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ES GEHT IHM WIEDER GUT: Danny Reiss hat sichvon seiner schwerenKopfverletzungerholt und kanndas Leben wiedergenießen.Foto: Petrow

ES GEHT IHM WIEDER GUT: Danny Reiss hat sich von seiner schweren Kopfverletzung erholt und kann das Leben wieder genießen.© Florian Petrow

Eishockey

Danny Reiss: „Ich bin durch die Hölle gegangen“

Eine Gehirnerschütterung setzte Danny Reiss (33), der für Indians und Scorpions Eishockey spielte, außer Gefecht. Im Interview mit der NP erzählt der Hannoveraner seine Leidensgeschichte.

Hannover. Danny Reiss, Sie haben vergangene Saison nicht ein Spiel für die Indians gemacht. Was ist passiert?

Es war der letzte Vorbereitungstag Ende September. Wir haben sehr hart trainiert. Zwei Spieler sind schon vor mir verletzt vom Eis. Ich dachte: Pass ein bisschen auf. Bei der letzten Zweikampf-Übung in der Ecke ist mir ein Mitspieler in den Rücken gefallen. Ich bin mit dem Kopf zuerst in die Bande reingeflogen und war zwei, drei Sekunden weg. Dann bin ich vom Eis, duschen, nach Hause. Ich wollte nur noch schlafen. Am nächsten Morgen um 5 Uhr bin ich dann ins Friederikenstift. Diagnose: heftige Gehirnerschütterung.

Nicht Ihre erste ...

Nein. In meiner Karriere hatte ich elf, zwölf. Aber das war die dritte in eineinhalb Jahren. Nach vier Wochen war keine Besserung in Sicht, obwohl ich bei mehreren Chiropraktikern, Ärzten und Physiotherapeuten war.

Was waren die Symptome?

Ich hatte Schwindel, oft Kopfschmerzen, ich war nicht mehr belastbar, immer müde. Meine Selbstständigkeit als Immobilienverwalter und -makler hätte ich fast verloren, nach zehn Minuten konnte ich nicht mehr vorm PC sitzen, konnte nicht länger als zehn Minuten mit meinem Sohn spielen, geschweige denn mit meiner Frau (lacht). Nach sieben Wochen bin ich zum Training. Ich stand 16 Minuten auf dem Eis, dann bin ich in die Kabine gegangen und habe alles vollgekotzt. Jede Verletzung, die ich hatte, war nichts im Vergleich zu dem. Man konnte diesen Schmerz nicht ausblenden. Der Kopf hatte die Übermacht. Er hat gesagt: Es geht nicht.

Wer und was hat geholfen?

Physiotherapeut Dave Dale. Und Doktor Hoch aus dem Friederikenstift, der mich Ende November für fünf Wochen in die Bergedorfer Klinik nach Hamburg geschickt hat. Ich war zunächst strikt dagegen. Ich konnte mir ja immer selber helfen bis dahin. Aber keiner konnte mir mein Leiden nehmen. Also bin ich hin. Nach der dritten Woche ging es bergauf. Zum Glück hatte ich keine Gehirnschäden. Ich habe Feldenkreistherapie und Qigong gemacht. Ansonsten viele Koordina-tions- und Gedächtnisübungen. Und Reaktionstests. Ich hatte Reaktionen wie ein 80-Jähriger.

Waren Sie nochmal auf dem Eis?

Ich habe es probiert. Aber die schnellen Bewegungen gehen einfach nicht mehr. Ich könnte es vielleicht, aber die Gefahr ist zu groß, dass nochmal was passiert. Deswegen werde ich aufhören.

Gab es denn Druck von außen auf ein Comeback?

Viele haben gehofft und darauf gepocht, dass ich zurückkomme, Gesellschafter, Fans, Teamkollegen. Der Verteidiger Danny Reiss hat gefehlt. Ich habe gesagt: Leute, ich gehe nicht aufs Eis, es ist mein Körper, mein Kopf, nicht eurer.

Wie sind Sie mit dieser Situation fertiggeworden?

Ich will nie wieder das Gefühl erleben. Ich bin durch die Hölle gegangen. Ich war auch sehr depressiv, wusste nicht weiter. Ich war kurz davor, alles zu verlieren.

Gab es Suizid-Gedanken?

Klar macht man sich Gedanken. Aber ich bin keiner, der den Kopf in den Sand steckt.

Wie geht es Ihnen heute?

Ich bin nicht mehr so belastbar wie früher. Aber es geht mir wieder gut. Ich bin über den Berg. Das ist die Hauptsache. Mit der Familie ist wieder alles gut. Ich bin heilfroh, dass ich wieder Entscheidungen treffen kann. Es hat noch Auswirkungen, aber ich lebe damit, schaue und gehe Tag für Tag. Woche für Woche.

Wollen Sie dem Sport verbunden bleiben?

Ich fokussiere mich auf meine Selbstständigkeit. Und wenn die Zeit reif ist, werde ich definitiv, ob im Eishockey, Handball, Fußball, hinter den Kulissen weiteragieren. Management. Sportdirektor, Sponsoring. Ich bin ja gelernter Gesundheitskaufmann. Mein Onkel Dieter hat mich gefragt, ob ich Co-Trainer in der Wedemark werde. Ich sagte: Ich helfe dir gern, aber bevor ich Co-Trainer werde, setze ich mich lieber auf die Zamboni und mache das Eis.

Was raten Sie jüngeren Spielern?

Gehirnerschütterungen auch in kleinem Maße nicht zu unterschätzen. Eine Pause ist angebracht. Und man sollte Hilfe suchen, nicht den Weg alleine gehen.

von Simon Lange und Jonas Szemkus


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