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© Florian Petrow (Archiv)

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20 Jahre Hannover Marathon

Start und Sprungbrett für so manche Läuferkarriere

Vom Küchenfenster barfuß auf die Strecke: Im zweiten Teil unserer Serie "20 Jahre Hannover-Marathon" erzählen Läufer, was sie alles auf der Strecke erlebten.

Nur gut, dass Arne Schiereck früher mal alles gesammelt hat, was mit seinem Hobby, dem Laufen, zu tun hatte. Und welch Glück, dass ausgerechnet die eine Kiste mit den Andenken, in die diese Startnummer gewandert war, so manchen Umzug unbeschadet mitgemacht hat. Denn wer außer dem 43 Jahre alten Bissendorfer besitzt heutzutage noch so einen museumsreifen Beleg dafür, am 21. April 1991 dabei gewesen zu sein, als der Marathon in Hannover mit der Deutschen Bundesbahn als Namenssponsor seine Premiere erlebte und ein Emil Zatopek zu den Ehrengästen gehörte?

Die meisten werden sich nicht mehr mal daran erinnern, welchen Rundkurs die etwa 3000 Starter zu bewältigen hatten, als es um 10.30 Uhr vom Waterlooplatz aus zum ersten Mal über die 42,195 Kilometer durch die Landeshauptstadt ging. Geschweige denn an die Bedingungen, die an diesem Tag herrschten. Für Schiereck kein Problem: Er besitzt ja noch sein Trainingstagebuch von damals. „Herrlicher Sonnenschein, aber empfindliche 6 Grad Celsius“ hat er dort notiert. Nicht gerade einladende Wetterbedingungen, um bei einem Marathon anzutreten und diesen mit Erfolg und Spaß zu absolvieren!

Auch Theo Gassmann weiß es noch wie gestern, dass es ein eher ungemütlicher Tag war. Er gehörte 1991 ebenfalls zum großen Starterfeld, das Hannover umrundete und auf den letzten Kilometern am Maschsee den kalten Wind zu spüren bekam. Der sei ein Grund dafür gewesen, dass er sich zum Schluss noch einen Wadenkrampf eingehandelt habe und sich ins Ziel am Opernplatz quälen musste. Doch im Rückblick zählt für ihn etwas anderes: „Außerordentlich aufregend“ sei es gewesen, auf diese Weise in der Heimatstadt unterwegs zu sein – immer wieder angefeuert am Streckenrand von Bekannten und Freunden. Dagegen verblassen solche Momente wie die „unendlich lange, vollkommen menschenleere Mecklenheidestraße“. Wenig später schon folgte das Kontrastprogramm, als es Richtung Innenstadt ging mit dem „absoluten Höhepunkt“ Raschplatzbrücke, wie der 54-Jährige sagt, der inzwischen in Empelde lebt. „Mit jedem Kilometer wuchsen die Zuschauermenge und die Stimmung.“

Zu denen, die 1991 die Läufer anfeuerten, gehörte Gabriele Wolter (45). Von ihrem Küchenfenster in der Schulenburger Landstraße aus verfolgte sie das Spektakel mit großer Begeisterung und lebhaftem Interesse – aber nie in dem Glauben, sich eines Tages mal selbst unters Läufervolk zu mischen. Welch ein Irrtum! Achtmal ist sie inzwischen in Hannover selbst dabei gewesen, nachdem 1998 eine Nachbarin sie dazu überredet hatte, es doch mal mit einem Wettkampf zu versuchen. Aus den zehn Kilometern wurde schließlich das Vierfache; ihr Debüt 1999 schaffte sie in 4:22 Stunden. „Ich war stolz wie nix“, sagt sie rückblickend. Wer nicht glauben will, dass ein Marathon in Hannover ansteckend wirken kann, der sollte mal bei Gabriele Wolter nachfragen, die es inzwischen auf 32 dieser Läufe gebracht hat. Seit 2003 tanzt sie zudem in einer Hinsicht noch aus der Reihe im Vergleich zu anderen Freizeitsportlern: Sie läuft – ohne Rücksicht auf die Streckenbeschaffenheit und das Wetter – bei Wettkämpfen immer barfuß.

Für andere war der Hannover-Marathon sogar das Sprungbrett zu internationalen Erfolgen – und damit sind nicht die Asse gemeint, die Jahr für Jahr die Spitze des Feldes bilden. Renate Hofmann machte sich auf diese Weise einen Namen in der Seniorinnen-Klasse. Im Jahr 2005, nach ihrem siebten Start in Hannover, löste die Wunstorferin ein Versprechen ein, das sie ihrer Lauftreffgruppe gegeben hatte: Wenn ich im Marathon unter vier Stunden bleibe, dann renne ich bei der WM in San Sebastian mit. Mit einer Zeit von 3:57 stand die damals 65-Jährige im Wort – und kehrte im gleichen Jahr als weltbeste Läuferin ihrer Altersklasse aus Spanien zurück. Weitere erfolgreiche Starts im In- und Ausland folgten. „Ohne den Marathon in Hannover wäre ich nie dazu gekommen“, sagt Renate Hofmann.

Ob die 70-Jährige vom 1. WV Wunstorf oder aber Arne Schiereck, der sich in erster Linie beim SC Langenhagen dem Triathlon verschrieben hat und eine Marathonbestzeit von 3:02 Stunden vorweisen kann, Theo Gassmann („Ich bin seit 30 Jahren ein Freizeitsportler ohne besonderen Ehrgeiz“) oder die Barfußläuferin Gabriele Wolter: Am 2. Mai wird keiner der vier in Hannover fehlen. Bei Gassmann schließt sich auf diese Weise der Kreis auf besondere Weise. In Hannover ist er seit 1991 nie wieder gestartet; zu groß war seinerzeit sein Ärger darüber, dass er sich nach dem Lauf auf dem Bürgersteig in aller Öffentlichkeit umziehen musste, was er als Demütigung empfand. Jetzt gibt er dem Hannover-Marathon erstmals wieder eine Chance – und nach 20 Jahren sollten sich solche „Kinderkrankheiten“, wie sie Gassmann einst erlebte, schließlich auch erledigt haben.


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