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Leben in Hannover Auf den Spuren des Dalai Lama
Hannover Leben in Hannover Auf den Spuren des Dalai Lama
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21:29 16.09.2013
Von Maike Jacobs
TRIP DURCH TIBET: NP-Redakteurin Maike Jacobs jobbte Mitte der 90er als Reiseleiterin in Tibet. Dort erlebte sie die Unterdrückung durch die Chinesen – und traf stolze Tibeter.
TRIP DURCH TIBET: NP-Redakteurin Maike Jacobs jobbte Mitte der 90er als Reiseleiterin in Tibet. Dort erlebte sie die Unterdrückung durch die Chinesen – und traf stolze Tibeter. Quelle: Privat
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„Sieben Jahre in Tibet“ - das Buch gehörte (lange bevor Brad Pitt als Heinrich Harrer ins Film-Lhasa einritt) zu den Lieblingsgeschichten meiner Jugend. Neben Mahatma Gandhi, Mutter Theresa und Nelson Mandela war daher Tendzin Gyatsho, der 14. und aktuelle Dalai Lama, mein großes Vorbild. Nach dem Abitur packte mich das Reisefieber. Ich reiste nach Indien und besuchte Dharamsala, den Sitz des Dalai Lama und der tibetischen Exilregierung. Weiter gings nach Bang- ladesch und kreuz und quer durch Afrika, Arabien und Asien. In dieser Zeit, ich studierte mittlerweile afrikanische Geschichte und Politik, bot mir ein Hamburger Reiseunternehmen Mitte der 1990er Jahren an, als Reiseleiterin für die Firma die Gebiete Nepal und Tibet zu übernehmen - Volltreffer!

Tibet. Ich hätte es mir nicht träumen lassen, je dorthin zu kommen: Als Individualtourist hatte man keine Chance, in das Land zu fahren.

Etwas mehr als drei Wochen waren wir jeweils unterwegs und bereisten von Nepals Hauptstadt Katmandu aus das Land. Dann ging es mit einem Bus nach Lhasa, Tibets Hauptstadt. Eine eindrucksvolle Fahrt, auf superschmalen, unbefestigten Pisten mit kilometertiefen Schluchten. Keine Leitplanke, keine Sicherheit, da konnte man nur beten, dass der Überlebenswille des Busfahrers ausgeprägt war.

Nicht immer konnten wir alle Klöster auf der Strecke besuchen, immer wieder waren einige wegen Unruhen geschlossen. Die schweren Zerstörungen an den Klosteranlagen durch die Chinesen sind auch heute noch deutlich zu sehen.

Rund 80 Prozent der Bevölkerung Tibets leben auf dem Land und verdienen mit Ackerbau und Viehzucht ihr Geld. Viele sind sehr arm. Aber ihr Stolz ist nicht gebrochen. Man muss diese Menschen mit den langen, wilden Haaren und den sonnengegerbten, zerfurchten Gesichtern bewundern, die trotz der chinesischen Besatzung bis heute ihre Identität nicht aufgegeben haben. Die Tibeter haben wir immer als zurückhaltend, aber sehr freundlich erlebt. Sie lachen viel. Wenn ich Fotos von Menschen gemacht habe, habe ich stets vorher mit Zeichensprache gefragt. Auf der nächsten Tour habe ich Abzüge mitgenommen und in den Dörfern verteilt. Wir wurden auch in die Hütten eingeladen und bekamen bei einer Tasse Yak-Butter-Tee seltene Einblicke.

Überhaupt waren Fotos oft die Brücke, um ins Gespräch zu kommen. Bilder vom Potala, dem ehemaligen Sitz des Dalai Lama, waren begehrt, aber auch Bilder meiner Familie in Deutschland. Eine echte Freude konnte man den Menschen machen, wenn man Bilder vom Dalai Lama mitbrachte. Aber: Man musste aufpassen, diese Bilder waren verboten. Wenn Chinesen mitbekamen, dass man diese Fotos verteilte, konnte es das Ende der Fahrt bedeuten. Für Tibeter kann der Besitz eines Dalai-Lama-Fotos schon Grund genug für eine Festnahme sein.

Immer wieder diskutierten wir auf den Reisen, ob Tourismus dem Land eher schade oder die Tibeter durch mehr Öffentlichkeit auch mehr Rückhalt und Unterstützung im Ausland bekommen. Natürlich versuchten damals wie heute die chinesischen Reisebegleiter (sie müssen bei jeder Reise dabei sein) bei ihren Führungen aufzuzeigen, wie sehr die Tibeter von den Chinesen profitiert haben, wie gut es ihnen jetzt gehe und dass man sie aus dem Mittelalter herausgeholt habe. Ihre Ausführungen standen aber im krassen Gegensatz zu dem, was wir erlebten.

Was in der Hauptstadt Lhasa damals schon auffiel, waren die Folgen der chinesischen Bevölkerungspolitik: Die chinesische Regierung siedelt massiv Han-Chinesen nach Tibet um, um dort einen demografischen Wandel zu schaffen. Mit Erfolg: Nach Schätzungen der tibetischen Exilregierung leben im Hochland von Tibet heute sechs Millionen Tibeter und etwa 7,5 Millionen Chinesen; Chinesisch ist Amtssprache, Chinesen werden bei der Jobvergabe bevorzugt, besonders in Städten fällt das soziale Gefälle zwischen Tibetern und Chinesen auf. Der Ausbau der Infrastruktur nützt den chinesischen Siedlern, nicht den Tibetern: So werden diese aus ihren Behausungen vertrieben, damit dort Wohnblöcke chinesischer Bauart für die Zuwanderer errichtet werden können. Das alte Lhasa ist mittlerweile bis auf wenige Straßenzüge um den Dschokhang-Tempel Plattenbauten zum Opfer gefallen. Auf den Straßen ist die Präsenz der chinesischen Miliz allgegenwärtig, die Tibeter sind im eigenen Land zu Bürgern zweiter Klasse geworden.

In Lhasa traf ich einen jungen Mönch, der etwas Englisch konnte und sehr geschickt darin war, unsere chinesischen Aufpasser zu umgehen. Mehrmals trafen wir uns und er erzählte voller Stolz von seinem Volk und seiner Religion. Er sprach aber auch über Demonstrationen in Lhasa mit anschließenden Verhaftungen und Folterungen. Doch er ließ sich nicht einschüchtern und war voller Eifer dabei, uns die Augen für die Situation der Tibeter zu öffnen. Er erklärte, wie sehr bis heute der Dalai Lama den Tibetern Kraft gibt, um durchzuhalten. Die Hoffnung, dass der Dalai Lama zurückkehren wird, hatte dieser Mönch nicht aufgegeben. Dafür, sagte er, sei er auch bereit zu sterben.