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Hannover 96 „Wer mit Polizisten spricht, ist Verräter“
Sportbuzzer Hannover 96 „Wer mit Polizisten spricht, ist Verräter“
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10:50 01.11.2011
Beim Spiel gegen Bayern kam es vor eineinhalb Wochen in der AWD-Arena zu Auseinandersetzungen. 36 Personen sollen von Pfefferspray verletzt worden sein.
Hanno0ver

Sie sind szenekundiger Beamter für Fußball. Was heißt das?

Im Prinzip sind szenekundige Beamten bundesweit entstanden, nachdem das Phänomen Hooligans aufgetaucht war. Man wollte zivile Beamte, die nicht konspirativ und verdeckt ermitteln, sondern offen mit den Verantwortlichen kommunizieren. Ich beschäftige mich seit 28 Jahren im polizeilichen Dienst mit Fußball. Neben der Begleitung der Spiele bearbeiten wir auch Straftaten, planen Auswärtsspiele, kümmern uns um die Nachbearbeitung der Einsätze.

Sie arbeiten nicht mit Menschen zusammen, die auf Beobachtung Wert legen, oder?

Das ist nicht leicht zu beantworten, wir müssen dafür in die Geschichte eintauchen. Als die Hooligans auftauchten, in den 80er und 90er Jahren, waren die nur unterwegs, um sich zu prügeln. Sie hatten gewisse Regeln für ihre Schlachten. Wer am Boden lag, wurde in Ruhe gelassen, Waffen waren verboten. Es gab eine Kommunikation zwischen Behörde und Hooligans, die uns auch als Schiedsrichter sahen. Wenn wir sie gefunden hatten, wurden Kämpfe meist abgebrochen, die Show war zu Ende.

Die Ultra-Szene kommuniziert anders?

Die Ultras kommunizieren nicht. Die Szene unterscheidet sich grundsätzlich. Der Ursprungsgedanke war, den Verein mit Leib und Seele zu unterstützen. Auch durch Stimmung im Stadion: Banner, Anfeuern et cetera. Das ist auch sehr lobenswert. Allerdings hat sich immer mehr herauskristallisiert, dass da nicht nur Fans stehen, sondern auch gewaltbereite Menschen – inzwischen haben wir 350 in dieser Kategorie –, die uns große Sorgen bereiten. Nicht nur der sportliche Gegner ist der Feind, sondern auch die Polizei. Bei den Hooligans wurde versucht, die Polizei zu meiden, das Ding durchzuziehen, es gab kein Feindbild.

Wie homogen ist die Szene?

Die Fluktuation ist enorm hoch. Es gibt einen harten Kern von 20, 30 Leuten, eine klare Hierarchie. Einige wenige geben die Kommandos, planen Aktionen. Um sie herum scharen sich erlebnisorientierte Jugendliche, die mal aus der zweiten Reihe „Bullenschwein“ schreien wollen. Früher war der Ultra-Block Männersache. Heute werden Freundinnen mitgebracht, die man beeindrucken kann. Erschwerend ist, dass der Ultra nicht erkennbar ist. Er trägt keine Kutte oder so, sondern sieht modern aus.

Bundesweit gilt Hannover als vorbildlich im Umgang mit Gästefans?

Das stimmt, wir haben oft Besucher, die sich über unser Prinzip informieren, auch Konfliktmanager einzusetzen – die Männer in den roten Westen, denen auch mal 200 Dortmund-Ultras einfach zum Stadion folgen, ohne dass ein Großeinsatz notwendig ist, ohne Einkesseln. Da wird uns gesagt, wieso wir Gästefans mit Samthandschuhen anfassen, die heimischen nicht. Aber die Anführer der Fangruppierungen kommen am Bahnhof auf unsere Kontaktbeamten zu und besprechen alles. Hannover-Ultras sprechen nicht mit Hannover-Polizisten. Wer mit Polizisten spricht, ist schnell Verräter, das ist Tenor der Szene. Es gab immer wieder Ansätze, einen runden Tisch aufzuziehen, auch mit 96-Unterstützung. Das ging immer schief.

Beim Spiel gegen Bayern ging die Kommunikation merklich schief, es gab Ausschreitungen.

Der Block ist kein rechtsfreier Raum. Früher standen die Beamten noch mit im N 16. Sie wurden herausgezogen in der Hoffnung, dass sich die Ultras selbst regulieren, durch ihre Präsenz nicht für schlechte Stimmung zu sorgen. Beim Spiel gegen Bayern berichteten die Ordner uns von einer strafbaren Handlung – Pyrotechnik im Block. Da hatten wir einen Strafverfolgungszwang. Weil wir Utensilien und Fahnen kontrollieren wollten – die Heiligtümer der Ultras –, entstand schnell eine aufgeheizte Stimmung. Die Masse drängte nach unten, die Beamten hatten hinter sich nur eine niedrige Balustrade.

Ein Fan wäre fast gestürzt …

Und wurde, soweit wir bisher wissen, von einem Kollegen festgehalten. Genauso lag ein Beamter am Boden, auf den eingetreten wurde.

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