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Hannover 96 96-Trainer Slomka: „In Hannover ist es als Trainer immer brisant“
Sportbuzzer Hannover 96 96-Trainer Slomka: „In Hannover ist es als Trainer immer brisant“
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10:00 21.08.2010
DYNAMISCH: Mirko Slomka beim NP-Interview. Quelle: Dröse
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Herr Slomka, Sie stehen auf Platz eins der Trainer-Rauswurfliste. Sind Sie sicher, dass Sie auch noch am fünften Spieltag 96-Trainer sind?

In Hannover ist es als Trainer doch immer brisant. Diese Gewissheit, dass ich Trainer bleibe, die habe ich hier nur selten erlebt.

Sind Sie mit Ihrer bisherigen Arbeit zufrieden?

Als ich angetreten bin, hatte ich den Auftrag, die Klasse zu halten. Gegen viele Widerstände haben wir es am Ende geschafft – Auftrag erfüllt. Darüber hinaus wurde ich tituliert als Trainer mit Visionen. Wäre schön, wenn wir die irgendwann mal verfolgen könnten, aber dazu brauchen wir Kontinuität. Diese Sicherheit gibt es nur, wenn wir uns frühzeitig von den Plätzen im Keller entfernen. Super wäre, wenn wir schon am 25. Spieltag sagen können, wir bleiben sicher in der Liga. Aber das wird eng.

Sie haben auch jetzt immer gesagt, es geht nur gegen den Abstieg. Haben Sie keine Angst, dass die Leute darauf keine Lust mehr haben?

Ich habe aber auch gesagt, wir wollen uns möglichst schnell von den Abstiegsplätzen entfernen. Alles Weitere wäre, den Fans etwas vorzugaukeln. Wir sind eine Mannschaft, die in die Bundesliga gehört, aber keine, die unter die ersten acht rutschen könnte. Da müssen wir schon alle realistisch bleiben.

Steckt in der Mannschaft genügend Qualität, gerade offensiv?

Jetzt haben wir in Mohamed Abdellaoue gerade neue Qualität hinzugewonnen. Diese Qualität zu erhöhen, ist nicht so einfach. Unsere finanziellen Mittel sind arg begrenzt. Momentan eine klassische Nummer zehn zu bekommen, ist schwierig, wenn man wenig bieten kann.

Arnold Bruggink und Hanno Balitsch, zwei Führungsspieler der letzten Saison, haben den Klub verlassen. Sind sie angemessen ersetzt worden?

Wir haben Hanno nominell mit Carlitos ersetzt, vom Auftreten her kann er diese Rolle natürlich noch nicht einnehmen. Hanno Balitsch ist ja für Trainer ein nicht ganz angenehmer Typ, aber er entfacht auch immer wieder Diskussionen. Das ist positiv. Es gab keineChance, Hanno hierzubehalten. Ich habe ihn mehrfach gefragt.

Hat das Team jetzt Spieler, die zu Ihnen kommen und den Konflikt suchen?

Steven Cherundolo, Karim Haggui, Altin Lala und Christian Schulz sind sehr konfliktfähige Diskussionspartner. Jan Schlaudraff ist nicht umsonst in den Mannschaftsrat gewählt worden, hat oft kritische Anmerkungen. Aber diese Typen müssen sich auch herauskristallisieren, das waren zum Ende der letzten Saison auch Manuel Schmiedebach und Sergio Pinto. In Emanuel Pogatetz haben wir einen dazugeholt, der seine Stimme erhebt, auch wenn er nicht im Mannschaftsrat ist.

Und sonst?

Es wäre gut, wenn man Typen wie Lars Stindl oder Moritz Stoppelkamp ein bisschen Zeit geben könnte. Diese Zeit haben wir nicht, dadurch, dass wir uns so unter Druck gesetzt haben. Die kriegen gleich das volle Programm.

Ist man als Trainer abhängig vom Wohlwollen der Mannschaft?

Man ist nicht abhängig von der Mannschaft. Ich bin als Trainer verantwortlich für die Leistung der Mannschaft und abhängig davon, dass die sportliche Leitung des Vereins und ich als Trainer eine Sprache sprechen.

Haben Sie die Unterstützung im Umfeld?

Definitiv. Ja. Jetzt habe ich sie im Besonderen.

Was stört Sie an Sportdirektor Jörg Schmadtke?

Nichts. Ein paar Störungen gab es letzte Saison, aber die waren logisch begründet. Wenn du einen Trainer holst, woran der Jörg ja auch massiv beteiligt war, und verlierst sechs Spiele, dann ist es doch klar, dass Zweifel kommen und es auch in der Kommunikation hakt. Es sollte ja sofort mit Erfolgen losgehen, und das war nicht der Fall. Das hatten wir uns alle anders vorgestellt. Und gerade von außen wuchs der Druck.

Wenn in dieser Phase etwas kaputtgegangen ist, kann man das reparieren?

Wir haben schon im Trainingslager vor dem HSV-Spiel konstruktive Gespräche geführt. Da waren wir in Bad Segeberg drei Tage sehr intensiv zusammen, haben das alles komplett ausgeräumt und sehr, sehr zielführend zusammengearbeitet. Es gibt immer Dinge, die man verbessern kann, es gibt auch unterschiedliche Auffassungen, aber wir diskutieren gemeinsam über Maßnahmen oder wie wir uns gegenüber Spielern positionieren. Momentan ist die Abstimmung sehr gut. Ich nehme an, das sieht er auch so.

Aber Sie gehen abseits der Arbeit nicht zusammen essen?

Die Situation gibt es nicht. Ich bin auch mal froh, wenn ich mit meinem relativ großen Freundeskreis in Hannover was machen kann. Dafür ist die Zeit schon sehr begrenzt.

Ihr Vertrag läuft bis zum Saisonende. Möchten Sie darüber hinaus gerne bleiben?

Das ist abhängig vom Saisonverlauf. Für alle Beteiligten ist es wünschenswert, wenn man sich in der Winterpause damit beschäftigt. Das wäre aber nur sinnvoll, wenn man eine gute Ausgangsposition für die Rückserie hat. Ansonsten würde jeder sagen, warum sollen sie jetzt verlängern, das macht ja keinen Sinn. Ich habe aber durchaus weiter die Vision, hier ganz lange zu bleiben. Ich bin sicher, dass man in dieser Stadt, diesem Verein und diesem Umfeld etwas erreichen und Visionen auch umsetzen kann. Die Vorstellung ist ja nicht, irgendwann mal deutscher Meister zu sein, sondern Stück für Stück voranzukommen und irgendwann auch mal einen größeren Schritt machen zu können.

Sie waren gut 20 Monate ohne Job. Gibt es die Angst, dass so eine Zeit nochmal wiederkommen könnte?

Die gibt es nicht. Ich glaube, die hat auch keiner meiner Kollegen. Wir Trainer in der Bundesliga haben einen von 18 sehr spannenden, intensiven und auch sehr extremen Jobs. Ich weiß das sehr zu schätzen und versuche so lange dabeizubleiben, wie es nur eben geht. Der Druck war immer da, auch jetzt vor dem ersten Spieltag ist er schon wieder immens.

Wie lassen Sie Dampf ab?

Mitunter bin ich in der Kabine gegenüber Spielern sehr emotional. Ich selbst bin jemand, der raus muss – trainieren, laufen, Tennis, mich körperlich auslaugen, dann bin ich wieder frisch und auf Kurs. Ich glaube, es ist wichtig, beharrlich an seinen Zielen und Visionen festzuhalten. Da lasse ich mich nicht durcheinanderbringen, auch durch solche Niederlagen wie im Pokal nicht.

Hat sich Ihr Status in Hannover verändert, seit Sie 96-Trainer sind?

In der Zeit davor konnte ich mich in der Stadt mehr zeigen. Ich bin ein Kind dieser Stadt, lebe gerne in Hannover und plaudere auch gerne mit fremden Leuten. Das geht jetzt nicht mehr. Deswegen bin ich auch nicht mehr so nahbar für die Menschen, was sehr schade ist.

Sie sind nicht mehr so frei?

Sicher nicht. Wenn ich bei Veranstaltungen mitgemacht habe, wurde es hinterher manchmal negativ ausgelegt. Nach dem Motto „Konzentrier dich auf deinen Job“. Das ist für mich ein schmaler Grat: Was kann, was darf ich machen? Das gilt leider auch zunehmend für soziales Engagement, oft fehlt die Zeit, da muss man sehr genau auswählen. Das stört mich schon sehr.

Hat Sie das charakterlich verändert?

Wenn Nein sagen heißt, ich habe mich charakterlich verändert, dann ja. Aber ich muss halt Nein sagen.

Wird man auch reizbarer?

Zu Hause. Meine Familie spürt, wenn es nicht gut läuft. Aber das halten meine Frau und die Kinder aus. Sie kennen das auch gar nicht anders. Es ist auch egal, ob erster, siebter oder vorletzter Spieltag, ob man um Platz sieben oder 15 spielt – der Druck ist immer da. Es gibt keine Ruhephase, in der man sagt, jetzt kann ich mal abschalten. Die gibt es nie.

Was ist noch extrem?

Man steht extrem in der Öffentlichkeit. Deswegen ist auch die Situation im persönlichen Leben extrem. Ich habe immer gesagt, es ist nicht einfach, in der Stadt als Trainer zu arbeiten, in der man lebt, denn es gibt immer ein Danach. Wenn ich mein Privatleben jetzt sehe, hat sich das ein wenig entspannt, weil meine Kinder in der Betreuung in Schule und Kindergarten wohlbehütet sind.

Sind Sie misstrauischer geworden?

Das gehört dazu.

Würden Sie Ihr Haus bei Google Street View pixeln lassen?

Solange sie nicht in das Innere meines Hauses können, habe ich nichts dagegen.

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