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90 Minuten mit 22 wild gewordenen Freizeitkickern: Warum Schiedsrichter nur noch selten Freude haben – und warum es so nicht weitergehen kann.

90 Minuten mit 22 wild gewordenen Freizeitkickern: Warum Schiedsrichter nur noch selten Freude haben – und warum es so nicht weitergehen kann.

Unparteiische unter Druck

Warum Schiedsrichter nur noch selten Freunde haben

90 Minuten mit 22 wild gewordenen Freizeitkickern: Warum Schiedsrichter nur noch selten Freude haben – und warum es auf deutschen Fußballplätzen so nicht weitergehen kann.

Hannover. Mit einer Eckstoßentscheidung fängt alles an. Die Spieler des VSV Hohenbostel sind damit nicht einverstanden, einige von ihnen protestieren. Der Libero der Mannschaft will sich gar nicht wieder beruhigen und beleidigt den Angreifer des FC Rethen mit Worten, die an dieser Stelle unmöglich wiedergegeben werden können. Der Schiedsrichter steht nur wenige Meter daneben. Er hat alles mitgehört und zeigt dem Abwehrmann die Rote Karte. Dann bricht auf dem Rasen das Chaos aus.

Sechs oder sieben Hohenbosteler Spieler, so genau ist das bei dem Durcheinander nicht zu erkennen, laufen auf den Schiedsrichter zu, umzingeln ihn, beschimpfen ihn, bedrohen ihn. Der Schiedsrichter berichtet später außerdem, dass er von einem Spieler angegriffen worden sei. 78 Minuten sind bis dahin gespielt, und der VSV Hohenbostel, der sich da gerade so sehr über einen Eckstoß für den Gegner ärgert, führt mit 2:0.

Der Schiedsrichter, ein gestandener Kerl, befreit sich nach einiger Zeit aus der Situation. Er bricht das Spiel der 1. Fußball-Kreisklasse Hannover-Land ab und flüchtet in einen Geschäftsraum im Vereinsheim des FC Rethen, der anschließend von zwei Ordnern bewacht werden muss. Von dort aus ruft der Schiedsrichter die Polizei, die mit zwei Streifenwagen vorfährt und ihn auf der Heimfahrt eskortiert.

In Rethen sind sie Tage später noch immer fassungslos über das, was sich da auf ihrem Vereinsgelände abgespielt hat, auch wenn sie selber gar nichts dafür können. Immerhin, sagt Rethens Trainer Jörg Möhle, hat es nach dem Spielabbruch keine Schlägerei gegeben, auch sonst ist es unter den Fußballern beider Mannschaften auf dem Weg in die Umkleidekabinen relativ ruhig geblieben.

Das ist ja längst keine Selbstverständlichkeit mehr in den untersten deutschen Spielklassen. Von Schlägen und Tritten gegen den Schiedsrichter ist die Rede, sogar von Pfeffersprayattacken mitten auf dem Feld. „Früher wurde der Schiedsrichter auch nicht unbedingt geliebt“, sagt Wolfgang Mierswa, „aber heute ist es brutaler.“

Mierswa ist der Vorsitzende des niedersächsischen Schiedsrichterausschusses, er ist also so etwas wie der oberste Vertreter der Pfeifenmänner in diesem Bundesland, und er kann daher sehr gut einschätzen, was sich auf den Amateurplätzen derzeit abspielt. „Es gibt unter den Spielern eine Solidarisierung“, sagt Mierswa, „nach dem Motto: Eigentlich ist es ganz richtig, wenn der ,Schiri‘ mal etwas aufs Auge bekommt.“

Gerald Bothe hätte bei so einer Attacke auf dem Platz beinahe sein Augenlicht verloren. Der Schiedsrichter aus Berlin wurde während einer Partie in der Senioren-Landesliga von einem Spieler verprügelt, nur weil er kurz vor Schluss einen Elfmeter für die gegnerische Mannschaft gepfiffen hatte. Im Krankenhaus entdecken die Ärzte zwei Blutgerinnsel in seinem Kopf, außerdem stellen sie eine Sehstörung fest. Noch ist unklar, ob die Schäden dauerhaft bleiben werden.

In Berlin haben die Unparteiischen daraufhin ein Zeichen gesetzt. Ende Oktober haben sie alle Begegnungen in der Stadt für fünf Minuten unterbrochen, um gegen die Gewalt zu protestieren. Aber selbst am Aktionstag mussten zwei Begegnungen abgebrochen werden, weil es zu Gewaltausbrüchen gekommen war.

Wenigstens aber wird seit dieser Aktion wieder vermehrt über das Gewaltproblem gesprochen. „Es geht langsam in das Bewusstsein vieler, dass hier Grenzen überschritten werden“, sagt Mierswa. Ist das so? Im Kölner Stadtteil Widdersdorf ist kürzlich ein Schiedsrichter nach einer Kreisligapartie in seiner Kabine überfallen worden. Ein maskierter Mann hat ihn mit einem Faustschlag niedergestreckt. Der Täter, ein Widdersdorfer Vereinsmitglied, hat inzwischen gestanden, legt aber Wert darauf, dass er seiner Meinung nach nur mit der flachen Hand zugeschlagen habe.

Man darf das nicht falsch verstehen: Die meisten Schiedsrichter verlassen den Platz immer noch unversehrt. Sie bringen die 90 Minuten, in denen sie nicht selten 22 wild gewordenen Freizeitkickern bei der Ausübung ihres Hobby behilflich sind, mit viel Engagement über die Bühne. Sie füllen dann in der Kabine den Spielberichtsbogen aus, packen ihre Sporttasche und fahren nach Hause. Dafür opfern sie einen halben Tag ihrer Freizeit und bekommen am Ende 15 Euro und ein bisschen Fahrtkosten.

Warum soll man sich das weiter antun, wenn der Umgang auf dem Platz immer ruppiger wird? Begreifen die vielen Tausend Fußballer, was auf sie zukommt, wenn die Schiedsrichter tatsächlich irgendwann nicht mehr kommen sollten? Wenn sie Ernst machen mit ihren Boykottdrohungen. Wer regelt dann den von ihnen so geliebten Sport?

Im Fußballkreis Schleswig-Flensburg haben sie darauf eine erste Antwort gegeben. In den Spielen von der Kreisklasse abwärts zeigen die Schiedsrichter keine Einwürfe, Eckstöße und Abstöße mehr an. Die Spieler müssen das untereinander klären, der Schiedsrichter greift nur noch dann ein, wenn sich beide Seiten partout nicht einigen können. „Die Erfahrungen, die wir damit gemacht haben, sind durchweg positiv“, sagt der Kreisvorsitzende Dieter Schröder. „Bei uns herrscht wieder mehr Fairness auf dem Rasen.“ Es habe sogar schon Anfragen aus Berlin und Bayern gegeben.

In Sachsen-Anhalt versuchen sie es mit einer anderen Maßnahme. Dort sollen Spieler, die den Schiedsrichter bedrohen oder attackieren, in Zukunft während ihrer Sperre einen Schiedsrichterlehrgang absolvieren und dürfen erst dann wieder aktiv spielen, wenn sie eine bestimmte Anzahl von Begegnungen selbst geleitet haben. Es ist ein Modell, das Schule machen könnte. Vielleicht ist aber selbst das nur ein erster Schritt, vielleicht sollte man sogar noch ein bisschen weitergehen. Warum werden Fußballmannschaften ab einer bestimmten Leistungsklasse nicht einfach dazu verpflichtet, vor dem Saisonstart einen Regelabend zu besuchen, so wie es in der Bundesliga längst üblich ist? Der eine oder andere Amateurkicker hätte nach der nächsten engen Abseitsentscheidung vermutlich mehr Verständnis dafür, wie schwer die Aufgabe des Schiedsrichters wirklich ist. Sicher, es würde das Gewaltproblem in den unteren Klassen nicht sofort lösen. Aber es wäre immerhin ein Anfang.

Patrick Hoffmann


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