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Leben in Hannover Alte Traditionen: So feiert Hannover Weihnachten
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Alte Traditionen: So feiert Hannover Weihnachten

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08:55 24.12.2021
Rundgang durch das weihnachtliche Hannover: Barbara Schlunk-Wöhler macht für den Verein Stattreisen „Oh du fröhliche“-Touren.
Rundgang durch das weihnachtliche Hannover: Barbara Schlunk-Wöhler macht für den Verein Stattreisen „Oh du fröhliche“-Touren. Quelle: Elena Otto
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Hannover

Adventszeit in Hannover. Da ist es voll, laut, stressig, die Menschen sind im Einkaufsmarathon, auf dem Weihnachtsmarkt drängeln sich die Massen – wenn nicht gerade den zweiten Winter in Folge Pandemie ist. Wir treffen Barbara Schlunk-Wöhler vom Verein Stattreisen mittags am Historischen Museum, an der reduzierten Zahl von Marktständen erwacht gerade langsam das Leben.

Den Trubel kann man sich aber vorstellen, denn die Stadtführerin zitiert zum Start des Rundgangs aus einem Brief der hochbetagten Astronomin Caroline Herschel, die anno 1840 in einem Brief an Verwandte in London beschreibt, wie es in Hannovers Altstadt schon früher zuging. Die Rede ist von „prächtig beleuchteten Läden“, „glänzenden Buden“, die die Menschen dazu treiben, alles zu kaufen. „In den letzten Wochen hat mich der Weihnachtswirrwarr fast todt gemacht“, moniert die 90-Jährige das Gewusel in den Gassen. „Weihnachtsstress wurde nicht im 20. Jahrhundert erfunden“, stellt Schlunk-Wöhler fest.

In der Vorweihnachtszeit führte sie zusammen mit vier Kolleginnen im Wechsel Gruppen durch Hannovers Altstadt. „Oh du fröhliche“ ist ein Stattreisen-Rundgang, der Hannovers Weihnachtstraditionen, Bräuche und Symbole zum Thema hat. Die Expertin, die Kunstgeschichte und Volkskunde studiert hat, verrät für diese Heiligabend-Ausgabe die wichtigsten Punkte.

Der Adventskranz: Erfindung für arme Leute

„Ihn hat 1837/38 der evangelische Pastor Johann Wichern in Hamburg eingeführt“, erklärt Schlunk-Wöhler. Um den Kindern aus den Hamburger Elendsvierteln die Zeit bis Weihnachten zu einem Erlebnis zu gestalten, ließ er zunächst ungeschmückt ein Wagenrad von der Decke baumeln, darunter versammelte man sich im Dezember jeden Tag.

Wagenradgroß: So sahen Adventskränze einst aus. Quelle: Elena Otto

Vier große weiße Kerzen standen für die Adventssonntage, 20 kleine rote Kerzen dazwischen für die Wochentage. Die Botschaft: „Es wird immer heller, das Licht kommt in die Welt.“ Schnell habe sich dieser Brauch auch in Hannover etabliert.

Barbara-Zweige als Orakel für das kommende Jahr

Uralte Traditionen wie sogenannte „Orakelbräuche“ sind später mit christlichen Inhalten belegt worden. So wurde der klassische Zweigzauber mit der Legende der Heiligen Barbara verbunden. Sie wurde seit ihrem Märtyrertod im dritten Jahrhundert verehrt.

Barbarazweige sind blühende Orakel. Quelle: Marion Nickig

Der „Zweigzauber“ der Heiligen Barbara sollte den Erfolg der Ernte vorhersagen oder den zukünftigen Ehemann aus Heiratskandidaten, deren Namen an den Knospen hingen, herausfiltern. Abgeschnitten wird der Kirschzweig am 4. Dezember, dem Barbaratag. Erblühen soll er pünktlich zum Weihnachtsfest. Heiligenfiguren führten die Menschen damals durch das Jahr: „Sie waren die Brücke zwischen Mensch und Gott“, so Schlunk-Wöhler.

Nikolaus bekommt ein „erzählendes Gebäck“

Schlunk-Wöhlers nächste Station ist der Klostergang am Hohen Ufer. „An der Stelle des Leineschlosses existierte bis zur Auflösung durch die Reformation ein Kloster. Im Mittelalter waren die Mönche und Schwestern wichtige Zentren für Brauchtum.“ Denn Advent war ursprünglich Fastenzeit, eine „Zeit der Buße und Einkehr“. Der Heilige Nikolaus war in dieser Zeit eine wichtige Vertrauensfigur, auf deren Schutz die Menschen vertrauten – auch in Hannover.

Erzählendes Gebäck: Der Nikolaus als Spekulatiusform. Quelle: Elena Otto

Im Steintorviertel zeugt die Nikolaikapelle, 1284 erstmals als „Leprosenkapelle“ erwähnt, von der Verehrung des Heiligen, unter dessen Schutz die Menschen mit ansteckenden Krankheiten gestellt wurden. Der Heilige bekam sein eigenes „erzählendes Gebäck“ – den Spekulatius in Nikolausform. „Eine große PR-Idee der Katholiken, vermutlich im niederdeutschen Raum in der nachreformatorischen Zeit entwickelt“, zollt Schlunk-Wöhler Respekt.

Im Stollen erkennt man das Jesuskind

Mit diesem Bild erklärt Stattreisen-Führerin Barbara Schlunk-Wöhler, woher der Stollen seine Form hat. Quelle: Elena Otto

„Der Stollen ist ebenfalls ein Bildgebäck“, klärt die Führerin auf. Und zeigt ein Bild des mit Leintüchern straff gewickelten Jesuskindes im Arm von Maria – „der Hügel des Stollens ist quasi der Ellbogen des Kindes.“ Ursprünglich sei es eigentlich ein „etwas dröges Fastengebäck“ gewesen. In der Barockzeit hatte es sich zu einem üppigen Gebäck mit Butter und getrockneten Früchten entwickelt.

Den Weihnachtsbaum macht der Adel populär

Zunft- und Maibäume kannte das Volk. Aber eine Tanne in die Stube holen? „Der Adel machte es besonders prächtig vor“, erzählte Schlunk-Wöhler und zitiert aus einem Brief von Liselotte von der Pfalz, Patenkind der hannoverschen Kurfürstin Sophie. Sie schildert, wie sie 1663 im Leineschloss Weihnachten gefeiert haben. „Auf die Tische stellt man Buchsbäume, und auf jedes kleine Ästchen steckt man eine kleine Kerze“.

Einen Weihnachtsbaum zu schlagen ist Tradition – schon 1798 wurden dafür Lizenzen vergeben. Quelle: Patrick Pleul

Der Baum wurde zunehmend populärer – zum Leidwesen eines Forstinspektors in Hannover. 1798 beklagte Förster Lemke, dass die Menschen einfach in den Wald gingen und jene mühsam aufgeforsteten Tannen abholzten. Ab jener Zeit wurden Lizenzen zum Verkauf von Bäumen vergeben. Eine Rechnung aus dem Jahr 1846 belegt, dass König Ernst August 24 Bäume aufstellen ließ!

Papierlilien schmücken die Zweige

Stattreisen verteilt auf der „Oh du fröhliche“-Tour Bastelbögen für die Papierlilien. Quelle: Elena Otto

Um 1900 wurden in Zeitschriften wie der „Gartenlaube“ Bastelanleitungen für Baumschmuck verbreitet. Es gab Trends, wie die „weiße Welle“, die natürliche Materialien vorschlug. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts sammelten die Schwestern des Henriettenstifts Spenden, indem sie in Hannover weiße Papierlilien bastelten und verkauften. In manchen Familien schmücken sie noch heute den Weihnachtsbaum.

Das Christkind im Jahr 1566

Aus dem Jahr 1566 stammt Hannovers ältestes Haus in der Burgstraße. Quelle: Elena Otto

Vor Hannovers ältestem Haus in der Burgstraße 12 erzählt Schlunk-Wöhler vom Leben anno 1566. „Eine Zeit des Übergangs, Hannover war seit 33 Jahren protestantisch.“ Das „Christkind“ löst allmählich als Hauptgebefigur den Nikolaus ab, der wird in Hoffmann von Fallerslebens Lied „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ 1839 zum „profanen Waren-Lieferanten“.

Bei Gottesdiensten sollen alle mitsingen

Mitsingen erlaubt: Gottesdienste wie hier in der Kreuzkirche in der Altstadt wurden im 17. Jahrhundert liberaler. Quelle: Otto

Der Kirchgang war lange das wichtigste Weihnachtsereignis – „doch die Gottesdienste wurden liberaler“, berichtet Schlunk-Wöhler vor den Toren der Kreuzkirche. In Hannover brachte Hofprediger Justus Genesius 1646 das erste Gesangsbuch auf den Markt. „Alle sollten mitsingen. Es ging darum, die Kirche mitzugestalten.“ Genesius übersetzte das alte Lied „In dulci Jubilo“ ins Gesangbuch.

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Hitjepuppen sind kleine Kunstwerke

Seit 1847 war die Bäckerfamilie Borchers in Hannovers Marktstraße ansässig, noch heute bereitet sie (inzwischen als einzige) in der Adventszeit die roten Gebäckstücke mit der weißen Glasur zu. „Eine Tradition, vermutlich schon aus dem 16. Jahrhundert“, weiß Barbara Schlunk-Wöhler. „Es gibt unzählige Motive – Tiere, Haushaltsgegenstände, Berufe. Es waren kleine Kunstwerke, die von Jahr zu Jahr aufbewahrt wurden. Bäckerei Borchers verwendet heute noch historische Formen.“

Viele Formen: Bäckerei Borchers stellt die Hitjepuppen immer noch her. Quelle: Elena Otto

Die Gebäckstücke waren als Schmuck gedacht, sie wurden auf den Zweigen des Weihnachtsbaumes gelegt. Woher kommt das Wort? „Der Name hat verschiedene sprachliche Herleitungen. Im althannöverschen Sprachgebrauch stand Hitjen auch für Hab und Gut.“

Arbeiterkinder verkaufen „Schnurrekatzen“

Die Schnurrekatze von Barbara Schlunk-Wöhler ist dem Kinderspielzeug aus dem 19. Jahrhundert nachempfunden. Quelle: Elena Otto

Auch in Hannover wurden schon im 18. Jahrhundert Geschenke für die Kinder auf dem Weihnachtsmarkt eingekauft. Arbeiterkinder aus Linden priesen ihr selbstgebasteltes Spielzeug wie die „Schnurrekatzen“ an, um das Weihnachtsgeld aufzubessern. 1860 erlebten diese Kinder, dass der blinde König Georg V. auf dem Weihnachtsmarkt erschien. Er belohnte die Kinder mit kostbaren „Rosinenkerels“, das waren Kuchen mit Rosinen.

Das ist „Stattreisen Hannover“

Das Motto des Vereins Stattreisen lautet „Wir zeigen euch die Stadt“. Das passiert mit klassischen Führungen durch Experten (ab zwölf Euro), aber auch mit Theaterspaziergängen (15 bis 22 Euro pro Person) oder Rallyes zu verschiedenen Themenschwerpunkten von Geschichte bis Umweltschutz, von Architektur bis Kulinarik. Das Programm für das erste Quartal bis Ende März 2022 bietet diese Klassiker:

Immer sonntags ab 14 Uhr kann man hinter die Kulissen des Hauptbahnhofs blicken, die Tour beinhaltet auch einen Abstecher in die Geister-U-Bahnstation.

Jeden Donnerstag ab 20 Uhr ist „Nachtwächter Melchior“ unterwegs, der durch die Gassen der Altstadt führt und von Mörderbanden, Henkersschicksalen und dem Leben in alten Zeiten erzählt. Neu ab Januar: Er wird begleitet von einer Schankmagd.

Sonntagnachmittag stehen wechselnde Streifzüge durch Stadtteile wie Kleefeld, Limmer oder Zooviertel auf dem Programm.

An ausgewählten Dienstagen gibt es unter dem Motto „Kurz und gut“ 60-minütige, gestraffte Touren.

Alle Infos zu Führungen unter Telefon 0511/169 4166 oder im Netz unterwww.stattreisen-hannover.de

Von Andrea Tratner