Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Leben in Hannover Pop-Art-Künstler Heiner Meyer: Dalí war sein Lehrer
Hannover Leben in Hannover

Ausstellung in Hannover: Pop-Art-Künstler Heiner Meyer zeigt Bilder im Kunsthaus

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:53 07.10.2021
Maler und Bildhauer: Heiner Meyer ist einer der bedeutendsten Vertreter der deutschen Pop-Art. Auch Comics greift er thematisch immer wieder auf – hier mit Donald Ducks Neffen in Bronze.
Maler und Bildhauer: Heiner Meyer ist einer der bedeutendsten Vertreter der deutschen Pop-Art. Auch Comics greift er thematisch immer wieder auf – hier mit Donald Ducks Neffen in Bronze. Quelle: Frank Wilde
Anzeige
Hannover

In den USA wird Heiner Meyer (67) als der führende deutsche Pop-Art-Künstler gefeiert, zu seinen Mäzenen gehört unter anderem Designer Tommy Hilfiger (70), bei Salvador Dalí (†84) hat er als junger Mann gewohnt und von ihm gelernt. Doch von Exzentrik, wie man es bei diesem Lebenslauf erwarten könnte, keine Spur. Im Gegenteil: Der Künstler und Bildhauer Heiner Meyer begegnet einem ruhig, gelassen und bodenständig. Wenn er erzählt, dann anekdotenreich und mit klugem Humor.

In Bielefeld ist der Ausnahmekünstler geboren, schon früh zeigt sich sein Talent. Mit 14 Jahren hat er bereits seine erste Ausstellung in einer Galerie in Münster, mit 19 Jahren seine erste Einzelausstellung. In Braunschweig studiert er bei dem Maler und Grafiker Malte Sartorius (†83). Und einen Sommer wohnt er bei Salvador Dalí in Cadaqués, dem kleinen Fischerort, in dem der große Surrealist aufgewachsen war und nach seiner Rückkehr aus New York zeitweise lebte.

Von Bielefeld nach Cadaqués zu Dalí

„Ich habe Glück gehabt, weil ich ein paar Mal zur richtigen Zeit am richtigen Ort war“, sagt Heiner Meyer. Bei Salvador Dalí musste der Künstler aber etwas nachhelfen: „Ich malte in London in der Tate Gallery ein Bild von Dalí ab. Dabei wurde ich von einem Mann angesprochen, der den Künstler persönlich kannte. Er meinte, wie könnten uns ins Spanien bei ihm treffen.“

Heiner Meyers Bilder hängen im Kunsthaus Hannover. Quelle: Frank Wilde

Meyer fährt nach Cadaqués, aber sein Kontaktmann taucht nicht auf. Verzweifelt versucht der damals 20-Jährige selbst zu dem prominenten Maler Kontakt aufzunehmen. „Dann fand ich heraus, dass der Vermieter meines Zimmers der private Fahrer von Dalí war. Doch so sehr ich ihn bat, er wollte nicht helfen. Aber immerhin kannte ich jetzt das Auto von Dalí“, erzählt Meyer verschmitzt.

Neues aus dem NP-Newsroom

Unsere Übersicht zu den wichtigsten Nachrichten aus Hannover täglich gegen 13 Uhr in Ihrem E-Mail-Postfach.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Im Restaurant trifft er Salvador Dalí

Bei einem Essen trifft er Dalí und dessen Frau Gala. „Ich sprach sie an. Gala lud mich auf einen Wein ein und unterhielt sich mit mir. Dalí selbst würdigte mich keines Blickes“, erinnert sich Meyer. Doch immerhin: Dalís Frau bittet ihn für den nächsten Tag in ihr Haus, schickt ihn nach einem Gespräch mit seiner Zeichenmappe in Dalís Atelier.

Häufiges Symbol: Immer wieder tauchen Schuhe in seinen Bildern auf – als Fetisch, als Beigabe oder als abstrakte Form. Quelle: Kunsthaus Hannover

Doch Dalí wirft nur einen kurzen Blick auf die Arbeiten: „Probieren Sie nicht, ein Jahrhundertbild zu malen, üben Sie erstmal zu zeichnen“, ist seine Antwort. Meyer bleibt hartnäckig: „Ich bot ihm an, sein Schüler zu werden. Doch Dalí lehnte ab, er habe keine Zeit für so etwas. Da habe ich gefragt, ob er mich anderweitig gebrauchen könne.“ Und da sich Dalí gerade über seine Putzfrau geärgert hatte, bekam Meyer den Job: Pinsel reinigen und die Ordnung im Atelier gewährleisten. Bekommen die Dalís Gäste, so übernimmt Meyer den Service: „Es kamen Maler, Dichter, Musiker – Dave Dee, Brian Ferry und andere habe ich so kennengelernt.“

Schließlich darf Meyer doch malen: „Dalí brach ein Weißbrot auseinander und wies mich an, es zu zeichnen“, erzählt er. Das Ergebnis fällt glatt durch. „Eineinhalb Monate hat er mich mit dem Weißbrot gequält, es war inzwischen versteinert. Dann war Dalí zufrieden.“ Im Herbst ziehen die Dalís nach Paris, Meyer kehrt nach Deutschland zurück.

Verbindung zu Dalí blieb

Doch seine Verbindung zu Dalí bleibt und bringt ihm immer wieder Jobs ein. Zum Beispiel bittet ihn der bekannte Kölner Galerist Dieter Willbrandt um Hilfe, denn das Werk von Dalí war im ziemlichen Chaos: „Die Dalí-Unterschrift hat immer eine Hausangestellte gemalt“, erinnert sich Meyer. Willbrandt bezahlt Meyer, damit er den Surrealisten besucht und persönlich dabei ist, wenn der Meister die Blätter für ihn signiert. Ein anderes Mal fährt er für einen Kunden aus Hannover einen Porsche zu Dalí, um das Auto bemalen zu lassen.

„Dalí war für mich – allein schon vom Alter her – eher eine großväterliche Figur“, sagt Meyer. „Aber faszinierend war, wie er einen Schalter umlegen konnte, wenn Gäste oder auch Journalisten da waren. Da schien geradezu die Elektrizität in seinen Bart zu fließen, die Show ging los und die Figur Dalí wurde gespielt.“

Im Atelier: Heiner Meyer lebt und arbeitet in Bielefeld. Quelle: Matthias Schrumpf

Auch Meyers Karriere geht voran, besonders in den USA – die Amerikaner lieben seine klaren, strahlenden Farben, seine Bilder und Skulpturen, die auf eine fast heitere Art dem Betrachter Glamour, Konsum, Statussymbole und Sex-Appeal der allgegenwärtigen Werbewelt vorhalten. Seinen Durchbruch hat Meyer Modedesigner Tommy Hilfiger zu verdanken. „Ich hatte das Glück, in einer Galerie mit Gerhard Richter, Rauschenberg und anderen bekannten Künstlern gezeigt zu werden. Da hat Tommy Hilfiger, einer der größten Pop-Art-Sammler Amerikas, seine erste Skulptur von mir gekauft.“ Hilfiger beginnt Meyer zu sammeln, kauft in den folgenden Jahren weiter Kunst an – und kommuniziert schließlich in der Kunstwelt, dass der Deutsche ein guter Tipp sei. Ein Ritterschlag: Meyers Bilder und Skulpturen gewinnen an Wert.

Der deutsche Pop-Art-Künstler

„In meiner Heimat werden meine Bilder als amerikanisch empfunden, für die Amerikaner male ich sehr deutsch“, erklärt Meyer: „Amerikanische Pop-Art-Künstler wie zum Beispiel Andy Warhol bilden Dinge aus der Alltagswelt eins zu eins ab, ich aber erzähle mit meinen Bildern Geschichten – und das ist für Amerikaner typisch deutsch“. In seinen Bildern kombiniert Meyer verschiedene Elemente, zum Beispiel die Frau mit dem knallrot geöffneten sinnlichen Mund, mit dem sie fast den Porsche neben sich zu küssten scheint.

Bilder, die Geschichten erzählen: Kuss, Kirsche, Sahne und Porsche verführen auf einem Blick. Quelle: Kunsthaus Hannover

Oder die Skulptur einer goldenen Handtasche mit dem Schriftzug „Priority“ darauf. „Es gibt von mir Bilder, da knirscht einem der Zucker auf den Zähnen, so überzogen schön sind sie, es ist einfach zu viel“ sagt Meyer.

Paris Hilton (40) zum Beispiel hat er mit einem Bambi gemalt. Beide haben diesen naiven Augenaufschlag und glänzend volle Lippen. „Paris Hilton ist für mich die erste Figur ist, die für absolut nichts berühmt ist, sie ist einfach nur da und ,famous’“, sagt Meyer. „Das fasziniert mich. Daher habe ich sie so überzogen gemalt.“ Paris Hilton mag übrigens das Bild nicht. Ihr Argument: „Ihre Lippen würden nur aus Lippgloss bestehen. Aber das stimmt ja auch“, lacht Meyer, der auch andere Stars wie Liz Taylor († 79), Heidi Klum (48), Victoria Beckham (47) oder Penélope Cruz (47) malte.

Ausstellung im Kunsthaus Hannover

Privat ist Meyer in Deutschland geblieben, er lebt in Bielefeld, ist verheiratet, seine drei Kinder sind hier aufgewachsen. Gern ist er in Hannover, das Kunsthaus vertritt ihn als Galerie. Hier trifft er auch immer wieder andere befreundete Künstler wie Wolfgang Kessler (59) und Richard Wientzek (51) oder auch interessierte Sammler seiner Kunst. Mit Pop-Art-Künstler Mel Ramos (†83) war er eng befreundet, auch ihn hat er kurz vor seinem Tod noch einmal in Hannover im Kunsthaus getroffen.

Künstler unter sich ( von links): Wolfgang Kessler, Malgosia Jankowska, Heiner Meyer und Richard Wientzek, die derzeit gemeinsam im Kunsthaus ausstellen. Quelle: Frank Wilde

Wenn man Meyer fragt, könnte er noch viel mehr Zeit zum Malen gebrauchen, Ideen hat er genug. Wichtig bei seiner Arbeit ist ihm der hohe Anspruch an sich selbst – diese Genauigkeit, die er einst in Katalonien bei Salvador Dalí gelernt hat: genau hinschauen, präzise, detailverliebt und perfekt arbeiten – nur so funktioniere auch die Gleichzeitigkeit von Dingen, die eigentlich nicht so zusammentreffen können. „Offenheit und immer wieder etwas Neues auszuprobieren, das macht Kunst aus“, sagt Meyer: „Als Künstler sollte man sich immer wieder hinterfragen, was man tut, sonst kann nichts Neues entstehen.“

In Hannover kann man aktuelle Bilder von Heiner Meyer im Kunsthaus Hannover (Striehlstraße 8) sehen – nach Voranmeldung unter Telefon 0511/3887558. www.kunsthaus-hannover.de

Von Maike Jacobs