Navigation:
Die WADA reagierte nach den Doping-Anschuldigen und will die Vorwürfe überprüfen.

Die WADA reagierte nach den Doping-Anschuldigen und will die Vorwürfe überprüfen. © Daniel Karmann

Doping

WADA entsetzt: Nach Doping-Enthüllungen "sehr alarmiert"

Hochbrisante Doping-Vorwürfe gegen den Leichtathletik-Weltverband haben Entsetzen und Empörung ausgelöst. Eine große Zahl von Blutproben mit verdächtigen Werten sollen von der IAAF geheim gehalten und nicht sanktioniert worden sein.

Kuala Lumpur. Von Zuständen wie vor 20 Jahren im damals hochgradig Doping-verseuchten Radsport ist die Rede. "Das ist sehr alarmierend. Wir sind verstört über das Ausmaß der wilden Anschuldigungen. Das Fundament eines jeden sauberen Athleten weltweit wird erneut erschüttert", sagte Craig Reedie als Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur am Rande der 128. Session des Internationalen Olympischen Komitees in Kuala Lumpur. Gut drei Wochen vor der WM in Peking steht die Leichtathletik inmitten einer großen Glaubwürdigkeitskrise.

Die ARD und die "Sunday Times" haben eine Liste mit 12 000 Bluttests von rund 5000 Läufern ausgewertet. Sie stammen nach ARD-Angaben aus der IAAF-Datenbank. Darunter sollen 800 Sportler - darunter nach Informationen des Anti-Doping-Experten Fritz Sörgel auch deutsche Athleten - mit dopingverdächtigen Werten sein, die von 2001 bis 2012 bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften in den Disziplinen von 800 Meter bis zum Marathon gestartet sind. Ein Großteil dieser Athleten, darunter angeblich 146 olympische Medaillengewinner und Weltmeister, sei dafür nicht belangt worden.

"Nur gegen ein Drittel von ihnen läuft ein Verfahren oder sie sind bereits gesperrt. Die restlichen zwei Drittel sind nie überführt worden", hieß es in einer Mitteilung von ARD und WDR, die darüber in der Dokumentation "Geheimsache Doping: Im Schattenreich der Leichtathletik" berichteten. Namen von Athleten wurden nicht genannt.

"Ich habe niemals so alarmierende, unnormale Blutwerte gesehen", sagte der australische Anti-Doping-Experte Robin Parisotto, der mit Michael Ashenden die Daten statistisch ausgewertet hat. "Es sieht so aus, als wären viele Athleten straflos davon gekommen."

Nach ihren Angaben hat jeder dritte auf der Liste aufgeführte Athlet mit dopingverdächtigen Blutwerten eine Medaille gewonnen. Bei jedem sechsten Medaillengewinner sei sich mindestens einer der Wissenschaftler sogar so gut wie sicher, dass der Athlet im Laufe seiner Karriere gedopt hat.

Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel sieht es ähnlich. "Es überrascht doch niemanden, dass da so viele Leichtathleten verdächtige Werte haben, wenn man auch alle Werte aus der Zeit vor der Einführung des Blutpasses einbezieht. Die Daten sind von großer, fast historischer Bedeutung", sagte Sörgel der dpa. "Wegen der Menge und weil sie aus einer Zeit des fröhlichen, unbeschwerten Blutdopings stammen. Sie werden helfen, die Zuverlässigkeit des Blutpasses zu erhöhen. Solche Daten kriegt man doch im Zeitalter des geschickten Mikrodosierens nicht mehr", fügte Sörgel hinzu.

Und der Weltverband hat offenbar weggeschaut. "Der Verband hätte eigentlich sehen müssen, wie die schreckliche Wahrheit unter der Oberfläche aussah", kritisierte Ashenden die Anti-Doping-Politik der IAAF. "So ist es meiner Meinung nach eine schamlose Vernachlässigung ihrer elementaren Pflicht, ihren Sport zu überwachen und die sauberen Athleten zu schützen." Für ihn sehe es so aus, dass die Leichtathletik heute in der gleichen "teuflischen Situation" sei wie der Radsport vor 20 Jahren.

Die IAAF weist jede Kritik am Ergebnismanagement zurück und betont, methodisch verlässlich zur Feststellung von Doping seien ausschließlich Analysen, die den strengen Testanforderungen des Biologischen Passes für Athleten folgen. "Jeder andere Ansatz, insbesondere das Nutzen von Daten, die über einen längeren Zeitraum zu verschiedenen Zwecken, unterschiedlichen Zielen und mit unterschiedlichen Analysemethoden erfasst wurden, ist nichts als Spekulation", heißt es in einer IAAF-Stellungnahme.

"Die Vorwürfe im Film sind natürlich frustrierend, aber andererseits ist ein Dopingverdacht - wie im Film selbst betont wird - noch nicht ein Nachweis des Dopings", meinte Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. Es gelte nun die Vorwürfe und Verdachtsmomente aufzuklären und für die Zukunft Strukturen aufzubauen, um die Effizienz der Dopingbekämpfung noch zu verbessern. "Hier ist nun insbesondere die IAAF gefordert, aber wir müssen gemeinsam im Sport noch verstärkt Doping bekämpfen", forderte er.

Auch der frühere Weltklasse-Stabhochspringer Sergej Bubka fordert als IOC-Exekutivmitglied Konsequenzen. "Wir akzeptieren keine Regelverstöße. Jedem sollte klar sein, dass es keinen Platz für Betrüger gibt. Nicht in der Leichtathletik, nicht in anderen Sportarten, nicht in der olympischen Bewegung."

Die WADA hat eine Kommission unter der Führung ihres früheren Präsidenten Richard Pound mit der Aufklärung der Anschuldigungen gegen die IAAF beauftragt. Sie war Anfang des Jahres gebildet worden, um die ebenfalls in einer ARD-Doku erhobenen Vorwürfe eines systematischen Dopings in Russland zu untersuchen. "Ich hatte gehofft, den Bericht im September fertig zu haben. Nun sieht es so aus, als wenn es noch etwas länger dauert", sagte Pound.

Der neue Doping-Skandal betreffe Russland nicht, sagte Sportminister Witali Mutko der Agentur Tass am Sonntag. "Er betrifft das weltweite Leichtathletiksystem." Er halte den ARD-Film zum Doping für ein Zeichen eines Machtkampfes in der IAAF. "Offensichtlich wollen bestimmte Leute die Leichtathletik mit solchen Filmen zerstören", meinte er. "Irgendwer hat irgendwas unter dem Tisch gehört, irgendwer hat irgendwas gesagt - das ist Blödsinn."

dpa


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Anzeige