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Leben in Hannover Der 18-Stunden-Marathon
Hannover Leben in Hannover Der 18-Stunden-Marathon
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20:58 03.08.2012
Von Andrea Tratner
DIE WAND DER NORDDEUTSCHEN: Regisseurin Franziska Stünkel hat eine Karte mit Infos zu jeder Szene des Mammut-Films.
DIE WAND DER NORDDEUTSCHEN: Regisseurin Franziska Stünkel hat eine Karte mit Infos zu jeder Szene des Mammut-Films. Quelle: Ralf Decker
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Hannover

Ein Spielfilm hat 90 Minuten. Meistens. Franziska Stünkels erster Kinofilm „Vineta“ hatte 93 Minuten. Die 38-Jährige Regisseurin legt nun eine Schippe drauf: „Der Tag der Norddeutschen“ wird 18 Stunden haben. Für Hollywood dürfte die Hannoveranerin dann gerüstet sein, oder? „Ich nehme viel mit“, sagt die vielfach preisgekrönte Filmemacherin bescheiden. „Bereichernd“ sei das Projekt, „intensiv“ der Prozess, „unglaublich schön“ diese Arbeit. Superlative nimmt das Multitalent, das auch Drehbücher schreibt und ihre Fotos in großen Galerien ausstellt, nicht in den Mund. Es reicht zu sehen, wie ihre Augen leuchten.

Ein Film mit mehr als 100 Hauptdarstellern. „Es ist eine große Chance, in so viele Leben hineinzuschauen“, schwärmt Stünkel. Wenn man vor der meterlangen Wand mit Zetteln im Flur der Produktionsfirma TV Plus in der Goseriede steht, sieht es erst mal nach verdammt viel Arbeit aus. Für jede Szene - und sei es nur ein Fünf-Sekünder - klebt da ein Zettel mit Fotos, Notizen, Farbcodes. „Andreas Werner (32), Vollbluttanzlehrer“ hängt neben „Thomas Feldhoff, Drogenfahnder aus Emden“, „Katja Kessler (23), Van-Carrier-Fahrerin“ wird vielleicht zusammengeschnitten mit „Giovanni di Lorenzo, ,Zeit’-Chefredakteur.“ Eine Flut an Material: „Man muss visuell und dramaturgisch ganz anders denken als bei einem klassischen Spielfilm.“

Rhythmus und Dynamik sind Stünkel wichtig. Ereignisse und Emotionen aber auch. „Was tun, fühlen und denken die Menschen?“ war die Frage, der die Kamerateams nachspürten. „Das wird keine Dokumentation über Norddeutschland mit Infos, Fakten und regionalen Besonderheiten“, stellt Stünkel klar, die auch das Konzept des Filmes entwickelt hat. „Es ist ein Film, der von der Vielfalt erzählt.“ Von Fischern und Friseurinnen, Gehörlosen und Geologen in der Asse, den Elementen Feuer, Erde, Wasser und Luft. „Die gesamte Gefühlspalette steckt drin “, freut sich Stünkel. Ihr ist aber wichtig: „Wir lenken nicht, wir begleiten.“ Das wahre Leben lasse sich eh nicht beeinflussen.

Seit einem Jahr steckt sie in dem Projekt. „Es fühlt sich an wie ein Marathon. Mit kleinen Sprints zwischendurch“, sagt sie lachend. Der Drehtag sei so einer gewesen. „Da war viel Adrenalin im Spiel“, erinnert sie sich. Zumal am Tag davor Dauerregen vom Himmel gefallen war. „Aber es ist ein typischer norddeutscher Tag geworden. Viel Wind, dramatischer Himmel, Sonne, Regen - alle Farben sind dabei.“ Die 38-Jährige kennt das, sie ist am Steinhuder Meer aufgewachsen. „Ich liebe den Norden.“

Ein anderer Norddeutscher macht die Musik zum Film: Star-Remixer Mousse T. hat das Titelthema und viele Variationen komponiert, das NDR-Pops-Orchester hat die Stücke eingespielt - natürlich am 11. Mai, natürlich unter den Augen eines Kamerateams. Kommunikation ist in dieser Phase des Rohschnitts wichtig: „Wir spielen Pingpong zwischen Goseriede und Peppermint-Park“, beschreibt Stünkel die Arbeit.

Die fordert nicht selten Zwölf-Stunden-Tage. Ein Stromausfall wie neulich, als ein Bagger auf der Klagesmarkt-Baustelle vor der Haustür ein Kabel kappte, ist dann eine Katastrophe. „Zwei Stunden Stillstand“, seufzt Stünkel. Das Team habe dann eben Fußball auf dem Flur gespielt.

Der Vorteil so einer Zwangspause: „Man muss auch den Blick wieder klar kriegen, die Gedankengänge überprüfen“, sagt Stünkel ernsthaft. Zum Glück gibt es dafür auch Nike! Die Regisseurin tätschelt den Kopf der Mischlingshündin, die es sich unter dem Schneidetisch bequem gemacht hat. Vor sechs Jahren hat sie das Tier aus den Straßen von Budapest bei sich aufgenommen. „Wenn Nike drängelt, gehen wir spazieren.“ Frische Luft bringt klaren Kopf.

Den braucht Stünkel auch für das nächste Projekt, für das das Drehbuch bereits in der Schublade liegt: Im Spielfilm „Nahschuss“ soll es um die Todesstrafe in der DDR gehen - nach einem realen Fall. Hannovers Regie-Talent ist unermüdlich.