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Leben in Hannover Bilderbuch: Falco als nationale musikalische Bürde
Hannover Leben in Hannover Bilderbuch: Falco als nationale musikalische Bürde
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15:02 25.02.2015
Von Stefan Gohlisch
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Kaum eine Band ist gerade so angesagt wie Bilderbuch aus Österreich. Sänger Muarice Ernst (26) versucht sich einen Reim darauf zu machen.

Wo erwische ich Sie gerade?
Jetzt bin ich in München angekommen, auf dem Weg zum Rundfunk, morgen geht es nach Köln. Dann haben wir noch ein paar Tage bis zur Tour, ein bisschen auf der Bühne proben, die Show sozusagen noch mal anschauen, und dann geht es auch schon los.

Platte des Monats im „Musikexpress“, Doppelseite im „Stern“, große Berichte in allen relevanten Feuilletons - in Deutschland gibt es einen riesigen Bilderbuch-Hype. Wie viel davon bekommen Sie mit?
Das Internet machts möglich (lacht). Man kriegt ein bisschen was mit. Wir werden es wahrscheinlich erst richtig merken, wenn wir das erste Mal in Köln auf der Bühne stehen und uns zu Gemüte führen können, was die letzten zwei Jahre passiert ist.

Haben Sie eine Erklärung dafür?
Bilderbuch gibt es jetzt schon seit zehn Jahren. Bislang ist es immer gesund gewachsen, auch jetzt fühlt es sich noch so an. Innerhalb der Band haben wir das Gefühl, wir hatten genug Zeit, uns darauf vorzubereiten, dass jetzt mehr passiert. Es überrascht uns nicht unangenehm. Es passiert genau zur richtigen Zeit.

Als Sie angefangen haben, waren Sie 15. Konnten sie sich damals so etwas vorstellen?
Man hat ja nie eine wirklich konkrete Vorstellung, was man letzten Endes will; man hat Zwischenziele. Wir haben zum Beispiel immer auf dem Frequenzy-Festival spielen wollen; das ist so etwas wie das Hurricane-Festival in Österreich. Und als wir das geschafft hatten, wollten wir auf dem Hurricane spielen, und das haben wir auch geschafft. Oder einmal im Radio laufen. Und so hat man sich immer wieder ein Etappenziel erspielt. Da muss man auf dem Boden bleiben und weiter arbeiten. Denn die schönsten Dinge kommen immer unerwartet ...

... wie der Titel „bestangezogener Österreicher“, den man Ihnen vergangenes Jahr verpasste ...
Das ist zum Beispiel sowas (lacht). Das stellt man sich nicht vor, und es passiert trotzdem.

Bands aus Österreich kommen gerade gewaltig: Ja, Panik!, Wanda und jetzt Bilderbuch. Was ist los bei Ihnen?
Wir hatten in Wien immer schon eine sehr gesunde Independent-/Underground-Szene, die für sich sehr gut funktioniert hat. Da hatte man schnell, sagen wir mal: Anspruch auf ein Stammpublikum. Das bietet eine Oberfläche, auf der man arbeiten kann. Und jetzt nach 20 Jahren sind wir vielleicht die erste Generation, die wieder über den Tellerrand schaut: die die Independent-Szene als Sprungbrett zum Mainstream versteht.

Wenn wir reden über Musik aus Österreich vor 20 Jahren, landen wir schnell bei Falco. Spielt der eine Rolle für Sie?
Er spielt in Österreich immer eine Rolle. Man hat bei uns nicht so viele Referenzen: Man hat den klassischen Austropop, Danzer, Ambros, Fendrich und so weiter, und dann gibts Falco. Da hört es auch schon auf mit Popgeschichte in Österreich schon auf. Darum landet man immer wieder bei ihm. Und zu einer Emanzipation als Künstler gehört es eben auch, sich mit einer solchen nationalen Bürde auseinanderzusetzen, die bewusst anzunehmen und zu verarbeiten.

Was die drei genannten Bands eint, ist der sehr freimütige Zugriff auf die Musikgeschichte ...
Es ist eine sehr freche, schamlose Weise zu zitieren - mit Respekt. Wir haben alle Berührungsängste fallen lassen. Das verbindet einen vielleicht: Wir zitieren nicht nur, wir zerreißen das Zitat auch. Da muss man sich am Hip-Hop orientiert, der ständig das Zitat erweitert.

Bei „Schick Schock“ bekommt man als Hörer schnell das Gefühl, die Musik sei schlauer als man selber, weil man gar nicht alle Referenzen versteht. Geht Ihnen das auch so? Wie viel ist bewusst, wie viel unbewusst?
Wenn du zehn Jahre Musik machst, bekommst du eine gewisse Erfahrung. Man braucht ja heute auch keine riesige Plattensammlung mehr, um Verbindungen zu schließen zwischen 80er-Pop und Blues; man kann in Sekundenschnelle springen zwischen den wildesten Genres und findet darin seine eigenen Kanten. Die man dann als Band mit der eigenen Tradition, die man kultiviert hat, verbindet. Da geschieht sehr viel unbewusst, wie immer in der Musik. Aber eben auch sehr viel bewusst.

Wie viel davon ist Ironie? Oder ist Ironie nur der Weg zu einer neuen Authentizität?
Ironie wäre etwas zu einfach gedacht. Die gehört auch dazu, ja, aber eben auch einfach nur Humor oder etwas, was man todernst meint. Auch diese Momente muss man platzieren. Damit kann man extrem gut spielen. Wir haben mit deutschsprachiger Musik so viele Chancen, eine Metaebene hereinzukriegen; das würden wir mit englischen Texten nicht schaffen.

Es erfordert einen denkenden Hörer.
Es kann, aber es muss nicht. Wer mehr von der Platte kriegen will, kann das auch haben. Aber wer sagt, „Ich will einfach nur das Gefühl haben“, bekommt das auch. Gute Popmusik muss nicht 100 Prozent Farbe bekennen.

Sie haben mal gesagt, sie wollen die Sexyness in die Popmusik zurückbringen. Steht das Ziel noch?
Der erste Schritt ist getan. Wir haben uns geöffnet für zärtlichere Sachen, für zärtlichere Beats, für leisere Sachen, Soulmomente, Virtuosität, das spielt alles rein in diesen Begriff der sexuellen Verlässlichkeit.

Wie wird das live aussehen?
Wahrscheinlich etwas rockiger als auf Platte. Wir bleiben auf der Bühne zu viert. Aber ich muss mich selbst überraschen lassen, wie es wird.

Bilderbuch live: am 23. März in der Faust-60er-Jahre-Halle. Karten kosten 22,70 Euro.