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Leben in Hannover Carmen Nebel: "Quote lähmt"
Hannover Leben in Hannover Carmen Nebel: "Quote lähmt"
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00:16 17.02.2013
Von Sebastian Scherer
TV-MOMENTE: Der Auftritt von Pamela Anderson sorgte für viel Gesprächsstoff.
TV-MOMENTE: Der Auftritt von Pamela Anderson sorgte für viel Gesprächsstoff. Quelle: Rainer Jensen
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Berlin

„Willkommen bei Carmen Nebel“ feiert Jubiläum. Wie bewusst ist Ihnen so ein Datum?

Ich wünsche mir für jedes Jahr, dass es ein besonderes wird. Mit tollen Gästen und Ideen. Das zehnte Jahr ist schon eine Zäsur. So ein Jubiläum, das das ganze Team erlebt, ist schon etwas Besonderes. Vor allem in so schnelllebigen Zeiten.

Was waren die Höhepunkte - positiv wie negativ?

Das Schicksal der kleinen Isabel, die den Krebs besiegte, hat mich sehr berührt. Ich habe sie vor drei Jahren in meiner Sendung zu Gunsten der Deutschen Krebshilfe kennengelernt: Damals konnte sie weder allein stehen noch laufen. Wie sie trotzdem mit einer Grandezza bei mir auf dem Sofa saß und für sich gesprochen hat - das war überwältigend. Besondere Momente waren natürlich auch Auftritte von Weltstars in meinen Shows: Eros Ramazotti, Roger Moore, Mario Adorf, Liza Minelli oder auch Pamela Anderson. Niemand hat für so einen Medienwirbel gesorgt wie sie. Weltweit haben Zeitungen und TV-Sender berichtet. Auch meine kürzeste Sendung wird mir in Erinnerung bleiben: Als 2005 Papst Johannes Paul II. während meiner Show starb, war schon um 22 Uhr Schluss.

Wieso haben Sie sich fürs Fernsehen entschieden?

Das war ein Zufall. Ich war auf dem Alexanderplatz, als die Mauer noch stand, beim jährlichen Solidaritätsbasar. Das Fernsehen war auf Nachwuchssuche. Ich sah dort eine Kommilitonin, der ich beim Vorsprechen zuschauen wollte. Man wollte mich nicht rein lassen, es sei denn, ich mache mit und zahle zehn Mark. Ich zahlte, wollte aber nicht mitmachen. Dann hat man mich überredet.

Und dann waren Sie drin?

Dann kamen Briefe, dass ich zu weiteren Vorstellungsterminen kommen sollte. Ich hatte gar keinen Nerv dafür, aber wenn man bei uns in der DDR ein offizielles Schreiben bekam, ging man hin. So war das. Am Ende habe ich den Job gekriegt.

Sie wurden 1989 Fernsehliebling der DDR. Wie war es dann nach dem Mauerfall?

Aufregend. Das erste Angebot kam von der Aktuellen Schaubude beim NDR. Meine Eltern haben das immer geguckt und plötzlich habe ich diese Sendung moderiert. Journalistische Unterhaltung habe ich vorher nicht gemacht. Ich kam aus einer gesellschaftlichen Struktur in eine völlig andere. Ich habe in den zwei Jahren viel gelernt, ganz schnell viel verstehen müssen. Eine harte Schule.

Ihre Sendung heute muss oft als Beispiel herhalten für ein überaltertes ZDF-Publikum. Wie gehen Sie damit um?

Mittlerweile gelassener. Das ist ein Mangel an Toleranz und schlechtes Benehmen, dass wir uns an Sachen stören, die uns nicht gefallen. Ältere Menschen haben ein Recht darauf, sich an einem Samstagabend vor dem Fernseher zu entspannen und unterhalten zu lassen, ohne die Jüngeren um Erlaubnis zu fragen.

Bei Ihnen tritt auch Amy McDonald auf. Ist das ein Versuch, ein anderes Publikum zu erreichen?

Wir sind zunehmend mutiger geworden. Es waren viele tolle Leute da, Chris Rea, Cliff Richards, Lionel Richie. Ich habe mich immer dafür eingesetzt, die Türen zu öffnen. Im Übrigen habe auch ich eine Million Zuschauer pro Sendung in der sogenannten werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen.

Frauen sind selten an der Spitze der Fernsehunterhaltung.

Eine Live-Show zur Primetime am Samstagabend ist - mit Verlaub - anstrengend. Für mich ist das wie Leistungssport: zum richtigen Zeitpunkt fit sein, und bitte nie krank! Und man muss mit Quoten- und Erfolgsdruck umgehen können, mit Misserfolgen, mit öffentlichen Anfeindungen und mit Kritikern, die keine Kinderstube hatten. Ich glaube aber nicht, dass wir keine talentierten und toughen Frauen haben. Wir sehen das am Beispiel von Barbara Schöneberger und „Wetten dass?“. Ich bin mir sicher, sie hätte das gestemmt - und zwar ziemlich gut.

Was haben Sie in zehn Jahren über sich und das Fernsehen gelernt?

Dass ich mir mehr zutrauen kann, als ich früher dachte. Dass ich mit meiner Produktionsfirma Arbeitgeberin sein kann, habe ich nunmehr seit zehn Jahren bewiesen. Über Fernsehen habe ich gelernt, dass es nichts für Weicheier ist und dass die Quote eine unsägliche Erfindung ist. Quote macht korrupt und lähmt, Quote verhindert Neues. Und dennoch: Fernsehen macht mir jedes Jahr wieder Spaß.