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Leben in Hannover Das steckt hinter dem „Tabumator“ von Yun Qi Wong
Hannover Leben in Hannover

Das steckt hinter dem „Tabumator“ von Hannovers Pianistin Yun Qi Wong

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10:15 06.10.2021
Sie posiert in Misburg am Mittellandkanal: Hier lebt die Künstlerin Yun Qi Wong mit ihrer Familie.
Sie posiert in Misburg am Mittellandkanal: Hier lebt die Künstlerin Yun Qi Wong mit ihrer Familie.
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Hannover

Eigentlich schreibt Yun Qi Wong (35) jetzt schon ein Stück Musikgeschichte: Mit Sopranistin Sophia Körber (31) veröffentlicht die Pianistin nämlich ein Album, auf dem sich nur Ersteinspielungen finden. Also Stücke, die noch nie einen Platz auf einer CD gefunden haben. Weiterer gemeinsamer Nenner: Alle Lieder haben eines zum Thema, sie beschäftigen sich mit Tabus.

„Es sind Lieder dabei, die von Leichenschändung handeln, welche, die sich um Tod, Depressionen und Wahnsinn drehen, um Sexualität und Rassismus, die Beziehung zwischen Mensch und Maschine“, erläutert die 35-Jährige das zunächst eigenartig anmutende Projekt. Schaut man sich die Intention hinter dem Album „Tabumator“ (erscheint am 15. Oktober bei Ars Vobiscum) an, wird es sinnig: Das Liedduo will mit seiner Kunst Tabus brechen, „gleichzeitig mit dem Publikum in Diskurs gehen“. Teilweise haben die beiden, die sich aus Studienzeiten an der Musikhochschule in Hannover kennen, über Crowdfunding finanziert, 11.825 Euro sind zusammengekommen.

Treten auf im Duett: Pianistin Yun Qi Wong (links) und Sängerin Sophia Körber. Quelle: Rüdiger Schestag

„Schon das hat ganz schön polarisiert“, erinnert sich die aus Singapur stammende Frau. „Manche fanden das Thema nur geschmacklos und unnötig, ohne sich überhaupt inhaltlich damit auseinandergesetzt zu haben. Andere bezeichneten es sogar als empörend und monierten, Tabus hätten in der Musik nichts verloren“, weiß Wong. Dass sie das anders sieht, liegt auf der Hand.

Ein Vibrator auf Klaviersaiten

Es sind nicht nur die Texte der Lieder, etwa Shakespeares Ophelia, die von Tabus erzählen, auch die Art und Weise, wie Wong und Körber diese interpretieren, dürften diesen unterliegen: „Sophia schreit in ,Lady Dada’ wie auf einer Demo. Und wir haben einen Vibrator benutzt, ihn angeschaltet und während der Aufnahme auf die Klaviersaiten gelegt.“

Einige der 18 Tracks wurden extra für „Tabumator“ komponiert, etwa von Snežana „Sneki“ Nešić (48), ihres Zeichens Komponistin und Dozentin an der Hochschule für Musik, Theater und Medien. Neben Auftragswerken haben die Musikerinnen Werke des singapurischen Komponisten Americ Goh, Hermann Reutter († 84) und des Kanadiers Eliazer Kramer für ihre Produktion verwendet. Letzterer ist Filmkomponist und hat eine Liedfassung von „Clitoris Magnificus“ als Bonustrack komponiert, den er für den Animationsfilm „Le Clitoris“ kreiert hatte. „Er hat gleich zugestimmt, als wir ihn angefragt hatten.“

Mit Tabus ist Yun Qi Wong auch in ihrem bisherigen Leben konfrontiert worden. Sie erfährt Rassismen, etwa, dass Veranstalter auf Konzerten ihren Namen nicht genannt haben. „Weil sie befürchtet haben, ihn nicht richtig aussprechen zu können“, mutmaßt die erfolgreiche Pianistin und rollt mit den Augen. Irgendwann intervenierte ein anderer Künstler und heute besteht die 35-Jährige auf eine namentliche Nennung. „Ich übe es meinetwegen vorher auch gerne mit den Leuten ein.“

Yun Qi Wong

*14. Juni 1986 in Singapur. Sie wächst im Stadtteil Choa Chu Kang auf. Bereits im Alter von drei Jahren sitzt Yun Qi Wong am Klavier, inspiriert durch ihre Mutter Ite Ru Lim, die Klavierlehrerin ist. Außerdem spielt die Tochter Horn und singt in Kammerchören. An der Nanyang Academy of Fine Arts studiert sie Musik, arbeitet im Anschluss als Kammermusikerin, Klavierlehrerin und Kellnerin („Das hat richtig Spaß gemacht!“), um sich einen Traum zu erfüllen: nach Deutschland zu gehen, „in das Ursprungsland der klassischen Musik“. 2008 kommt sie nach Düsseldorf, lernt ein halbes Jahr Deutsch, besteht an der Musikhochschule in Hannover die Aufnahmeprüfung. Yun Qi Wong studiert Liedbegleitung und hat seit 2012 einen Lehrauftrag. Aktuell ist sie in Elternzeit, malt und kocht gern, treibt Sport, geht ins Ballett. Mit Mann und Kind lebt sie in Misburg. www.yunqiwong.com

Aber auch zu Hause waren Tabus Thema. Und sind es noch. „Irgendwie empfinde ich heute noch Scham, wenn ich vor meiner Mutter weine. Das ist doch absurd!“ Kulturelle Unterschiede macht sie dafür verantwortlich, bis zu ihrem 22. Lebensjahr wohnt die Frau mit den chinesischen Wurzeln in Singapur. „Emotionalität und Sexualität, aber auch Gefühle wie Trauer und Wut werden eher selten gezeigt“, erklärt sie.

In Deutschland führt sie auch ganz andere Freundschaften, als sie es in ihrer Heimat getan hat, „hier geht es viel offener und direkter zu, alle wichtigen Dinge werden besprochen. Und es wird mehr gestritten“. Alles Eigenschaften, die sie – neben ihrer größten Leidenschaft Musik – an ihrer Wahlheimat in Europa sehr mag. Die Verbindung zu ihrer asiatischen Herkunft behält sie natürlich weiterhin bei. Zum Beispiel wird ihr kleiner Sohn Kai (wird am 9. Oktober 1) dreisprachig erzogen, sie und ihr Mann sprechen nämlich chinesisch sowie englisch mit dem Lütten. So wie es in Singapur üblich ist.

Gefragte Künstlerin: Hier spielt im Jahr 2016 Yun Qi Wong im Esplanade Recital Studio Singapur ein Konzert. Quelle: privat

Zum Schluss betont die Künstlerin noch eins. Nämlich nicht alle Tabus enttabuisieren zu wollen. „Es gibt schließlich auch welche, die uns schützen.“ Und zwar? „Mord, Fremdgehen, Lügen, jemanden absichtlich verletzen, ganz gleich ob körperlich oder verbal“, zählt sie zu Hause in Misburg spontan auf. „Diese Tabus bewahren uns vor Unverzeihlichem. Aber darüber sprechen, das müssen wir dürfen.“ Oder eben musizieren!

Von Mirjana Cvjetkovic