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Dustin Brown sorgte mit seinem Sieg gegen Rafael Nadal für eine Sensation.

Dustin Brown sorgte mit seinem Sieg gegen Rafael Nadal für eine Sensation. © Facundo Arrizabalaga

Tennis

Wimbledon feiert "Gott" Dustin Brown

Als Dustin Brown im Superman-T-Shirt über den großen Wimbledon-Coup gegen Rafael Nadal sprach, waren Superlative gerade gut genug. "Das ist wahrscheinlich der beste Tag in meinem Leben", meinte der deutsche Tennis-Paradiesvogel.

London. l. Die auf dem Court noch so wild wehenden Rasta-Locken hatte er unter einer blassgelben Wollmütze gebändigt. Natürlich musste der Deutsch-Jamaikaner auch auf der Insel wieder die Anekdoten erzählen von früher, als er im Campingbus von Turnier zu Turnier tingelte. All das war an dem denkwürdigen Abend aber weit weg, an dem sich Brown einen Platz in der ruhmreichen Historie der Offenen Englischen Tennismeisterschaften sicherte.

"In einem der besten Zweitrunden-Matches der Grand-Slam-Geschichte und vor einem Publikum, das sich in einer surrealen Fantasie wähnte, fing Dustin Brown die Strahlen der Sonne ein und wurde ein Gott", dichtete die seriöse englische Zeitung "Times" am Tag nach einem der ungewöhnlichsten und spektakulärsten Tennis-Matches der jüngeren Vergangenheit. Mit einem ebenso unerwarteten wie hochverdienten 7:5, 3:6, 6:4, 6:4-Erfolg schickte der Weltranglisten-102. aus Winsen/Aller den 14-maligen Grand-Slam-Champion Nadal nach Hause.

Von britischer Zurückhaltung war auch Brown an dem Abend weit entfernt. Er reckte beide Fäuste in den Himmel und hüpfte mit wehender Rasta-Mähne über die heiligen Grasbüschel, als hätte er gerade das wichtigste Tennisturnier der Welt gewonnen. Dabei war es nur der Satzball zum 7:5. Als er keine zwei Stunden später mit einem Ass Matchball Nummer drei verwandelte, ließ er den Schläger plumpsen und fasste sich ungläubig mit beiden Händen an den Kopf.

"Wenn ich jetzt die ganzen Niederlagen in diesem Jahr erneut in Kauf nehmen müsste, um das nochmals zu erleben, würde ich es wieder machen", erzählte Brown.

Mit einem "Rasta la vista, Rafa" verabschiedete das Boulevardblatt "The Sun" den Spanier. Zum vierten Mal nacheinander hat Nadal nun in Wimbledon gegen einen Gegner außerhalb der Top 100 verloren (2012 Lukas Rosol, 2013 Steve Darcis, 2014 Nick Kyrgios). Noch nie allerdings musste er sich einem Qualifikanten geschlagen geben.

Und dann ausgerechnet wieder dieser Dustin Brown. "Ich wusste, dass ich ihn auf Rasen schlagen kann", sagte der Deutsche. Vor einem Jahr in Halle hatte er Nadal schon einmal bezwungen. Der Spanier reiste damals als French-Open-Champion an und schimpfte über die unorthodoxe Spielweise Browns. Dies sei "kein Tennis", wütete der Mallorquiner.

Auch an diesem famosen Donnerstagabend faszinierte Brown die Zuschauer und entnervte Nadal. Mal wehrte er einen Ball ab, indem er seinen Schläger mit beiden Händen wie eine Fliegenklatsche vors Gesicht hielt. "Er führt seinen Schläger wie ein Samurai-Schwert", schrieb der "Independent". Brown streute in den unmöglichsten Momenten Stopps ein, ging in jedem denkbaren Augenblick in die Offensive und machte 77 Punkte bei 99 Netzattacken.

Und das, obwohl ihm für einen festen Trainer das Geld fehlt. Browns Alltag sind Challenger-Turniere in Heilbronn, Vercelli oder Irving.

In Celle geboren, zog Brown 1996 nach Jamaika, in das Geburtsland seines Vaters. Wenig später aber schon kehrte der Mann, den alle nur Dreddy nennen, nach Deutschland zurück. An guten Tagen schlägt Brown Spieler wie Nadal oder vor zwei Jahren in Wimbledon Lleyton Hewitt, an schlechten hämmert er chaotisch und planlos auf die Bälle ein und unterliegt auch noch den Namenlosesten aller Namenlosen. "Ich muss akzeptieren, dass mein Spiel eine große Spanne hat", sagte er.

Nun darf er am Samstag gegen den Serben Victor Troicki um den Achtelfinal-Einzug kämpfen. Als letzter von anfangs acht deutschen Herren. Vor zwei Jahren bekam Brown schon einmal die Chance in Wimbledon. Damals schlug er spektakulär den ehemaligen Turniersieger Hewitt - und schied in der dritten Runde nach einer kläglichen Vorstellung gegen einen Franzosen namens Adrian Mannarino aus.

dpa


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