Navigation:
Hier spricht der Fachmann: Indians-Trainer Joe West beim NP-Redaktionsbesuch

Hier spricht der Fachmann: Indians-Trainer Joe West beim NP-Redaktionsbesuch© Decker

Indians-Trainer Joe West im NP-Interview

"Sind die Nummer eins in Hannover im Eishockey"

Ein halbes Jahr war Joe West in Kanada. Seit zwei Wochen ist der Erfolgstrainer der Hannover Indians wieder zurück. Beim NP-Redaktionsbesuch verriet der 46-Jährige, wie er einen Schwarzbären verjagte, was er mit den Indians noch vorhat und was er über die Hannover Scorpions denkt.

Joe West wieder in Hannover. Wie kam es dazu?

Ich habe die Indians immer verfolgt, auch in Kanada. Im Internet, auf dem Liveticker. Das ist nicht so schwer. Ich hatte immer Kontakt mit einigen Spielern. Irgendwann habe ich gemerkt, dass die sportliche Entwicklung bei den Indians nicht gestimmt hat. Aber, dass es so schnell in die Hose geht, hätte ich nicht gedacht. Denn normalerweise wird ein Trainer erst in der Pause während des Deutschland-Cups entlassen. Das war schon überraschend, dass die Entwicklung hier bei den Indians so schnell ging.

Kennen Sie sich denn in der zweiten Liga aus?

Ich habe die Eishockey-Saison in Deutschland verfolgt. Auch die zweite Liga. Ich weiß, was die Vereine für einen Kader haben, welche Spieler die Schlüsselspieler sind. Ich habe schon beim Abschiedsspiel von Jan Welke und Roman Kondelik gesagt, dass meine Zukunft im Eishockey in Deutschland sein kann. Aber ich habe nicht erwartet, dass sie bei den Indians ist. Ich war bereit in der Schweiz, Österreich,Dänemark und Deutschland zu arbeiten. Wenn was gekommen wäre, hätte ich gern wieder als Feuerwehrmann gearbeitet.

Sie sind ihrer Familie nach Kanada gefolgt. Jetzt der plötzliche Abschied.

Ich habe bei der ganzen Sache die Unterstützung meiner Familie. Die haben gesagt, mach das.Wenn sie es nicht gewollt hätten, wäre ich jetzt nicht hier. Meine Frau freut sich außerdem, dass wir wieder engeren Kontakt zu Hannover, den Schwiegereltern zu den Freunden haben. Außerdem besucht mich meine Familie anWeihnachten. Meine Frau war in den letzten drei Jahren immer hier, ist dann aber mit ihren Freundinnen Ski gefahren. Ich bin mit meinem Sohn Jason hier geblieben.

Können Sie sich vorstellen, dauerhaft hierzubleiben?

Ich mache keinen Schnellschuss. Wenn meine Arbeit hier gefragt ist, dann ist es möglich, dass ich länger bleibe. Wenn Dirk (Wroblewski, Indians-Geschäftsführer, d. Red.) im Januar sagt, dass er mit mir verlängern will, kann ich mir vorstellen, ein zwei Jahre in Hannover zu bleiben. Ich werde hier das testen.

Wie groß ist der Unterschied zwischen Oberliga und zweiter Liga?

Kein Problem. Doyle und Chamberlain sind gute Zweitligaspieler. Ich habe damals auch den Sprung von der Oberliga in die DEL geschafft, Warum sollen meine Spieler das nicht auch schaffen. Man darf nicht die Chemie innerhalb einer Mannschaft nicht vergessen.Die ist sehr wichtig. Das Zusammenspiel im Team. Meine Mannschaft aus dem letzten Jahr, dazu zwei Ausländer und wir hätten eine gute Rolle in dieser Saison gespielt. Da hat jeder hat für jeden gearbeitet. Die Chemie in der Mannschaft werde ich wieder herstellen. Wenn wir das wieder haben, ist das richtig geil. Ich sage den Spielern, was ich erwarte. Und dabei lüge ich nicht.Ich sage ihnen, wie ich sie einschätze. Ich werde jedem in der Mannschaft eine spezielle Rolle geben, damit jeder im Team ein Erfolgserlebnis hat. Von mir gibt dann ein ehrliches Lob.

Wo liegt das Problem aktuell bei den Indians?

Viele Spieler verstehen ihre Aufgabe auf dem Eis nicht, Sie wissen nicht, was sie zu tun haben. Ich habe versucht, dort anzusetzen, rede mit den Spielern. Außerdem müssen wir in der Defensive wieder stark werden. Wir haben die schlechteste Abwehr der Liga - das geht gar nicht. Egal in welcher Sportart - die Teams mit einer starken Abwehr sind immer erfolgreich. Das ist die Basis.Ich will wieder für Ordnung in der eigenen Zone sorgen. Wir müssen härter arbeiten, Schüsse abblocken, den Körper mehr einsetzen.

Reicht die Qualität des Kaders für die zweite Liga?

Die Qualität der einzelnen Spieler ist Mittelmaß für die zweite Liga. Platz drei bis zehn ist möglich. Für Platz drei muss aber alles perfekt laufen. Wir haben gute Einzelspieler. Und ich muss daraus jetzt eine Mannschaft formen. Das ist mein Ziel.

Bekommen die Indians ein Zuschauerproblem, wenn sie weiterhin verlieren?

Wir haben einen Zuschauerschnitt, der war letztes Jahr überragend. Auch in dieser Saison haben wir gut angefangen. Ich glaube das Zuschauerinteresse hängt bei uns weniger als bei anderen Vereinen vom Erfolg ab. Wir haben weniger Fans, die nur kommen, wenn wir erfolgreich sind.

Ist der Verein schon in der zweiten Liga angekommen?

Der Verein ist gereift, was hier in der Zwischenzeit geleistet wurde, ist der Wahnsinn. Wir sind gefragt, sind auf jeden Fall die Nummer eins hier in Hannover im Eishockey. Sportlich sind wir aber noch nicht in der zweiten Liga angekommen.

Wie beurteilen Sie die Scorpions?

Die Entwicklung der Scorpions hat mich schon sehr überrascht. Das Problem: Die Fans wollen diese multifunktionale Hallen nicht. Wenn die Scorpions in der Wedemark geblieben wäre, hätte sie zwar nicht diese Sponsoren.Aber zu jedemSpiel kämen 3500 bis 4000 Zuschauer. Und die Stimmung wäre gut. In der TUI-Arena kommen ja teilweise nicht mal 3000. Immerhin: Sie haben alles im Marketingbereich versucht.

Gibts in ein zwei Jahren noch immer die beiden Klubs in Hannover:Scorpions und Indians?

(überlegt) Die Indians auf jeden Fall. Den Rest kann ich nicht beurteilen. Ich wünschen den Scorpions nichts schlechtes .Aber ich war schon überrascht, dass sie letztes Jahr, als sie tolles Eishockey gespielt haben, nur 3500 Zuschauer in den Play-offs hatten.

Welche Gründe sehen sie dafür?

Die Karten sind teurer geworden, es gab keine ermäßigten Karten. Das alles spielt eine Rolle.

Wo wohnen Sie?

In Kleefeld.Da habe ich auch vorher schon gewohnt. Ich mag es dort sehr. Die Nähe zur Eishalle. Mit dem rad bin ich schnell da.

Sie haben die Wohnung von Craig Streu übernommen?

Ja, deshalb habe ich jetzt auch zwei Schlafzimmer.

Was machen Sie, wenn Sie sich mal entspannen wollen?

Golfspielen, Fitness, Sauna

Welches Handicap?

2. Ich spiele seit 30 Jahren Golf. Am liebsten in Burgwedel.Das ist ein schöner Platz, dort sind nette Leute. Aber der beste Platz ist absolut in Gleidingen. Das ist der anspruchsvollste Platz. Ein geiler Platz.

Wie entspannen Sie beim Golfen?

Ich kann dabei überlegen, was mache ich beim nächsten Spiel. Wie stelle ich die Reihen auf, was muss ich noch machen.Das ist auch ein Teil meiner Vorbereitungszeit. Dort kann ich sehr gut nachdenken. Als Trainer denke ich 24 Stunden an Eishockey.

Wie wars in Kanada?

Ich habe viel NHL geschaut und Einheiten in einer Eishockeyschule betreut. Gearbeitet habe ich im Wald. Ich war in der Qualitätskontrolle. Wir musste 700 000 Bäume pflanzen. Ich habe 30 Leute einmal am Tag kontrolliert, habe geschaut, dass die Bäume gerade wachsen. Dafür gabs ein sehr gutes Gehalt: 300 Dollar pro Tag. Aber dafür musste ich auch täglich 20 Kilometer durch den Wald rennen. Gut für die Figur, man verliert dabei man schon ein paar Kilo.

Warum hat es mit dem Trainerjob nicht geklappt?

Ich habe den Trainerjob in Kanada beim U-20-Team nicht bekommen. Da waren drei, vier Leute, die wollten den Job. Ich war 17 Jahre in Deutschland und die Leute in Kanada wissen nicht, was hier gespielt wird. Ich habe denen gesagt, dass meine Mannschaft ihr Team 20:0 weghauen würden.Die haben nur gestaunt und gesagt:Was? Eine deutsche Mannschaft ist so gut?

In Kanada haben Sie ein Haus

Ein Haus am See. Nächstes Jahr kaufen wir ein Boot. Und dort gibts auch Bären. Das war sehr interessant. Ich habe im Bett gelegen, das Fenster geöffnet und etwas gehört. Da war klar:Das ist kein Reh. Das ist auf jeden Fall ein Bär! Ich habe das meiner Frau gesagt, doch die hat weitergeschlafen. Ich bin dann zur Terrassentür gegangen und habe geschaut. Der Bär wollte in unseren Kompost. Der war schon groß, wog so ungefähr 120 Kilogramm. Ich habe ein bisschen geschrien, wollte ihn ablenken. Doch der Bär hat nicht zugehört. Dann habe ich einen Holzscheid genommen und den Bären am Kopf getroffen. der hat sich dann umgedreht, den Kopf geschüttelt und mich angeschaut. Dann hat er entscheiden, über den Zaun wieder zu klettern und wegzugehen.

Wie sehr fehlt Ihnen die Familie?

Das ist das große Manko, was ich sehe. Mein Sohn ist zwölf Jahre und braucht seinen Vater. In Kanada waren wir viel in der Natur. Er ist im Mountainbike-Verein, im Langlauf-Klub. Und sehr gut in der Schule, er mag die Schule. Das System dort ist gut. Wir sind im Vergleich mit den skandinavischen Ländern ganz oben. Hier in Deutschland ist das Schulsystem etwas komisch. Wenn ich mir vorstelle, ein Kind muss mit zehn Jahren entscheiden, zu welcher Schule es geht. Das funktioniert doch nicht.

Bevor Sie nach Kanada gegangen sind, hatten Sie häufiger Konflikte mit den Schiedsrichtern. Das scheint sich auch nach Ihrer Rückkehr fortzusetzen.

Gegen Kaufbeuren wars das beste Beispiel. Wir haben 4:0 geführt, dann gabs neun Strafzeiten am Stück für uns. Das habe ich noch nie erlebt. Ich kenne die NHL, die beste Liga der Welt. Da gibt es so etwas nicht. Da bekommt kein Team so viele Strafen am Stück.

Wollten die Schiedsrichter Ihnen gleich mal wieder zeigen, wo es lang geht?

Ich habe zur ESBG (Eishockeybetriebsgesellschaft, d. Red.) einen Brief geschrieben und dargestellt, wie ich die Situation sehe. Eine Antwort habe ich nie bekommen. Ich fühle mich verarscht. Stattdessen gabs von denen für jeden Schiedsrichter in Deutschland einen Brief über mich. Wenn ich cholerisch hinter der Bande bin, helfe ich der Mannschaft nicht. Der Schiri wird nie seine Meinung ändern. Das geht nicht in meinem Kopf. Das ist nicht fair. Ich bekomme Spieldauerstrafen für meine Fehler. Für die Schiris gibts keine Konsequenzen, wenn sie falsch pfeifen. Die sind alle zu schnell beleidigt. Ich bin Eishockey-Fachmann.

Aber den wilden Joe West wird es nicht mehr geben.

Ich glaube nicht. Damit habe ich keinen Erfolg gehabt. Ich schütze meine Spieler.Deshalb lieben sie mich.

Mit den Vereinen aus dem Süden haben Sie auch so Ihre Probleme?

(lacht) Ich komme mit Leuten aus Bayern nicht gut klar. Die hassen mich für meine Vergangenheit.Ich habe gegen Freiburg tausend Tore geschossen. Gegen Garmisch das gleiche.

Welche Ziele haben Sie mit der Mannschaft?

Wir haben die meisten Gegentore der Liga. Das muss sich ändern.In einem oder zwei Monaten müssen die Gegner wieder Angst haben wenn sie zu uns kommen.Wir müssen wieder defensiv stark und körperlich hart spielen. Denn das mag kein Gegner. Wir haben kein bestimmtes System, keine Laufwege wie im Fußball.Wir müssen einfach hinten gut stehen. Die Defensive ist wichtig.

Dabei spielt auch der Torwart eine wichtige Rolle. Zuletzt gabs auf dieser Position reichlich Rotation.

Ich werde mir das anschauen und nach zwölf Spielen entscheiden. Beide können gut spielen. Ich erwarte ein solides Auftreten.

Wie wichtig sind Führungsspieler?

Die braucht jede Mannschaft. Das sind aber nicht immer die spielerisch besten Spieler. Ich schaue dabei vor allem auf den Charakter. Ich meine Bagu, Hemmes, Staltmayr und Doyle. Einige von den neuen Spielern sind hingegen noch nicht in Hannover angekommen. Das ist eine Baustelle, die ich bearbeiten muss.

Um dann irgendwann auch in der DEL zu landen?

Ich kann mir das vorstellen. In drei, vier Jahren ist das auf jeden Fall ein Thema.

Wie ist das Verhältnis zu den Scorpions. Immerhin waren Sie in der Saison 1997/98 mit 31 Treffern mal Torschützenkönig für diesen Verein.

Ich habe keines.Auch nicht zu Marco Stichnoth (Scorpions-Geschäftsführer, d. Red.). Er hat mich vergessen. Auch mit Trainer Hans Zach habe ich nichts zu tun. Er kann sehr gut mit deutschen Spielern arbeiten. Aber nicht mit den Ausländern. Mit denen redet er fast gar nicht.

Ihr Ziel als Trainer?

 Ich würde als DEL-Trainer arbeiten. Gerne auch in Kanada bei einem Profi-Verein. Ich bin aber auch hier sehr zufrieden, wenn ich zwei, drei Jahre gut in der zweiten Liga arbeite. In Deutschland komme sowieso ich gut zurecht, Ich bin seit 17, 18 Jahren hier, habe den A-Trainerschein, sehr gute Kontakte und mir ein gutes Netzwerk aufgebaut. Ich gehöre zu einer neuen Generation von Trainern. Ich bin kein Diktator. Ich bin eher der Kumpeltyp


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Vergleiche alle Wettquoten für Spiele von Hannover 96 bei SmartBets.