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Leben in Hannover Dietmar Engel - Café Konrad feiert 20. Geburtstag
Hannover Leben in Hannover Dietmar Engel - Café Konrad feiert 20. Geburtstag
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00:16 22.12.2016
Von Maike Jacobs
20 JAHRE IM ZEICHEN DES REGENBOGENS:Dietmar Engel will morgen mit allen Stammgästen auf den runden Geburtstag des „Café Konrad“ anstoßen. Markenzeichen des Lokals sind die selbstgemachten Torten. Fotos:Wilde
20 JAHRE IM ZEICHEN DES REGENBOGENS: Dietmar Engel will morgen mit allen Stammgästen auf den runden Geburtstag des „Café Konrad“ anstoßen. Markenzeichen des Lokals sind die selbstgemachten Torten. Quelle: Frank Wilde
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In seinem Laden geht es zu wie in einem Taubenschlag. Es ist erst kurz nach neun Uhr morgens, aber das „Café Konrad“ ist bereits ausgebucht. „Klar, es ist auch Weihnachtsmarkt, aber über Besuchermangel können wir bestimmt nicht klagen!“, freut sich Dietmar Engel (47). Seit 20 Jahren gibt es das Cafe in der Altstadt, seit 2004 unter Engels Leitung.

Das „Café Konrad“ ist keine gewöhnliche Wirtschaft, es ist eine Institution schwul-lesbischer Kaffeehauskultur (mit ausgezeichneten Kuchen und Torten), ein Ort der Toleranz, ein Treffpunkt. Engel zitiert Ulrike - 70 Jahre alt und Stammgast: „Hier werde ich so empfangen, als ob alle nur auf mich gewartet haben“, habe ihm die Dame verraten. Das Lob nimmt er gern an - und schwärmt vom „Konrad“-Publikum: „Wir liegen zwischen zwei Kirchen, der Landtag ist in der Nähe, Theater auch, wir sind Anlaufstelle für die schwul-lesbische Szene, und vom Alter her war unser jüngster Gast im Sommer Leonie, elf Tage, und letzte Woche war eine Frau mit Krücken hier, die Heiligabend ihren 96. Geburtstag feiert.“

Im „Konrad“ sitzt man nicht vereinzelt an seinem Tischchen, hier gehört man zu einer großen Familie. Und das liegt auch am Chef. Immer einen Spruch parat, immer ein offenes Ohr, so eilt Dietmar Engel von Tisch zu Tisch, bemuttert hier, witzelt dort, Küsschen rechts und links und manchmal auch auf den Mund. Er scheint nahezu jeden seiner Gäste persönlich zu kennen und wirft seine ganze Persönlichkeit mit in das Geschäft.

Aufgewachsen ist Engel in Rahden im Kreis Minden-Lübbecke, einer Kleinstadt mit 15 000 Einwohnern. Sein Coming-out schaffte er erst mit dem Umzug nach Hannover. „Für meine Eltern war das ein Schock, der zehn Jahre angehalten hat“, erzählt er. Inzwischen sei aber alles geklärt, sein Vater würde alles für ihn machen. Aber umso wichtiger sei ihm bis heute, auch Anlaufstelle für die zu sein, die Ähnliches erfahren: „Hier im ,Konrad‘ darf jeder sein, wie er will. Alle meine Kellner sind auch schwul.“ Und Engel ist so etwas wie die Mutter der Kaffeehausgemeinde. Er hilft aus, wenn die Hütte „brennt“, aber er nimmt sich auch mal die Auszeit, mit einem Gast in Ruhe zu reden - „den Luxus genehmige ich mir, dafür bin ich ja auch Chef“.

Gelernt hat Engel im Schweizer Hof, zunächst war er Page, dann machte er eine Ausbildung zum Hotelfachmann. Bei Hans-Peter Wodarz (68) ging er mit der Dinner-Show „Pomp Duck & Circumstance“ auf Reisen, sogar bis New York. Mitte der 1990er Jahre kehrte er nach Hannover zurück und arbeitete zunächst bei Norbert Schu (62) als Kellner. Zum „Konrad“ kam er über das Singen: „Ich lernte Gert Litzkendorf, den damaligen Chef vom ,Konrad‘ bei Vox Homana, einem schwulen Männerchor, kennen. Er fragte, ob ich aushelfen könnte.“

Das machte Engel auch, hatte aber zunächst andere Ambitionen: Erst wollte er Theologie studieren, dafür hätte er aber Latein nachholen müssen: „Aber das ging nicht in meinen Kopf.“ Dann studierte er drei Semester Soziologie und Sozialpsychologie - und übernahm doch das Konrad: „Die gehobene Gastronomie war für mich zu korsettmäßig. Hier im ,Konrad‘ kann ich meine Pirouetten drehen, so wie ich es mag.“

Aber das „Konrad“ ist auch so etwas wie sein eigensinniges Kind, das besondere Aufmerksamkeit braucht. Bitter zu spüren hat er das bekommen, als er dem „Konrad“ ein Geschwisterchen gab: Im ehemaligen „Café Caldo“ in der Escherstraße - in den 1990er Jahren der Treffpunkt der homosexuellen Szene Hannovers - machte er „Paul“ auf. „Ich habe dort meine ganze Energie reingesteckt, bin aber gescheitert“, gibt Engel zu, „ich hätte dabei fast ,Konrad‘ vernachlässigt, dabei ist das doch meine große Liebe.“

NPVISITENKARTE

Geboren am 23. Juli 1969 in Rahden. Dietmar Engel bewirtete schon als Kind am liebsten die Verwandtschaft und verdiente sich erste Pfennige Trinkgeld. Im Schweizer Hof machte er eine Ausbildung zum Hotelfachmann, nach dem Zivildienst ging er für eine Saison nach Spiekeroog, außerdem arbeitete er mit Sternekoch Hans-Peter Wodarz. 17 Monate arbeitete für Norbert Schu in der „Insel“, seit 2004 führt er das „Café Konrad“ (Knochenhauerstraße 3). Engel ist Single. Der leidenschaftliche Doppelkopfspieler und Gärtner ist außerdem großer Musikfan, er singt selbst gern und hat sich für 2017 fest vorgenommen, endlich wieder auch Klavierunterricht zu nehmen.