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Interview

Stendel fordert bei Hannover 96 "eine gierige Mannschaft"

Daniel Stendel überall – nach Ende der Bundesliga führte der 96-Trainer die U 19 noch zum DFB-Pokalsieg in Berlin. Jetzt aber plant der 42-Jährige die Zweitligasaison. Im großen NP-Interview erklärt Stendel, 
wie er das Projekt Wiederaufstieg angehen will.

Hannover. Herr Stendel, Sie haben viele neue Aufgaben und Verantwortung übernommen. Wie kommen Sie mit Ihrer neuen Rolle als 96-Multitalent klar?
Es ist schon sehr viel Neues für mich. Aber was die Planung betrifft, da bin mit den Leuten um mich herum in enger Abstimmung. Wir planen zusammen mit Martin Bader, Christian Möckel und meinem neuen Co-Trainer Markus Gellhaus, ihre Erfahrung nutze ich.

Wie nehmen Sie die Wandlung vom Jugendtrainer, der nur für sechs Spiele aushelfen darf, zum wichtigsten Mann bei 96 wahr?
Gar nicht. Ich habe mich nie so gesehen. Ich hatte eine Überzeugung, was und wie ich spielen lassen wollte. Das war einigermaßen erfolgreich, und dann steigt auch das Selbstvertrauen. Die Art und Weise Fußball zu spielen ist nur das eine. Das andere ist aber, die Mannschaft in eine andere Richtung zu lenken, wenn man nur sechs Wochen dabei ist. Das ist nicht so einfach. Ich habe mich dann entschieden, alles so zu machen wie in der Jugend. Es muss gewisse Regeln im Miteinander geben.

Haben Sie Trainervorbilder aus Ihrer Zeit als Profi?
Prägend für mich waren Felix Magath und Ralf Rangnick. Beide sind total unterschiedlich. Was Mentalität betrifft, Grenzen überschreiten, Topfitness, absoluter Wille zum Erfolg und ein Plan vom Fußball, die Spielidee umzusetzen, das alles mit Spaß und Freude zu vermitteln, diese Kombination gefällt mir gut.

Ich habe einen Satz von Ihrem Ex-Trainer Rangnick über den Spieler Stendel gefunden: „Daniel ist absolut wichtig für die Mannschaft.“ Entspricht das Ihrem Motto, stellen Sie die Mannschaft über alles?
Für das Projekt Aufstieg ist die Mannschaft elementar wichtig. Wer Fußballer wird, weiß, dass er nicht allein spielen wird. Man muss sich auf
einander verlassen können, es muss einen Zusammenhalt geben. Wir brauchen jeden mit seiner individuellen Qualität, aber es ist keiner wichtiger als die Mannschaft. Das kann unser großes Plus werden. Wir müssen als Team durch alle Situationen gehen, damit beziehe ich auch die Fans mit ein, sie können ein Erfolgsfaktor sein. Es wird nicht alles nach Plan laufen, und wir werden auch nicht von Sieg zu Sieg eilen. Wir werden alles dafür tun, dass die Leute mit uns auch durch schwere Phasen der Saison gehen. Dann bin ich davon überzeugt, dass wir aufsteigen können.

Sie versuchen vor den Partien, die Spieler etwa mit Streichholztricks zu motivieren. Warum?
Motivation ist für mich extrem wichtig. Das ist entscheidend für die Art, wie wir Fußball spielen lassen wollen. Man muss merken, dass die Spieler mit Herz und Leidenschaft dabei sind. Gerade bei Heimspielen, um die Fans mitzunehmen. Das versuche ich zu vermitteln. Meistens passiert es spontan. Wichtig war, dass die Spieler erkannt haben, dass sie nur zusammen Erfolg haben werden. Darauf habe ich versucht einzuwirken, auf und neben dem Platz.

Spüren Sie Druck, dass 96-Chef Martin Kind den sofortigen Aufstieg fordert, weil in den Folgejahren die Ausgaben halbiert werden müssten und damit die Aufstiegschance sinkt?
Nein. Wir werden alles für den Aufstieg tun, aber Garantien gibt es nicht. Das zeigt auch das Beispiel Leipzig. Sie haben sich einen teuren Kader zusammengekauft, sind aber auch nicht durchmarschiert.

Welche Kriterien müssen 96-Spieler erfüllen?
Dass sie sportliche Qualität haben müssen, ist klar. Dazu sollen sie charakterlich in Ordnung, hoch motiviert und ehrgeizig sein.

Warum planen Sie nicht mehr mit Christian Schulz?
Es war keine leichte Entscheidung. Ich fand es nicht fair, so einen verdienten Spieler einfach nur dazuzunehmen. Er hat gesagt, er will auf alle Fälle noch spielen, das konnte ich ihm nicht garantieren bei dem Fußball, den wir spielen wollen.

Bei vielen Fans ist der Eindruck entstanden, 96 hätte Schulz durch die Hintertür vom Hof gejagt. Hätten Sie das nicht besser regeln können?
Die Frage ist doch, wie und wann macht man das? Wir waren im regen Austausch. Es ist eben schwierig bei einem Kapitän, der neun Jahre im Verein ist. Ich bin ja auch erst zwei Wochen vorher in die Verantwortung für die neue Saison gekommen. Martin Bader hat zudem deutlich gemacht, dass wir ihn bei 96 einbinden wollen.

Ist das der neue, eiskalte Stendel?
Das klingt so stark und entschlossen. Aber dahinter steckt kein Kalkül. Bei allen Entscheidungen, die wir getroffen haben, stand allein im Vordergrund, was uns hilft auf dem Weg, den wir gehen wollen.

Mit Leon Andreasen planen Sie auch nicht?
Ich hätte ihn gern auf dem Platz gehabt, er steht für Leidenschaft und Aggressivität. Aber er hat kein Training bei mir gemacht. Er ist jetzt ein halbes Jahr nicht vorangekommen. Es gibt bei ihm viele Fragezeichen. Wir haben offen mit ihm gesprochen. Wenn er fit wird, sprechen wir noch mal neu. Aber eine Garantie konnte ich ihm nicht geben, unabhängig davon, dass ich ihn sehr schätze.

Braucht die Mannschaft denn nicht auch Säulen? Oder anders gefragt – wie viel Jugend verträgt die Mannschaft?
Wir brauchen eine gesunde Mischung. Mit jungen Spielern, die ihren Weg gehen, und erfahrenen Spielern, die die Jungen führen. Und halbwegs jungen Spielern, die Erfahrung in der zweiten Liga haben. Wichtig ist, dass wir eine gierige Mannschaft haben, wo alle nur ein Ziel haben. Natürlich vertraue ich dem einen oder anderen jungen Spieler aus dem eigenen Nachwuchs mehr als andere Trainer vor mir. Aber das liegt daran, dass ich sie seit Jahren kenne. Ich weiß aber, dass es auch Rückschläge geben wird.

Worauf kommt es in der zweiten Liga an?
Da geht es oft darum, sich durchzusetzen, mit viel Kampf und Willen. Das haben wir in der ersten Liga schon gut hinbekommen. In der Vorbereitung haben wir genug Zeit, die Spieler darauf einzustellen. Wir wollen aber auch fußballerisch überzeugen.

Können Sie den Stendel-Fußball charakterisieren?
Wir wollen hoch verteidigen,
früh pressen, ein gutes Umschaltspiel haben und auch agieren. Wir wollen den Ball haben. Aber nicht als Selbstzweck, sondern wir wollen den Ball haben, weil wir nur dann ein Tor schießen können. Das gepaart mit Mut und Leidenschaft als Team auf den Platz bringen, das ist im Groben unsere Idee vom Fußball.

Ist es ein Vorteil, dass Frankfurt oben bleibt und ein harter Aufstiegskonkurrent wegfällt?
Zumindest ist es kein Nachteil.

Zuletzt hatte 96 viele Nationalitäten und damit Sprachen im Kader. Wird künftig Deutsch gesprochen?
Das sollte grundsätzlich das Ziel sein. Von Spielern, die aus dem Ausland kommen, erwarte ich, dass sie zügig Deutsch lernen wollen.

Bei der U 19 haben Sie mit drei Spielern gearbeitet, die am Donnerstag vor Gericht stehen, weil sie einen Überfall geplant haben. Was lief da falsch?
Ich kenne sie schon eine lange Zeit. Das Bild in der Öffentlichkeit haben sie sich ein Stück weit selbst zuzuschreiben, aber sie sind nicht so. Dahinter stehen immer Menschen. Sie haben eine zweite Chance verdient, die haben sie in den letzten Monaten auch genutzt. Sie sind jung, haben großen Mist gebaut, aber ich hoffe, dass sie daraus gelernt haben.

Was bleibt vom schrecklichen Unglück, dem Unfalltod Ihres Spielers Niklas Feierabend?
Nur große Trauer. Es ist unfassbar, dass es passiert ist.

Wie entspannen Sie bei allem, was Sie bewegt und Sie bewegen müssen?
Im Moment komme ich zu nichts. Ich bin ein Familienmensch, bei meiner Frau und meinen Kindern zu sein, das hilft mir schon.

Die sind aber schon stolz?
Es ist auch für sie eine aufregende Zeit. Aber da ruhen wir in uns.

Planen Sie noch einen Urlaub?
Geplant hatten wir, mit den Kindern in den Ferien wegzufahren. Das wird jetzt nichts mehr. Wir versuchen spontan mal fünf, sechs Tage rauszukommen, um wirklich mal abzuschalten zu können.


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