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FIFA-Interimspräsident Issa Hayatou.

FIFA-Interimspräsident Issa Hayatou. © Walter Bieri

Fußball

Razzia überschattet Tag der FIFA-Reformen

Es hatte ein Tag des Aufbruchs werden sollen. So die Vorstellung der angeschlagenen FIFA-Führungscrew. Neue Festnahmen in der Schweiz und Anklagen in den USA erinnern aber an den kritischen Zustand des Fußball-Weltverbandes. Ein Reformpaket wird als Meilenstein verkauft.

Zürich. Neue Festnahmen, neue Ermittlungen, Reformen mit Schönheitsfehlern und eine überraschende WM-Debatte: An einem weiteren dramatischen Tag hat die FIFA den Aufbruch in eine neue, demokratische Zeit verkündet.

Die Realität in Zürich erinnerte aber an die vielen schwarzen Stunden des Fußball-Weltverbandes in einem Jahr voller Korruptionsvorwürfe, Rücktritte und Skandale. Wenige Stunden vor der Entscheidung des Exekutivkomitees für ein bislang einmaliges Reformpaket, das die eigene Führungsstruktur revolutionieren soll, erschütterte die nächste Razzia im Nobelhotel Baur au Lac am Ufer des Zürichsees die aktuelle FIFA-Führungsspitze um Ex-DFB-Präsident Wolfgang Niersbach.

Stunden danach machte US-Justizministerin und Generalstaatsanwältin Loretta Lynch Anklagen gegen 16 weitere hochrangige Fußball-Funktionäre, allesamt aus Süd- und Mittelamerika, publik. Darunter sind die in Zürich verhafteten FIFA-Vizepräsidenten Juan Angel Napout aus Paraguay und Alfredo Hawit Banegas aus Honduras. Ihnen wird vorgeworfen, Bestechungsgelder in Millionenhöhe angenommen zu haben. Zu den Beschuldigten zählen auch das ehemalige Exekutivmitglied Ricardo Teixeira, der frühere brasilianische Verbandspräsident Marco Polo del Nero und das ehemalige FIFA-Exekutivmitglied Rafael Salguero aus Guatemala. "Das Ausmaß der Korruption ist unglaublich", sagte Lynch. Gegen weitere Funktionäre werde ermittelt, hieß es.

Schon vor der Pressekonferenz in Washinghton war die Stimmung so, "als wäre jemand gestorben. So war die Atmosphäre im Raum", berichtete Niersbachs brasilianischer Exko-Kollege Fernando Sarney nach den erneuten Festnahmen über das FIFA-Meeting. Alle Versuche von FIFA-Interimspräsident Issa Hayatou oder Francois Carrard, dem Chef der Reformkommission, die strukturellen Entscheidungen des Tages später als "Meilenstein" oder "Kulturwandel" zu verkaufen, mussten dahinter verblassen.

Sechs Monate nach der Polizeiaktion mit sieben Festnahmen wurden diesmal zwei Top-Offizielle von Schweizer Beamten in Gewahrsam genommen: Die FIFA-Vizepräsidenten Napout und Hawit Banegas. Beiden wird wie ihren im Mai festgenommenen Kollegen Korruption im großen Stil bei TV- und Marketingverträgen für Turniere ihrer Konföderation vorgeworfen. Es droht die Auslieferung in die USA.

Am Morgen um kurz nach acht Uhr wurden die verbliebenen Exko-Mitglieder, darunter der deutsche Vertreter Niersbach, in Limousinen vom Baur au Lac auf den Zürichberg zur Sitzung in die Verbandszentrale gefahren. Eine zur Abstimmung stehende revolutionäre Aufstockung der WM-Teilnehmerzahl von 32 auf 40 Teams fand dort aber noch keine Mehrheit - das sickerte durch eine Niersbach-Info als erste Entscheidung aus der Machtzentrale des Weltverbandes durch.

Andere Reformbeschlüsse klingen vielversprechend. Der am 26. Februar zu wählende Nachfolger von Joseph Blatter als FIFA-Präsident und die Mitglieder eines neu geschaffenen Councils dürfen demnach maximal für drei Amtszeiten á vier Jahre im Amt sein. Die Vergütung der Top-Funktionäre wird jährlich öffentlich gemacht. FIFA-Chefaufseher Domenico Scala stellte fest: "Es wird einen Wandel geben."

Das Council mit dann 36 Mitgliedern tritt an die Stelle des (zu) mächtigen Exekutivkomitees und soll eine Art Aufsichtsrat bilden. Die letzte Entscheidung über die Reform trifft auch der FIFA-Kongress am 26. Februar. Statutenänderungen bedürfen dann einer Dreiviertelmehrheit unter den 209 Mitgliedern. "Diese Reformen bringen der FIFA eine bessere Führung, größere Transparenz und mehr Rechenschaftspflicht", sagte Interimspräsident Hayatou, der nach seiner Nierenoperation sichtlich angeschlagen die Pressekonferenz nach dem Meeting leitete.

Abgelehnt wurde ein Alterslimit für Funktionäre auf 74 Jahre. Mehr Macht bekommen künftig der Generalsekretär und neun statt zuvor 26 ständige FIFA-Komitees. Dort werden die wesentlichen Management-Entscheidungen getroffen. Somit verliert der Präsident, der mehr repräsentativen Charakter hat, an Einfluss.

Keine wesentliche Änderung gibt es bei der auch FIFA-intern umstrittenen Entsendung der Council-Mitglieder im Vergleich zur Wahl der Vertreter im Exekutivkomitee. Wie bislang werden diese von den sechs Konföderationen entsandt. Allerdings unter "Beobachtung" durch die FIFA und durch einen Integritätscheck des Weltverbandes.

Aber: Diese Kontrollen werden erst bei der nächsten Kandidatur berücksichtigt. Niersbach zum Beispiel könnte sein laufendes Mandat bis 2019 ohne weitere Kontrolle auf Moral und Anstand absitzen. Auch die Amtszeitbeschränkung tritt erst anschließend in Kraft. Seine Mitgliedschaft im Exekutivkomitee mündet zunächst direkt in die Mitgliedschaft im Council.

Statt 25 Exko-Mitglieder sitzen im Council künftig 36 Vertreter. Da jede Konföderation mindestens eine Frau entsenden muss, ist die UEFA gezwungen, die Quote erstmals zu erfüllen und als nächstes Council-Mitglied eine Frau zu wählen.

Für Aufsehen hatte der Vorschlag der WM-Aufstockung gesorgt. "Es war erkennbar, dass sich besonders die asiatischen und afrikanischen Vertreter dafür einsetzten. Das Thema wurde zunächst zur weiteren Prüfung an die Administration gegeben", teilte Niersbach in einem schriftlichen Statement noch vor dem offiziellen Sitzungsende mit.

Neben Napout und Hawit Banegas fehlten bei der wegweisenden Sitzung auch der suspendierte Blatter und sein ebenfalls vorläufig ausgeschlossener Stellvertreter Michel Platini. Auch der Kolumbianer Luis Bedoya ist nach seinem Rücktritt noch nicht ersetzt, so dass nur 20 der 25 Exko-Mitglieder anwesend waren.

Napout und Hawit Banegas seien auf Antrag der US-Justiz in Auslieferungshaft genommen worden, teilte die Schweizer Justiz mit. Europäischen Funktionäre sind von der erneuten Polizeiaktion nicht betroffen. Im Zuge der Korruptionsermittlungen waren auf Bitten der USA am 27. Mai in Zürich bereits sieben FIFA-Funktionäre festgenommen worden, darunter der ehemalige Vizepräsident Jeffrey Webb, der mittlerweile aus der Schweiz an die USA ausgeliefert wurde.

dpa


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