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Leben in Hannover Bilderbuch-Sänger Maurice Ernst über das neue Album
Hannover Leben in Hannover Bilderbuch-Sänger Maurice Ernst über das neue Album
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15:26 14.02.2017
Von Stefan Gohlisch
BILDERBUCH: (von links) Maurice Ernst, Philipp Scheibl, Peter Horazdovsky und Michael Krammer.
BILDERBUCH: (von links) Maurice Ernst, Philipp Scheibl, Peter Horazdovsky und Michael Krammer.
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Hannover

Es ist viel passiert seit Veröffentlichung des letzten Albums "Schick Schock", oder?

Das passiert, ohne dass man viel dazu tut. Man veröffentlicht eine Platte, bleibt Musiker, spielt Konzerte, und Dinge geschehen. Und jetzt sitzt man da.

Umso erstaunlicher war damals die Live-Umsetzung dieses teils doch so komplexen Albums, mit gefühlt 30 Loop-Spuren für die Gitarre. War das Konzept maßgeblich für „Magic Life“, wo eine sprechende Gitarre eine große Rolle spielt?

Es war eine bewusste Entscheidung – schon bei „Schick Schock“, jetzt aber noch stärker, ausformulierter –, dass die Gitarren im Vordergrund stehen, weil sie einen gewissen Dreck und Soul in die Popmusik bringen, etwas, was in der modernen Musik sonst die Stimme macht, wenn überhaupt. Genau da wollten wir ansetzen. Nicht immer diese Beat-Musik, die man im Radio hört. Also sind wir vom Beat weggegangen.

Wer das sonst noch so konsequent gemacht hat, ist eigentlich nur Prince. Und „Superfunkypartytime“ ist ja sowieso eine Prince-Nummer...

Ja, es ist Album gewordene Prince-Liebe (lacht). Das Schöne ist, wenn man so lange Musik macht, dass man oft ganz viel probiert. Und bei so einem Stück lässt man einfach los, und die Liebe zum Groove übernimmt.

Was war die Aufgabenstellung für das Album, das zugleich wie eine Fortsetzung und wie eine Evolution von „Schick Schock“ klingt?

Genau. Wir wollten uns nicht wiederholen, aber gleichzeitig den roten Faden zu behalten. „Schick Schock 2“ wäre lächerlich gewesen. Die Zeit hat sich verändert, die Gesellschaft hat sich verändert. Darauf wollten wir eingehen, Musik machen, die dem entspricht, die Rechtfertigung dafür geben, dass man es macht.

Es geht einem erst mählich auf, wie böse dieses Album ist, dass hinter all diesen Wellness-Schlagworten wie „Carpe Diem“ und „sneakers4free“ ein glitzernder Abgrund der Wohlstandgesellschaft steckt.

So ist es. Es ist auch ein Blick nach innen. Man hat das Gefühl, man sitzt in einem Schiff, und die Wellen kommen immer höher. Es ist so viel passiert, das wir natürlich auch bei „Magic Life“ eingebaut haben. Das muss man nicht verstehen; man kann dieses Album auch ästhetisch genießen. Aber es ist da. Das Vorab-Cover zum Beispiel ist eine Anspielung auf die Europa-Flagge. Ein Pop-Album muss dir nicht sagen, was gut und was schlecht ist. Es muss dich verführen. Es muss dir die Möglichkeit geben, es auf verschiedene Weisen zu lesen. Und dennoch zeugt „Magic Life“ von der gesellschaftlichen Unruhe, von der Zerbrechlichkeit.

Und vom Porsche und der „Maschin“ des Vorgängers bleibt nur der Traum vom Skoda, wie es in „Bungalow“ heißt.

Es ist ja auch der Bungalow. Es ist nicht die Yacht. Es geht um die Sehnsucht nach Häuslichkeit der Leute, die – egal, wie intelligent sie sind – merken, es hat sich etwas verändert und sich dazu verhalten müssen. Das ist alles kürzer gedacht als noch vor drei Jahren.

Inwiefern markiert „Magic Life“ die Abkehr vom Begriff des Austropop?

Sehr. Es gibt dieses eine Lied darauf, „Baba“, das einen Blick auf diese Szene wirft, das den Austropop vielleicht – hoffentlich - neu definiert. Es kann in unserer Zeit, in diesem Vakuum, doch nicht der Sinn sein, dass die Österreicher sich dabei wohl fühlen, nur sich selbst zuzuhören. Das hat doch keinen Lack. Darum ein Lied wie „Sweetlove“, darum ein Lied wie „IªStress“. Für uns war lange Thema, wie wir uns wohlfühlen können in diesem Land, wie wir Musik machen können in diesem Land, die gefallen soll, das natürlich, aber die sich nicht verbiegt.

„Baba“ klingt wie ein Lied, aus dem ein Rainhard Fendrich einen Rock-Reggae gemacht hätte...

Ja, aber es hat einen anderen Sound. Es hat Soul; da ist auch Autotune drin im Gesang. Das ist doch das Spannende, dass, wenn man so etwas kopiert, es so tut, dass etwas Neues entsteht.

Als wir vor zwei Jahren miteinander sprachen, sagten Sie, dass sich alles, was aus Österreich komme, an Falco messen müsse. Gilt das noch?

Zumindest alles, was selbstbewusst ist und nicht nach Wolfgang Ambros klingen will. Aber auf lange Sicht wollen wir unseren Weg gehen. Das Gute: Wir sind eine Band, und wir schlüpfen in keine Rolle. Wir sind so.

Das stimmt. Selbst Ihre – wenn ich es so nennen darf – Gockelhaftigkeit auf der Bühne wirkt authentisch.

Hundertprozentig. Man kriegt auf der Bühne hundertprozentig mich; ich bin da hineingewachsen. Ein Falco – und diese Geschichte ist überliefert – hat sich von einem Tag auf den anderen überlegt, welche Rolle er spielen will. Und die konnte er nicht mehr abschalten. In einer Band hingegen hast du Freunde.

Sie sagten vorhin, es komme in der Popmusik schon darauf an zu gefallen. Kommen Sie mit den Auswüchsen klar? Wenn der „Standard“ zum Beispiel einen Trend zum Rollkragenpullover ausruft, nur weil Sie im „Bungalow“-Video einen tragen?

Ich habe mir nichts dabei gedacht. Jede Entscheidung wird rezipiert – fair enough. Es ist doch schön, wenn darüber geschrieben wird. Man kann darüber grinsen und freut sich.

Wird der Rollkragenpullover auf der Bühne eine Rolle spielen?

Ohne Witz: Neulich hatte ich einen an. Es war aber auch bei einem Open-Air-Konzert in Innsbruck im Winter.

Sie kommen auf Deutschland-Tour. Sie kommen nicht nach Hannover, was ich für einen Skandal halte...

Ja, ich denke auch gerne an das Faust-Konzert zurück und lese immer wieder, wer sich so alles beschwert, dass wir nicht nach Hannover kommen. Da muss man geduldig sein.

Wird es weiter die Vier-Mann-Besetzung sein?

Wir überlegen erstmals, zwei Gospel-Ladies mitzunehmen und sie in unseren Kosmos zu überführen.

Wie zum Beispiel bei „sneakers4free“, wo es im Gospelgesang um kostenlose Drinks, um „Frinks“, geht...

Ja, genau.

Kann Popmusik noch etwas ausrichtet?

Ja. Ich habe das für mich neulich neu definiert, warum wir wichtiger sind, als wir gemeinhin glauben. Nehmen wir mal zwei Freunde, die zufällig im Radio über Bilderbuch stolpern. Der eine sagt: „Schau her, das groovt.“ Der andere sagt, vielleicht ein Gabalier-Fan: „Das ist einfach nur Dreck; das ist blöder Scheiß“ – du weißt ja, wie die Leute reden. Und schon müssen sie sich unterhalten. Wenn man als Band den Samen für Gespräche säen kann, verändert das etwas. Und wenn zwei Leute sich unterhalten und einer steht für Bilderbuch ein, dann steht er für etwas Gutes ein, dann muss der Gabalier-Fan darüber nachdenken.