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Leben in Hannover Einmal Punk, immer Punk
Hannover Leben in Hannover Einmal Punk, immer Punk
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23:24 05.07.2012
MIT BEIDEN BEINEN AUFDEM BODEN: Ute Wieners lebt zwar immer noch im Bauwagen auf dem Sprengelgelände, wie eine Punkerin sieht die 50-Jährige aber nicht mehr aus.
MIT BEIDEN BEINEN AUFDEM BODEN: Ute Wieners lebt zwar immer noch im Bauwagen auf dem Sprengelgelände, wie eine Punkerin sieht die 50-Jährige aber nicht mehr aus. Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Das Konzert von „Blitzkrieg“ in der Kornstraße am 26. Januar 1980: „An diesem Tag hatte ich das Gefühl, noch einmal geboren zu werden“, erinnert sich Ute Wieners. Die blauen Augen der 50-Jährigen funkeln beim Gedanken an diesen Tag - der Tag, an dem sie Punk wurde. Über diese Zeit hat sie nun ein Buch geschrieben: „Zum Glück gab es Punk“ (Edition Region + Geschichte, 16,80 Euro).

„Teil dieser Szene zu werden, war das Beste, was mir passieren konnte.“ Denn die damals 17-Jährige war ein Außenseiter und fühlte sich in ihrer Haut nie wohl: „Ich kam in der Gesellschaft nicht klar.“ Da kam der Punk gerade recht. Denn „in einer Zeit, in der alle attraktiv sein wollten, war ich das Beispiel für Unattraktivität“.

Auf dem Punkkonzert spielten klassische Attribute von Schönheit keine Rolle, Ute Wieners hatte zum ersten Mal das Gefühl dazuzugehören: „Hier wurde ich akzeptiert, wie ich war.“ Besonders imponiert habe ihr die Sängerin der Punkband „Blitzkrieg“: „Die war nicht so eine Tussi, sondern eine richtige Punkerin!“

Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen war für Wieners immer wichtig. Dafür trat sie auch in der Szene ein. „Ich konnte meinen Mund nie halten“, sagt sie und schmunzelt. Ihre laute Klappe brachte ihr auch den Spitznamen „Alice Schwarzer“ ein. Während Wieners sich an die wilden 80er Jahre erinnert, sitzt sie vor ihrem bunten Wohnwagen auf dem einst besetzten Sprengelgelände in der Sonne. Die Atmosphäre ist fast idyllisch. Hier erinnert nicht mehr viel an die Zeit von Chaostagen und Krawallen. Das Bild vom klassischen Punk dieser wilden Jahre will auch nicht so recht zu der zurückhaltend wirkenden Ex-Hausbesetzerin passen. Sie sei in ihrer aktiven Zeit stets engagiert, aber nie provokant gewesen, erzählt sie. „Bei den Chaostagen war ich natürlich - wie alle - voll im Geschehen“, gibt Wieners zu. Punker aus ganz Deutschland fanden in dieser Zeit bei ihr in der Nordstadt Unterschlupf: „Meine Bude platzte dann immer aus allen Nähten.“

Mit ihrem Buch will sie ein subjektives Stück Punk-Geschichte aus Hannover erzählen: „Ich war nie gut darin, mir Geschichten ausdenken. Also war für mich klar: Ich schreibe über Punk.“ Nun ist das Buch da. Ein persönlicher Bericht über ihre Suche nach Akzeptanz und Identität. Das Kapitel „Pubertät“ ist für Ute Wieners der „Dreh- und Angelpunkt“.

Und wie viel Punk steckt heute noch in der 50-Jährigen? „Ein Stück von mir wird immer Punk bleiben“, sagt sie, „aber in meinem Alter noch so rumzulaufen, finde ich lächerlich.“ Auf Konzerte geht sie immer mal wieder, aber ihr Leben ist ruhiger geworden: „Meine größte Leidenschaft ist das Schreiben, neben dem Schrauben an Fahrrädern.“ Zum Schluss blitzen ihre blauen Augen noch einmal auf: „Ich freue mich wahnsinnig darauf, aus meinem Buch zu lesen!“ Die Ex-Punkerin scheint ihren Weg gefunden zu haben. Ein Glück für sie, dass es Punk gab. Jana Meyer

  • Lesung heute ab 20.30 Uhr im Kino im Sprengel (Klaus-Müller-Kilian-Weg 1). Eintritt frei.