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Schräge Sache: Die sieben Meter breite und 333 Meter lange Bahn hat eine Kurvenerhöhung von mehr als 40 Grad

Schräge Sache: Die sieben Meter breite und 333 Meter lange Bahn hat eine Kurvenerhöhung von mehr als 40 Grad
© Petrow

Radsport

Tage der Holzrennbahn in Wülfel gezählt

Das Ende naht: Am Mittwoch um 18 Uhr sollen die letzten Radrennen auf der alten Holzbahn in Wülfel ausgetragen werden – wenn das Wetter mitspielt. „Lattenmann“ Jürgen Apel (80), der Mann, der das Oval mit seinem Einsatz am Leben hielt, hört auf. Deswegen hat auch die Bahn keine Zukunft mehr.

Hannover. Der eine jätet das Unkraut, der andere fegt das Grünzeug zusammen und schippt es auf eine Schubkarre. Ex-Fahrer Detlef Wachsmuth (66) und Radrennbahn-Vereinschef Richard Fischer (81) wischen sich den Schweiß von der Stirn. Ein weiterer alter Mann kümmert sich um die Holzlatten auf der Bahn. Es ist eine rührend-bittere Szenerie, die sich auf der Radrennbahn in Wülfel darbietet. Ein letztes Mal machen sie das Oval und seinen Innenraum hübsch. Am Mittwoch (ab 18 Uhr) sollen bei den Sommerbahnmeisterschaften die letzten Rennen der traditionsreichen Bahn-Geschichte stattfinden.

Ein letztes Mal checkt Jürgen Apel die Latten und dreht mit dem Akkuschrauber die letzte Schraube fest. Bald dreht sich hier nichts mehr. Apel hört auf, „endgültig“, versichert er und stützt mit der Hand seinen Rücken. „Es geht nicht mehr. Sollen das doch andere weiter machen.“ Nur: Es wird kein anderer machen.

Seit 1999 werkelt Apel an der Bahn herum und hält sie instand. Genauer: am Leben. Ohne seinen – wohlbemerkt unbezahlten – Einsatz, etwa 1200 Stunden im Jahr, wäre die 53 Jahre alte Holzbahn längst tot. Jetzt ist ihr Ende ganz nah. „Die Tage sind gezählt“, sagt Apel. Der Betrieb wird mit Ende der Saison eingestellt.

Das 333 Meter lange und einst für 1,5 Millionen Mark erbaute Oval ist am 16. Mai 1965 in Wülfel eingeweiht worden. Die Überlebensdauer der Holzbahn, damals eine der schnellsten der Welt, war auf maximal 25 Jahre ausgelegt. Ein Wunder, dass sie überhaupt noch steht. Verantwortlich für dieses Wunder: Jürgen Apel, Schatzmeister des Vereins Radrennbahn Hannover.

Weil es kein Dach für die Freiluftbahn gibt, ist die komplette Anlage von Feuchtigkeit durchzogen. Noch viele Latten sind so alt wie die Bahn selbst. Etwa 2,5 Kilometer Holzlatten legte Apel pro Jahr neu. Das geht in den Rücken und auf die Knie. Ein neues Gelenk hat er schon, Bandscheibenvorfall sowieso. Aufhören wollte er schon vor Jahren, doch dann bekam die Bahn plötzlich wieder Zuschläge für Großveranstaltungen wie die Derny-EM. Jetzt mit 80 steht Apels Entschluss fest „Ich habe es meiner Frau versprochen.“ Er werde ja schon ausgelacht, dass er sich das immer noch antut, erzählt Apel. „Ausgelacht von Leuten, die es selber aber auch nicht machen.“

Mittwochabend kommen sie noch mal alle zusammen, die alten Radsportkämpen und die jungen Fahrer, um den Abschied der Bahn zu feiern. Auf dem Programm stehen ein Vierer-Mannschaftszeitfahren und ein Dernyrennen.

Der Eintritt ist frei. Nur regnen darf es nicht. Ist die Bahn feucht, sind keine Rennen möglich. Bezeichnenderweise für die lange Leidenszeit der Bahn ist für Mittwoch schlechtes Wetter angesagt. Fällt der Rennabend aus, gibt es vielleicht in der Woche darauf noch einen Termin.

Für Apel, schon mit dem Bundesverdienstkreuz und der Niedersächsischen Sportmedaille plus Ehrennadel fürs Ehrenamt ausgezeichnet. heißt es dann, Abschied zu nehmen von seinem Baby, „mit gewisser Wehmut“, wie er zugibt. Was er mit seiner neuen Freizeit macht? Apel flachst: „Dann gehe ich halt jetzt meiner Frau auf den Geist.“

Bahn-Schicksal: Krisengipfel in zwei Wochen

Mehr als 20 deutsche Meisterschaften, 40 Sprint-Grand-Prix und viele weitere Veranstaltungen – die 53 Jahre alte Radrennbahn an der Wilkenburger Straße hat schon etliche Fahrer auf ihren Holzlatten getragen. Auch Olympiasieger und Weltmeister wie Sprintstar Daniel Morelon in den 70er-Jahren. Doch jetzt ist Schluss. „Auf der Bahn geht nichts mehr“, sagt Ex-Rennbahnvereins-Vorsitzender Reinhard Kramer (80). „Die Sicherheit der Fahrer ist nicht mehr gewährleistet.“

Und nun? Abriss? Neubau? Oder wird die Bahn einfach ihrem Schicksal überlassen? Sie gehört der Stadt Hannover, doch die ist nicht bereit, Millionenbeträge in eine Sanierung oder in einen teuren Neubau zu stecken. Auch vom Bund, vom Radsport-Verband oder vom Landessportbund gibt es kein nennenswertes Geld. Hannover ist kein Rad-Bundesstützpunkt. „Und wird es auch nicht werden“, sagt LSB-Vorstandschef Reinhard Rawe, der daher „keine Begründung“ sieht, zu investieren.

„Die Zukunft ist unklar“, sagt Stadtsprecher Udo Möller auf NP-Anfrage. Ein baldiger Abriss sei kein Thema. Möller betont, dass das Ende der Bahn noch nicht besiegelt sei. „Wir sind noch in Gesprächen.“

Am 19. September kommt es zum Krisengipfel mit den Vereinen, die die Bahn nutzen, dem Stadtsportbund, den Radsportverbänden sowie der Stadt. Wunsch und Plan der Vereine: eine neue, komplett überdachte 250-Meter-Bahn, mit Platz im Innenraum für andere Sportarten. Kostenpunkt: acht bis zehn Millionen Euro.

Fraglich, wer diese hohen Beträge aufbringen will. Dem Radsport und Hannover droht der Verlust einer wichtige Trainings- und Wettkampfstätte – für immer.

Von Simon Lange


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