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Leben in Hannover Regionalhistoriker Carl-Hans Hauptmeyer ist Hannover-Kenner
Hannover Leben in Hannover

Dannos prominente Laufrunde mit Hannover-Historiker Hauptmeyer

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08:27 04.01.2022
Sechs-Kilometer-Runde mit Aussicht: Der 73-jährige Carl-Hans Hauptmeyer schafft den Anstieg bei Lüdersen mühelos.
Sechs-Kilometer-Runde mit Aussicht: Der 73-jährige Carl-Hans Hauptmeyer schafft den Anstieg bei Lüdersen mühelos. Quelle: Florian Petrow
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Hannover

Nun bin ich auf meinen 105 Runden gefühlt 30-mal um den Maschsee und 30-mal in der Eilenriede gelaufen, ganz sicher aber noch kein einziges Mal in Lüdersen. Ich betrete diese bei der letzten Zählung genau 999 Einwohner große Ortschaft der Stadt Springe mit dem Wolf im Wappen am Mittwoch vor Weihnachten überhaupt zum allerersten Mal.

Carl-Hans Hauptmeyer verliebte „sich schon als Kind“ in den Flecken Erde am Hang des Süllbergs, dem östlichen Ausläufer des Deisters. „Wir lebten in Döhren und hatten ein kleines Wochenendhaus in Völksen“, erinnert sich der 73-Jährige. „Und ich habe meinen Vater immer gebeten, auf dem Hin- und Rückweg über die Dörfer zu fahren. Rauf und runter mit unserem 30-PS-starken VW, das war jedes Mal ein wunderbares Abenteuer.“ Seit 2007 wohnt der Regionalhistoriker mit seiner Partnerin ziemlich weit oben im Ort, direkt beim Ausgangspunkt seiner sechs Kilometer langen Laufstrecke.

Hauptmeyer hat Text der Lüdersen-Tafel verfasst

Am Start weist eine Tafel auf die Geschichte des erstmals um 960 in einer Urkunde des Bischofs Milo von Minden als Luidgereshem erwähnten Lüdersen. „Der Text ist von mir“, sagt Professor Hauptmeyer, der fest mit der Historie seiner nach Hannover zweiten Heimat verwurzelt ist. Den Dorfplatz hat er maßgeblich mit umgestaltet, an der Seite anderer erfolgreich für den Erhalt der alten Dorfschule gekämpft, mit 1,8 Millionen Euro an Spenden und Fördergeldern sogar von der EU kann bald restauriert werden.

Seine zweite Heimat nach Hannover: Carl-Hans Hauptmeyer lebt in Lüdersen am Deister. Quelle: Florian Petrow

Wenige hundert Meter nach der Tafel halten wir schon wieder: „Sogar die Illustrierte ‚Hör Zu‘ schrieb, hier sei das wahre Hexenhaus der Gebrüder Grimm“, klärt Hauptmeyer auf. Denn gegenüber dem lange geschlossenen Ausflugslokal „Schau ins Land“ sind allerlei Märchenfiguren auf die Fassade gemalt, hinter einem zerbrochenen Seitenfenster lockt der knochige Zeigefinger der Hexe. Lachend erzählt Hauptmeyer, selbst begeisterter Opa, „wie mutige Dreijährige sich der Hexengestalt langsam nähern, während hinten der schüchterne Vierjährige entsetzt an den Nägeln kaut. Solche Szenen habe ich schon oft beobachtet.“

Wir laufen weiter und bedauern, dass uns Niesel und Nebel die Sicht versperren. „Von hier kannst du Hannover, die von Langenhagen aufsteigenden Flugzeuge, den Kaliberg am Steinhuder Meer und bei bestem Wetter den Brocken sehen“, sagt Hauptmeyer, während wir schnaufend bergan laufen. Auf dem höchsten Punkt, 150 Meter über Meeresspiegel, steht ein einsames Windrad, gegen mehr davon wehrt sich eine Bürgerinitiative.

Unterwegs: Historiker Carl-Hans Hauptmeyer (links) und NP-Redakteur Christoph Dannowski. Quelle: Florian Petrow

„Das ist zweifellos eine der schönsten Stellen der Region Hannover“, sagt Carl-Hans Hauptmeyer, der seinen ersten Vornamen von Vater und Großvater und den zweiten vom Onkel bekommen hat, während ich beeindruckt schweige. „Leider kennt kaum einer diese Stelle“, bemängelt der Professor, „nichtmal die Grünen, die wohnen ja fast alle in der Stadt.“

Seit 60 Jahren ist Hauptmeyer Langstreckler, besonders intensiv „habe ich mich mit der Laufgruppe des TuS Wettbergen verbessert“. In den 80er Jahren lief der gerade mit dem Cord-Borgentrick-Stein ausgezeichnete Autor hunderter Studien und Schriften fünf Marathons, den schnellsten in Bremen in 3:12 Minuten. Auch im achten Lebensjahrzehnt ist Hauptmeyer „meist zwei-, manchmal dreimal die Woche unterwegs“. „Mens sana in corpore sano“, zitiert er eine lateinische Weisheit: „In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist.“

Carl-Hans Hauptmeyer

* 21. Oktober 1948 in Hannover-Döhren. 1967 mathematisch-naturwissenschaftliches Abitur an der Bismarckschule. Er studiert in Hannover Lehramt für Gymnasien, Hauptfächer Geschichte und Geografie. Wissenschaftlicher Assistent, Promotion, Habilitation. Ab 1980 eine befristete Professur an der Uni Hamburg, er ist Heisenbergstipendiat. 1981 bis 2013 Professur für Regionalgeschichte an der Uni Hannover. Lebt in glücklicher Partnerschaft, ist Vater einer Tochter und Opa zweier Enkelkinder. Hauptmeyer macht von Kindesbeinen an Musik, Klassik am Klavier, tritt mit eigenen Chansons auf und ist Frontman einer Bluesrockband. Er läuft seit fast 60 Jahren Langstrecken, liebt das Meer und Inseln. Heimat aber ist Hannover und das Calenberger Land.

Der Geist ist noch so rege, dass die Tage getaktet sind. Hauptmeyer hat Doktoranden an der Uni, einen Schlüssel zum „Pensionärszimmer“ des Historischen Seminars, hält Vorträge und sitzt in Podiumsdiskussionen. „Mein Credo ist und bleibt, dass angewandte Regionalgeschichte für die Menschen und mit den Menschen gemacht wird. Als Regionalhistoriker kann ich die Welt mit der Heimat verbinden und Lokales aus Globalem erklären.“

Lüdersen – 15 Kilometer bis zum Kröpcke

Sätze, über die ich nachdenke, während Hauptmeyer nach Ende der Runde für mich und Fotograf Florian Petrow eine Ortsbegehung veranstaltet, die über den Friedhof und am wuchtigen Turm der Marienkirche vorbeiführt. Deren Uhr ist stehengeblieben, dass das ein Synonym für Lüdersen an sich sei, will Hauptmeyer nicht gelten lassen: „Da vorne entsteht demnächst wieder ein kleines Neubaugebiet. Wir sind hier nur 15 Kilometer vom Kröpcke entfernt, ich würde es fast zentrale Lage nennen.“

Das ist die Sechs-Kilometer-Runde von Carl-Hans Hauptmeyer. Quelle: Lill

An der Tafel mit seinem Text verabschieden wir uns herzlich, Hauptmeyer schaltet sich gleich mit seiner Bluesband „Trockendock“ zu einer Online-Übungseinheit zusammen. Er spielt Gitarre und singt. „Ich habe wohl so einige Talente“, sagt der begeisterte Insel-Urlauber (vom Baltrum bis Hawaii), leidenschaftliche Hobby-Gärtner und Handwerker. „Es ist Gnade und Geschenk, dass ich in meinem Alter noch die Kraft habe, all diese Talente leben zu dürfen.“ Ein beneidenswerter Professor.

Das Laufinterview mit Carl-Hans Hauptmeyer

Was hören Sie gerne beim Laufen?

Das Jubilieren einer aus einem Feld aufsteigenden Lerche.

Alleine oder in der Gruppe?

Einst in der Gruppe: Ich habe da wunderbare Gespräche geführt! Inzwischen allein.

Mit wem würden Sie gerne mal unterwegs sein?

Mit diesem bekannten hannoverschen Zeitungsmenschen, der diese tolle Laufkolumne in der NP hat. Wie heißt der doch gleich? Oder Mick Jagger, doch mit dem würde ich wohl lieber Musik machen.

Wo kaufen Sie Ihr Equipment am liebsten?

Ganz unterschiedlich. Das Verkaufspersonal muss Ahnung vom Laufen habe, sonst gehe ich.

Welche sportliche Website besuchen Sie regelmäßig?

Selbstverständlich SV Arminia Hannover!

Am Hexenhaus: Carl-Hans Hauptmeyer (rechts) und Christoph Dannowski machen eine kleine Pause. Quelle: Florian Petrow

Wo wollen Sie unbedingt noch mal laufen?

Um die Stadtmauer von Isny im Allgäu.

Wo laufen Sie nie mehr?

Im Gebirge. Irgendwie werden die Berge von Jahr zu Jahr höher.

Gras, Sand, Asphalt, Tartanbahn oder Waldboden, welcher Untergrund gefällt Ihren Füßen am besten?

Einst Tartanbahn, heute Asphalt und Waldboden.

Wie belohnen Sie sich für eine anstrengende Einheit?

Eigentlich ist ja die Einheit an sich Belohnung. Aber dann warme Dusche, kleines feines Essen, Gläschen Wein…

Bei welchem Wetter bleiben Sie garantiert zu Hause?

Gewitter, Orkan, Glätte.

Schwächeln Sie im Winter?

Bisher noch nicht, außer bei Glätte.

Kann ein Laufband die Natur ersetzen?

Niemals!

Können Sie einen Lauftreff empfehlen?

Heute nicht mehr. Vor 30 oder 40 Jahren hätte ich TuS Wettbergen empfohlen.

Laufen nach durchzechter Nacht – geht das?

Schlecht, hilft aber! Dürfte allerdings länger her sein.

Idyllisch: Rund um Lüdersen gibt es viel Natur. Quelle: Florian Petrow

Was essen Sie vorher gerne?

Voller Bauch läuft nicht gern. Bestenfalls etwas Banane.

Was haben Sie immer dabei?

Hausschlüssel – und seit langem keine Uhr mehr.

Haben Sie ein laufendes Vorbild?

Seit Harald Norpoth nicht mehr.

Schnellstarter oder Zielsprinter – welcher Lauftyp sind Sie?

Ruhig beginnen und die Kraft für allmähliche Temposteigerung aufheben. Zielsprint ist vorbei.

Von Christoph Dannowski