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Olympia 2016
TURNEN

Andreas Toba ist der tragische Held von Olympia

Er ist der tragische Held von Rio: Andreas Toba, Turnass vom TK Hannover, riss sich bei der Bodenübung das rechte Kreuzband – und turnte dann am Pauschenpferd das deutsche Team ins Finale. Im NP-Interview spricht der 25-Jährige über seine Heldentat. Das gesamte Interview lesen Sie heute auch in der Printausgabe der Neuen Presse.

HANNOVER/RIO. Sie haben geweint, die Sportfans haben mit Ihnen gelitten – wie geht es Ihnen jetzt?

Ich bin erst mal glücklich, dass ich letzte Nacht mal vernünftig schlafen konnte. Davor waren es nur drei Stunden. Ich habe mir das Knie mal angeguckt. Die Schwellung lässt schon ein bisschen nach. Ich hoffe, dass es weiter so schnell geht. Es ist schon nervig langsam. Ich würde schon gern wieder normal gehen. Aber es geht halt nicht.

Wie gehts dem Kopf, dem Herzen?

Der Kopf ist ziemlich klar. Ich weiß, was passiert ist. Ich weiß, dass die Spiele für mich vorbei sind. Es ist das Herz, was immer noch blutet. Es war ein Traum von mir, hier dabei zu sein und zu zeigen, was ich kann. Damit muss ich jetzt abschließen. Aber wenn es einer durchstehen kann, dann bin ich es.

Sie waren in Top-Form, sind als zweifacher deutscher Meister angereist ...

Es ist immer so, wenn es bei mir richtig gut läuft, passiert was.

Das müssen Sie erklären.

2005 war ich als 14-Jähriger so gut in Schuss wie nie, Verletzung am Meniskus, OP, Jugend-WM weg. 2011 war ich auch in Top-Form, knickte mit beiden Füßen um, Bänder gerissen rechts und links. Und jetzt Rio. Bitter, dass der Zeitpunkt nun genau dieser war. Aber so hat die Sportart ein wenig mehr Aufmerksamkeit bekommen. Wenn es zwei Wochen vorher passiert wäre im Training, hätte es kein Schwein interessiert. Dabei quälen wir uns jeden Tag im Training. Aber das kriegt keiner mit.

Sie haben links eine Bandage getragen. Hat die Meniskusverletzung aus dem Winter eine Rolle gespielt, dass Sie das rechte Bein mehr belastet haben?

Nein. Es war einfach unglücklich. Vielleicht habe ich mein Knie zu früh lockergelassen. Und dann war es vorbei. Es kam erst ein stechender Schmerz. Nach 20 Sekunden ging es eigentlich. Ich dachte, vielleicht war es nur eine Blockierung und ich kann weiterturnen. Aber dann wurde der Schubladentest gemacht. Da wussten wir alle Bescheid. Das Kreuzband ist hin.

Dann haben Sie sich dazu entschlossen, trotzdem am Pferd zu turnen, um dem Team zum Finaleinzug zu verhelfen. Mit zwei Tagen Ab-stand – würden Sie wieder so handeln?

In so einer Situation, für diese Mannschaft, für mein Gewissen, für mein Land, würde ich es jederzeit nochmal so machen. Auch wenn ich mich frage, wie ich das überhaupt hingekriegt habe.

Haben Sie sich noch mal die Bilder vom Wettkampf angesehen?

Die Bodenlandung haben ich mir einmal angeguckt – und mir ist direkt schlecht geworden.

Wann gehts zurück nach Hannover?

Wahrscheinlich Ende der Woche. Vielleicht am Sonntag. Ich wäre gerne länger hiergeblieben. Aber so habe ich immerhin noch ein paar Tage hier, das alles zu verarbeiten. Ich hätte gerne auch meine Freundin hier unterstützt ...

Die Sportgymnastin Daniela Potapova. Die reist erst am Sonntag an ...

Genau, Ich hoffe, dass ich sie wenigstens kurz sehen kann.

Aber ein Trost-Telefonat gab es ja.

Ja, mit ihr, mit meinem Papa, der Mama, der Schwester, mit den Verwandten in Rumänien. Die haben mir alle Mut zugesprochen. Das hat gutgetan.

Was machen Sie denn jetzt den ganzen Tag?

Nicht viel. Ich darf ja nichts machen, Ich gehe noch nicht mal mehr essen. Die Jungs aus meinem Team bringen mir das Essen hoch. Ich soll mich so wenig wie möglich bewegen. Ich bin hier im 16. Stock, zum Physio unten im zweiten Stock gehts per Fahrstuhl. Immerhin habe ich jetzt Zeit, die Anteilnahmen auf Whats App, Facebook und Instagram in Ruhe zu beantworten.

Die Welt feiert Sie als „Hero de Janeiro“. Wie gehen Sie mit der Heldenrolle um?

Das, was ich geleistet habe, machen nicht viele Menschen. Es sind nicht alle so verrückt. Aber Heldentat? Jeder, der diese Sportart ausführt, ist für mich ein Held.

Ist jetzt Ihr Ziel Tokio 2020?

So weit kann ich noch gar nicht gucken. Nur von Tag zu Tag – und schauen, wie mein Knie verheilt, wie die OP verläuft und die Reha. Vielleicht kann ich Ende des Jahres wieder problemlos gehen und mit dem Training anfangen. Es ist nicht leicht, das alles wegzustecken, Ich bin eigentlich ein harter Hund und kann schnell mit Schmerzen umgehen, aber die Angst im Hinterkopf, dass so etwas nochmal passiert, ist natürlich da. Eins ist klar: Das Kapitel Turnen ist für mich noch nicht zu Ende geschrieben.


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