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Bei Nolympia-Sprecher Florian Kasiske (M) und den Olympia-Gegner herrschte Freude.

Bei Nolympia-Sprecher Florian Kasiske (M) und den Olympia-Gegner herrschte Freude. © Daniel Reinhardt

Sportpolitik

Hamburger lehnen Olympia ab: Fiasko für den deutschen Sport

Die Hamburger lehnen Olympia ab. Im Referendum stimmt die Mehrheit sensationell gegen eine Bewerbung um Sommerspiele 2024. Nach München 2013 erlebt Deutschland die nächste Olympia-Pleite.

Hamburg. Die Medientermine nach der Abstimmungspleite kamen DOSB-Präsident Alfons Hörmann und Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz wie ein Spießrutenlauf vor.

Immer wieder mussten die Vorreiter der Hamburger Olympia-Bewerbung für die Spiele 2024 die Gründe der Niederlage erklären: 51,6 Prozent der Hamburger waren dagegen, nur 48,4 Prozent dafür. Dabei waren die Protagonisten selbst ratlos.

"Es fehlt uns für Sport-Deutschland wichtiger Rückenwind", sagte Hörmann geknickt und gestand: "Wir waren auf dieses Szenario bis zum heutigen Tag nicht vorbereitet." Scholz schaute Hörmann bedauernd an und meinte zerknirscht: "Wir wünschen dem deutschen Sport eine gute Zukunft."

Am nächsten Samstag will der DOSB bei seiner Mitgliederversammlung in Hannover den Scherbenhaufen zusammenkehren. Es werde eine intensive Diskussion, orakelte Hörmann. Thema: "Wie geht es ohne die Olympia-Bewerbung weiter." Nach der Wahlniederlage fühle er sich wie ein Athlet, der im Training alles unternommen habe, "aber es hat am Tag X nicht gereicht", konstatierte Hörmann demoralisiert. "Es scheint so, dass der olympische Gedanke und Deutschland im Moment nicht zusammenpassen."

Deutschland erlebte seine zweite olympische Pleite binnen zwei Jahren. 2013 hatten München und Umgebung in einer Volksbefragung gegen Winterspiele 2022 votiert. Nachdem die Ausrichtung des größten Sportspektakels hierzulande erneut durchgefallen ist, hat sich Deutschland damit vorerst ins Abseits katapultiert. Da hilft auch nicht, dass die Kieler mit großer Mehrheit (65,57 Prozent) für Segel-Wettbewerbe auf der Förde stimmten. "Das Ergebnis war sehr stark den Rahmenbedingungen geschuldet", meinte Hörmann.

Zuletzt hatte den Olympia-Planern nach anfänglicher Euphorie der Gegenwind kräftig ins Gesicht geblasen. Im Frühjahr wollten noch 64 Prozent Olympia an die Elbe holen. Doch die Begeisterung bröckelte zusehends. Flüchtlingskrise, Terroranschläge in Paris, abgesagtes Fußball-Länderspiel in Hannover, DFB-Affäre, FIFA-Skandal, flächendeckendes Doping in der russischen Leichtathletik - das alles sorgte für Nachdenklichkeit, Verunsicherung und Abkehr von sportlichen Idealen und Wünschen. Im März lag die Zustimmung der Hamburger noch bei 64 Prozent - entscheidendes Faustpfand im nationalen Zweikampf mit Berlin.

"Wir haben einen Stimmungswandel in der Stadt bemerkt", sagte Florian Kasiske aus dem jubelnden Lager der Initiative NOlympia. "Die Menschen sehen, dass es Sachen gibt, wo das Geld besser angelegt ist." Dirk Seifert, der Gründer der Initiative NOlympia und Internetblogger, meinte lakonisch: "Die Politik hat gefragt, das Volk hat entschieden."

Für Scholz ist die Absage ein unerwarteter Tiefschlag. Er hatte Olympia als wichtigstes Projekt des rot-grünen Senats ausgegeben. Die Stadtentwicklung sollte bis 2024 auf einen Stand gebracht werden, der normalerweise 20 bis 30 Jahre in Anspruch genommen hätte. Aus der Traum. "Das ist eine Entscheidung, die wir uns nicht gewünscht haben. Sie ist aber klar", sagte Scholz.

Die Frage Olympia ja oder nein hatte die Hamburger stärker mobilisiert als andere Themen. Runde 650 000 der 1,3 Millionen Wahlberechtigten gaben in dem vierwöchigen Verfahren ihre Stimme ab. Die Teilnahme am Referendum überstieg vergleichbare Volksbefragungen in der Hansestadt deutlich.

Größte Bedenken hatten in der Hansestadt zuletzt wegen der ungeklärten Finanzierung geherrscht. Der Bund sträubte sich selbst wenige Tage vor Referendumsschluss, den von Hamburg errechneten Anteil in Höhe von 6,2 Milliarden Euro zu übernehmen. "Es geht um viel Geld. Und da werden wir uns am Ende schon einigen", versuchte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) zu beruhigen. Das gelang ihm offensichtlich nicht. Insgesamt sollten die Spiele 11,2 Milliarden Euro kosten. Maximal 1,2 Milliarden hätte Hamburg übernommen. Als Erlöse wurden 3,8 Milliarden Euro erwartet.

Mit der Entscheidung gegen eine Bewerbung ist auch eine stärkere Förderung des Leistungssports in Deutschland durchgefallen. Der DOSB hatte auf eine Kehrtwende gehofft. Seit der Wiedervereinigung ist die Medaillen-Ausbeute der Athleten mit dem Bundesadler auf der Brust stetig geringer geworden.

Bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona gewannen die Deutschen 82 Medaillen, bei den Spielen 2012 in London ware es nur noch 44. Von neuen finanziellen und personellen Zuwendungen sollte auch der Breitensport profitieren. Zudem wollte der DOSB mit Olympia in Hamburg die Schieflage im Sport bekämpfen.

"Es geht darum, in der Zwei-Klassen-Gesellschaft zwischen dem erfolgreichen Profifußball und den anderen Sportarten ein annäherndes Gleichgewicht zu schaffen", sagte Hörmann. Der DFB will sich um die EM 2024 bewerben.

Im Wettstreit um Olympia müssen die Bewerber Paris, Los Angeles, Rom und Budapest - sie fragen ihre Einwohner allesamt nicht um Zustimmung - Hamburg nicht mehr fürchten. Das Konzept der kompakten Spiele in der Innenstadt mit dem Herz aus Olympiastadion, olympischem Dorf und Olympia-Halle auf einer Elbinsel hätte sich von anderen Konzepten deutlich unterschieden.

dpa


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