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Maria Scharapowa gab am Montag Doping mit dem Mittel Meldonium zu.

Maria Scharapowa gab am Montag Doping mit dem Mittel Meldonium zu. © Mike Nelson

Sportpolitik

Russlands Liste der Doping-Sünder wird täglich länger

Darf Russland nur eine Rumpfmannschaft zu den Olympischen Spielen nach Rio schicken? Neue Dopingvorwürfe treffen die Sportnation schwer. Erste Stimmen fordern ein grundsätzliches Umdenken.

Moskau. Dem russischen Sport droht fünf Monate vor den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro ein Debakel. Jeden Tag wird die Liste der Spitzensportler länger, die mit dem seit Jahresanfang verbotenen Präparat Meldonium gedopt haben sollen.

Die Tennisspielerin Maria Scharapowa machte mit ihrem Geständnis nur den Anfang, weiter ging es mit dem Eisschnellläufer Pawel Kulischnikow und dem Volleyballer Alexander Markin. Am Mittwoch reihten sich drei russische Shorttrackerinnen ein; auch Eistanz, Gewichtheben und Radfahren sind betroffen. Zehn Namen sind bislang bekannt.

Dabei muss der russische Leichtathletikverband wegen systematischen Dopings bereits den vollständigen Ausschluss von den Spielen in Rio fürchten. Nun könnte es passieren, dass die stolze Sportnation auch in anderen Disziplinen nur mit einer Rumpfmannschaft ohne wichtige Leistungsträger antreten darf.

"Wir sehen, wie in dem Dopingskandal einer nach dem anderen die Sportler auffliegen, auf deren Erfolg bei der Sommerolympiade wir zählen", sagte Parlamentsvize Igor Lebedew von den nationalistischen Liberaldemokraten. Er forderte eine Sondersitzung des russischen Nationalen Olympischen Komitees.

Seit eine Kommission der Antidopingagentur WADA im November verbotene Praktiken in der russischen Leichtathletik offengelegt hatte, begann Moskau zwar, die Arbeit seiner Untersuchungslabore zu reformieren. Doch grundsätzlich werden Dopingvorwürfe nicht als Problem, sondern als westliche Verschwörung gegen Russland gesehen. Das Meldonium sei russischen Sportlern untergeschoben worden, sagte beispielsweise der Chef des russischen Eisschnelllaufverbandes, Alexej Krawzow.

Meldonium, in Osteuropa unter dem Namen Mildronat gehandelt, war bis Ende 2015 ein erlaubtes, rezeptfreies Nahrungsergänzungsmittel zur Herzstärkung. Sportler versprachen sich davon eine bessere Durchblutung, eine höhere physische wie mentale Belastbarkeit. Kurz vor dem Verbot fanden Moskauer Forscher in 724 von 4316 Urinproben Meldonium. Über die neue WADA-Richtlinie in Sachen Meldonium hätten die Sportverbände die Trainer, Ärzte und Sportler informieren sollen.

Bei einigen Sportpolitikern im russischen Parlament wächst deshalb der Ärger. Die Einnahme von Meldonium sei so weit verbreitet, dass es nicht um einzelne Trainer oder Ärzte gehe, sagte der Abgeordnete Wassili Schestakow von der Kremlpartei Geeintes Russland. "Ich neige dazu, die Schuld an diesen Vorgängen beim gesamten Trainerstab zu sehen." Für die Aufsicht über Dopingprävention seien aber die Verbände zuständig. "Und da haben die Funktionäre versagt."

Die Zeitung "Sport-Express" sieht Russland an einem Scheideweg. "Halten wir Doping tatsächlich für ein Übel und eine Gefahr für die Gesundheit der Nation, die schwerer wiegt als unsere möglichen Siege?", fragte das Blatt am Mittwoch. Dann müsse ernsthaft etwas getan werden. Es reiche nicht, die Vorwürfe immer wieder nur als "antirussische Kampagne im Weltsport" abzutun.

Doch auf höchster Ebene wurden die Ansätze von Selbstkritik sofort gestoppt. Es dürfe nicht sein, dass ein Schatten auf die Leistungen des russischen Sportes falle, sagte der Sprecher von Präsident Wladimir Putin, Dmitri Peskow. Es gehe um einzelne Fälle, einzelne Sportler: "Uns tut das natürlich leid. Aber man darf die Situation nicht auf den gesamten russischen Sport übertragen."

dpa


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