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SEIN ALTES UND SEIN NEUES LEBEN: Toni Krinner als DEL-Coach auf derBank der Hannover Scorpions im Jahre2012 (großes Foto). Und Krinner heuteals Trainer des ZweitligistenRavensburg Towerstars (Foto oben).

SEIN ALTES LEBEN: Toni Krinner als DEL-Coach auf der Bank der Hannover Scorpions im Jahre 2012.© Ulrich zur Nieden

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NP Interview

Ex-Coach Toni Krinner: „Es gibt keine Schmerzgrenze“

Im Juni vergangenen Jahres erfährt der Eishockey-Trainer Toni Krinner, dass er Krebs hat. Die Ärzte geben ihm noch zwei Jahre zu leben. Doch Krinner, der von 2010 bis 2012 die Hannover Scorpions in der DEL trainierte, kämpft für sich und seine Familie. Anderthalb Jahre später darf der 49-Jährige wieder auf ein längeres Leben hoffen. Der NP gab Krinner ein Interview, das Mut macht.

Hannover. Hallo Herr Krinner, wie geht es Ihnen heute?

Ich bin froh, dass ich noch da bin (lacht). Es geht mir sehr, sehr gut. Es ist im Moment der beste Zustand, seitdem ich krank geworden bin. Meine Ärzte haben alles top im Griff. Meine Lebenserwartung ist jetzt weitaus höher, als die erste Prognose vor eineinhalb Jahren war.

Am 16. Juni 2015 haben Sie die Schockdiagnose erhalten.

Da wurde Lymphdrüsenkrebs festgestellt - und der hatte auch schon gestreut. Das ist natürlich niederschmetternd. Meine kleinste Tochter wird jetzt im Januar drei, damals war sie eineinhalb. Das ist dann schon heftig. Meine großen Kinder, meine Frau - für alle war das ein Schock. Da sagst du dir: Das kann es nicht sein! Und wenn du ein Kämpfer bist, dann nimmst du dich zusammen und marschierst. Es gibt nur nach vorne, es gibt kein Lamentieren. Es gibt keine Schmerzgrenze - so groß kann der Schmerz gar nicht sein. Da muss du durch, fertig!

Sie sind dann sofort in die Chemotherapie rein ...

Es war ja schon eine Minute nach zwölf, da wurde gar nicht mehr lange diskutiert. Das war die einzige Möglichkeit noch zu retten, was noch zu retten ist. Dass man zu diesem Zeitpunkt wenigstens noch die zwei Jahre hat.

Sie haben am Anfang fast 16 Stunden täglich geschlafen und innerhalb von drei Wochen 16 Kilo abgenommen ...

Das ist der Prozess, das ist der Weg - ich habe das angenommen. Als ehemaliger Leistungssportler, der immer auf seinen Körper geschaut hat, der immer topfit war, für den kein Hindernis zu groß war, ist das natürlich schon ein trauriger Zustand, wenn du dann körperlich ein Wrack bist. Aber das gehört dazu, damit du am Ende des Tunnels wieder im Licht stehst. Der Wille muss höher sein als der Widerstand.

Haben Sie sich auch mal die Frage gestellt „Warum ich?“.

Ich habe mir diese Frage kein einziges Mal so intensiv gestellt, dass ich darüber nachgedacht habe. Alles, was ich nicht beeinflussen kann oder was hinter mir lag, habe ich nicht an mich herangelassen. Weil ich meine ganze Energie für die Therapie gebraucht habe. Ich musste dafür sorgen, mit meinen Ärzten und dem lieben Gott da oben, dass ich das so hinkriege, dass ich lebe. Das war meine Motivation.

Sie haben damals gesagt: Macht alles, dass ich mehr als diese zwei Jahre habe. Ihr könnt in mich so starkes Zeugs reinhauen, wie ihr wollt ...

Das haben sie auch ge-macht. Der Arzt hat gesagt: Herr Krinner, das ist ein Elefantencocktail. Schaun wir mal, wie sie den wegstecken. Normalerweise schmeißen schon welche das weiße Handtuch in den Ring bei drei Chemos, ich habe sechs gekriegt. Ich finde es halt pervers, wenn Eltern ihr Kind zu Grabe tragen müssen. Das wollte ich alles nicht, dagegen habe ich mich gewehrt. Es war einfach höchste Motivation für mich, alles über mich ergehen zu lassen, jeden Schmerz auszuhalten, einen unbändigen Willen zu zeigen, um einfach, ja, zu leben.

Aber keiner weiß ja, ob die Chemo anschlägt.

Es gab ein Mittel in der Chemo, das war sehr, sehr gut. Und wenn das anschlägt, dann ist man nicht einen, sondern drei Schritte weiter. Nach sieben Tagen musst du dabei ausschauen wie ein spät pubertierender Teenie, mit Akne, eigentlich ganz fürchterlich. Und bei mir war am siebten Tag noch nichts. Da habe ich gedacht: Scheiße, alles kommt zusammen. Aber am achten Tag in der Früh habe ich ausgeschaut wie ein Streuselkuchen. Da kann man dann schon froh sein.

Sie wollten anfangs Ihre Krankheit mit sich selbst ausmachen, haben sich drei Wochen lang auf Ihre Jagdhütte zurückgezogen ...

In dem Sommer war es sehr, sehr heiß bei uns. Da bist du schon als Gesunder nicht zum Schlafen gekommen. Ich bin dann in unser Jagdhaus in den Bergen, da ist es kühler. Und da ist einfach auch absolute Ruhe. Ich musste erst mal meinen Körper kennenlernen, wie er mit der ganzen Situation umgeht. Was kann ich ihm zumuten, wann muss ich ihn schonen, was kann ich essen? Das wollte ich einfach mit mir selbst ausmachen. Meine Frau kam jeden Tag, hat mich versorgt und ist dann wieder gegangen. Die hat ja auch ein Riesenprogramm zu Hause gehabt. Da war halt in den ersten drei Wochen so, um mit mir und der Krankheit ins Reine zu kommen.

Wusste Ihre Frau, wie schlimm Ihre erste Diagnose war?

Ja, das wusste sie. Natürlich habe ich nicht alles im Detail erzählt, damit machst du nur alle verrückt. Aber sie wusste von der Diagnose, sie wusste von der Gefahr - sie hat das mit Bravour gelebt und gemeistert. Sie war und sie ist auch heute noch eine ganz große Bereicherung für mich.

Sie haben in dieser schweren Zeit ja nicht nur an sich gedacht, sondern an Ihre gesamte Familie. Ihr Vater hatte auch noch einen schweren Jagdunfall, und Sie haben sich mit um seine Firma gekümmert.

Die letzten eineinhalb Jah- re waren im Familienbereich schon heftig. Natürlich macht man sich Gedanken für den schlimmsten Fall. Ich habe da schon das eine oder andere in die Wege geleitet, damit meine Frau mit den Kindern wirtschaftlich problemlos weiterleben kann. Da habe ich ja auch eine Verantwortung. Und in diesem Jahr im Sommer ist mein Vater aus fünf Metern vom Hochstand gefallen und hat sich das Bein gebrochen, sämtliche Bänder abgerissen. Jetzt wächst da Gewebe sehr, sehr schlecht zusammen, weil er Diabetiker ist. Das war im Juli. Er geht heute noch an Krücken und kann nicht am Alltagsgeschäft teilnehmen. Da habe ich im jagdlichen Betrieb eben unterstützend mitgewirkt. Das ist ganz normal bei uns. Da hält man zusammen.

Sie galten ja eher als streitlustiger Trainer. Sehen Sie jetzt alles gelassener, auch Ihre merkwürdige Trennung von den Hannover Scor-pions vor vier Jahren?

Das war für mich schon nach einem Jahr ein alter Hut. Das interessiert mich heute gar nicht mehr. Die Gelassenheit kommt da schon in manchen Situationen, das heißt aber nicht, dass der Ehrgeiz und der Stolz schwinden. Die sind nach wie vor groß und ausgeprägt, aber man lässt eine Niederlage oder irgendwas anderes in diesem Bereich nicht mehr so an sich ran, dass man es ein paar Tage mitschleppt. Das prallt ab und fertig. Es gibt weitaus schlimmere und wichtigere Geschichten als ein Eishockeyspiel.

Sie sind aber immer noch Eishockeytrainer mit Leib und Seele, trainieren auch trotz Ihrer Krankheit immer wieder einen Verein, zurzeit den Zweitligisten Ravensburg Towerstars.

Das ist zusammen mit meiner Familie mein Leben, ich habe seit meinem vierten Lebensjahr nichts anderes gemacht. Als Spieler, als Trainer. Das gehört zu mir. Und darum ist es für mich so wichtig, dass ich jetzt arbeite, weil es mir sehr, sehr gut geht. Ich bin belastbar, und es macht mir Spaß - das ist das Entscheidende. Wenn es gefährlich wäre, würde ich es nicht machen. Denn das Vatersein und das Mann- sein für meine Frau stehen dann doch über allem.

Die schlimme Diagnose vor anderthalb Jahren - hätten Sie gedacht, dass es Ihnen heute so geht?

Es wäre überheblich und arrogant, wenn ich sagen würde: ja. Ich kann nur sagen, dass ich alles darangesetzt habe, dass mich diese Krankheit nicht holt. Ich habe einen großen Respekt vor dieser Krankheit. Und es wäre respektlos, wenn ich sagen würde: Keine Sorge, ich bin bald wieder voll da. Das kannst du mit so einer Krankheit nicht sagen.

Welche Therapie machen Sie jetzt?

Normalerweise reichen meine Medikamente und alle drei, vier Wochen eine Blutkontrolle. Aber ich will halt sicher sein - und deshalb lasse ich spätestens alle zwei Wochen ein Blutbild machen, ich will nichts verschleppen und übersehen. Wenn ich früher zum Arzt gegangen wäre, wäre mein Befund wahrscheinlich nicht so heftig gewesen.

Sie sind jetzt Glatzenträger - aber nicht aufgrund der Chemotherapie.

Bei der Chemo letztes Jahr habe ich die Haare nicht verloren. Jetzt im Sommer hatten wir einen Medikamentenwechsel, und da fingen sie an, stärker als normal auszufallen. Und dann habe ich mit meiner Frau gesprochen und gesagt: Runter damit, fertig! Ich habe damit kein Problem, weil sich mein Haupthaar auch schon teilweise verabschiedet hat. Meine kleinste Tochter klatscht jetzt immer auf meinen Kopf und sagt: Papi, Haare wachsen lassen! Aber auf diese paar Dinger kommt es jetzt auch nicht mehr an.

Wenn Sie jetzt zum Arzt gehen, was für eine Prognose bekommen Sie dann?

Wir haben das alles im Griff. Meine Ärztin hat mir gesagt: Die Wahrscheinlichkeit, dass mich ein Dachziegel erschlägt, ist höher, als dass mich die Krankheit dahinrafft. Das ist schon mal eine Top-Aussage, aber: Du darfst nicht glauben, du bist geheilt. Ein Krebspatient wird immer Krebspatient bleiben. Im Moment habe ich eine Top-Lebensqualität, natürlich habe ich durch die Chemo schon ein paar Körner gelassen. Ich kann im Moment nicht mit dem Mountainbike irgendwelche Bergtouren machen. Aber nicht wegen der Krankheit, sondern weil mein Fitnesszustand einfach scheiße ist (lacht). Ich müsste richtig trainieren - und ich darf auch trainieren. Ich darf alles machen, alles!

Der Kampf hat sich für Sie also gelohnt ...

Ich habe im Krankenhaus auch Leute gesehen, die aufgegeben haben. Ich habe versucht, denen den Kampf zu vermitteln. Ich habe gesagt: Mensch, du bist 55 Jahre alt, kämpfe, du hast noch die Chance, viele schöne Jahre zu leben. Auch mit der Krankheit kannst du eine schöne Zeit haben. Es lohnt sich!


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