann und Andrea Agostini betreiben „Kaffeekränzchen“ und „Ombra“ unter einem Dach. Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Es war ein stiller Abschied vor ziemlich genau einem Jahr: Im zweiten Corona-Lockdown nahm Hardy Lahmann (61) im „Elisen-Eck“ Poster von den Wänden, stapelte Stühle, baute Technik ab – die kultige Eckkneipe in Linden-Nord war Geschichte, die Reliquien des beliebten Treffpunkts wurden unter Stammgästen versteigert. Lahmanns Mietvertrag war gekündigt worden, die Raucherkneipe, in der auch Live-Konzerte stattfanden, hatte keine Zukunft mehr. Und nun? „Ombra“ und „Kaffeekränzchen“ sind eingezogen. „Zwei Unternehmen, ein Lokal“, erklärt Lina Grundmann (30).

„Ein jeder Gast ist lieb und werth, der baar bezahlt und viel verzehrt“ – in altmodischer Frakturschrift steht der Spruch auf einem eisernen Balken, der sich unter der Decke durch den Gastraum zieht. Seit 1944 wurde im Eckhaus Elisen- und Leinaustraße Bier ausgeschenkt. Jetzt wechselt das Angebot. „Man kann hier morgens frühstücken. Und nach Feierabend mit einem Vino versacken“, erklärt Ubbo Störmer (34, „ein ostfriesischer Traditionsname“) das Kombi-Konzept, in dem er für Kaffee, Kuchen, Paninis und Frühstück zuständig ist.

„Ombra“ – das Wort kommt von Venedigs Weinhändlern

Lina Grundmann und ihr Partner Andrea Agostini (28) übernehmen mit „Ombra“ die andere Hälfte des Angebots. Was dahintersteckt, erklärt schon der Name des Lokals. „Ombra“ ist das italienische Wort für Schatten, steht aber auch für Kultur und Lebensgefühl. „Ombra ist auch der kleine Schluck Wein, der in italienischen Bars ausgeschenkt wird“, erklärt Agostini, der aus Venedig stammt. „Auf dem Markusplatz sind die Weinhändler mit ihren Ständen immer dem Schatten gefolgt, um ihn kalt zu halten.“

Will überraschen: Andrea Agostini schenkt im „Ombra“ Naturwein aus. Quelle: Frank Wilde

Das Probierschlückchen aus geöffneten Flaschen bieten er und Grundmann den Gästen auch an, denn sie schenken „Naturwein“ aus. „Das ist für Hannover noch ein neues Thema“, weiß Agostini, der mit „Vin Beverin“ diese Tropfen seit drei Jahren aus seiner Heimat importiert („wir haben 90 Prozent der Weingüter persönlich besucht“) und in einem Online-Shop verkauft.

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Was ist Naturwein? „Dafür gibt es kein Zertifikat, kein Siegel“, erklärt Grundmann. Die Weinbauern arbeiten ökologisch, verzichten bei der Weinproduktion auf Zusatzstoffe oder Hilfsmittel. „Es geht um die spontane Gärung ohne Hefe. Man lässt die Natur arbeiten.“ Das Ergebnis sei ein großes Spektrum an Geschmack und Geruch, auch die Farbe könne von Gold bis Orange changieren. Das Wort „Trend“ in dem Zusammenhang mag sie nicht. „So sollte Wein eigentlich gemacht werden“, findet sie. Und wenn die Gäste skeptisch sind? „Wir haben auch Einsteiger-Weine“, betont Grundmann, „wir können die Leute überraschen und begeistern.“

Kaffeekränzchen mit Liebe: Ubbo Störmer bereitet Cappuccino zu. Quelle: Frank Wilde

Überrascht sind viele auch vom neuen Look des Ladens. Rohe Backsteinwände, gemütliche Loungsessel, eine lange Holztafel, Fischgräten-Parkett. „Ich kann Leute verstehen, die traurig sind, weil sie ihre Kneipe verloren haben. Es sind große Fußstapfen, in die wir treten“, sagt Ubbo Störmer über den Vorgänger „Elisen-Eck“. Neulich habe ein Gast mit feuchten Augen erzählt, dass es hier früher den einzigen runden Tresen der Stadt gegeben habe. Das Trio hatte mit Anfeindungen gerechnet. „Aber die Leute sind neugierig, aufgeschlossen“, bestätigt auch Lina Grundmann.

Aufgetan hatte Störmer das leerstehende Lokal im Sommer. Er lebt seit elf Jahren in Linden, hat in einem Haus schräg gegenüber eine Garage für sein Kaffee-Mobil, mit dem er über die Wochenmärkte tingelt. Studiert hat er Wirtschaftswissenschaften, nach drei Jahren Online-Marketing für eine Bank brauchte er einen Tapetenwechsel. „Ich will mit simplen Sachen den Leuten eine Freude bereiten“, beschreibt er sein „Kaffeekränzen mit Liebe“ – der Zusatz sei wichtig, „sonst werde ich verklagt“, sagt er mit einem Seufzen.

Fiedeler Markt, Klagesmarkt, Zooviertel – das sind die Stationen seiner Kaffeebude, die Zutaten für das Frühstück im neuen Lokal kauft er aus Prinzip auf Wochenmärkten. „Wir sind eine große Familie, man kennt sich, man steht ja gemeinsam bei Minusgraden draußen.“ Im ersten Lockdown hatte er ein zweites Standbein gesucht, „Liebe, Digga, Liebe“ auf Shirts gedruckt und einen Onlineshop eröffnet. „Ich wollte Liebe verbreiten“, sagt Störmer, dem der rasante Erfolg zum Verhängnis wurde. „8000 Likes“ habe er gesammelt. „Aber dann hat sich jemand anderes die Markenrechte an dem Spruch gesichert ...“

„Das Leben spielt sich am Tisch ab“

Mit „Ombra“ und „Kaffeekränzchen“ soll es besser laufen. „Wir kennen uns seit Jahren, haben ähnliche Vorstellungen von guten Produkten und Gastlichkeit“, findet Lina Grundmann. Ihren Andrea hatte sie beim Marketing-Studium in Mailand kennengelernt – „Sprache und Kultur Italiens faszinieren mich.“ Und noch etwas anderes, das auch Einschlag ins „Ombra“-Angebot findet: „Ich mag das Gesellige. Das Leben spielt sich am Tisch ab.“ Die Kultur des „Aperitivo“, der kleinen Häppchen, die man sich am Tisch teilt, wollen sie nach Hannover bringen.

Andrea Agostini hat einen Masterabschluss an der Slow-Food-Universität im Piemont gemacht, seine Familie betreibt seit Generationen Hotels und Restaurants. „Ich will ein anderes Italien präsentieren als nur Pizza und Pasta“, sagt er. Er und Grundmann haben in Kopenhagen gelebt, außerdem drei Jahre in Hamburg – da gebe es das „Aperitivo“-Konzept aber schon. „Ich hatte eigentlich gesagt: Nie wieder Hannover“, sagt die 30-Jährige, deren „halbes Herz immer Italien gehört“, und muss selber lachen. „Aber Hannover braucht neue Ideen.“

Leckere Kleinigkeiten: Lina Grundmann setzt im „Ombra“ auf das Prinzip, kleine Häppchen auf Brettern zu servieren. Quelle: Frank Wilde

Kaperncreme, gegrilltes Gemüse, Käse, Salami, Oliven, selbstgebackenes Sauerteigbrot („unser Baby“), diese Kleinigkeiten werden im „Ombra“ bereits ab zwölf Uhr serviert. Um 21.30 Uhr ist Schluss, was die kneipengestählten Bewohner des Hauses freuen dürfte. Seit etwa zwei Wochen ist das Doppellokal geöffnet, „wir haben jetzt schon Stammgäste“, freut sich der „Kaffeekränzchen“-Chef Störmer. „Paßt dir’s, laß dich nieder. Schmeckt dir’s, kehre wieder.“ Der Spruch auf der anderen Seite des Stahlträgers an der Decke könnte also passen.

Von Andrea Tratner