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Gegen Portugal sind die deutschen U21-Spieler böse unter die Räder gekommen.

Gegen Portugal sind die deutschen U21-Spieler böse unter die Räder gekommen. © Peter Powell

Fußball

Debatte nach dem Debakel: DFB-Nachwuchs in der Kritik

Nach dem historischen EM-Debakel gegen Portugal konnte auch Erfolgstrainer Horst Hrubesch die Debatte um die nächste deutsche Fußballer-Generation nicht aufhalten.

Olmütz. Ein Kopfproblem bei der 0:5-Halbfinalpleite, mangelnde Hierarchien im Team - Hrubesch verabschiedete sich und seine zuvor hochgelobte U21 mit reichlich Selbstkritik in den Urlaub. "Jeder muss sich nach dieser Enttäuschung überprüfen - deprimierend", meinte auch DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, der die höchste Pflichtspiel-Niederlage einer deutschen U21 als Augenzeuge im Stadion von Olmütz miterlebt hatte.

Ein Jahr nach dem WM-Triumph von Rio bewies die Demütigung gegen die in Technik und Effizienz überlegenen Portugiesen, dass es den Nachfolgern von Joachim Löws Weltmeistern noch an der Titelreife fehlt. "Normalerweise hat das mit dem Fußballspielen nichts zu tun, es hat nur was mit dem Kopf zu tun", sagte Hrubesch beim Kehraus im Teamhotel. Von einer Stunde Null wollte Hrubesch dennoch nichts wissen. "Wir fangen nicht bei null an", stellte der 64-Jährige klar.

Die sanfte Kritik von Bundestrainer Löw an mangelnden Alternativen aus dem Nachwuchs für die Problempositionen der A-Mannschaft aber hatte auch Hrubesch vernommen. Bei Außenverteidigern und Stürmern sehe er "derzeit keinen Spieler, der so gut ist, dass ich ihn sofort zu uns holen müsste", sagte Löw der "Welt am Sonntag" und zeigte sich mit der Entwicklung im Nachwuchs "nicht gänzlich" zufrieden.

Der Druck auf die mit reichlich Talenten gespickte U21 war angesichts der Olympia-Qualifikation bei dieser Endrunde groß, auch ob der massiven Medienpräsenz. Standards setzte der Kader mit einem Triple-Sieger Marc André ter Stegen, den DFB-Pokal-Siegern Maximilian Arnold und Robin Knoche oder Weltmeister Matthias Ginter selbst - und mit dem Einzug ins Halbfinale und der ersten Olympia-Qualifikation einer deutschen Mannschaft seit 1988 wurde ein Kernziel erreicht.

Doch beim nächsten Schritt holte sich die Generation 2015 eine blutige Nase. Den Maßstab der EM-Sieger von 2009 mit den späteren Weltmeistern Manuel Neuer, Mesut Özil, Jerome Boateng, Sami Khedira, Benedikt Höwedes und Mats Hummels konnte das aktuelle Team nicht halten. "Diese klare Hierarchie, die wir 2009 hatten, haben wir diesmal nicht. Das ist vielleicht das einzige Manko, dass sie viel mehr viel klarer miteinander reden müssten", sagte Hrubesch.

Seine Jungs zeigten sich durchaus einsichtig. "Vielleicht habe ich vor dem Spiel gedacht, ich bin der Größte", sagte Emre Can vom FC Liverpool. Ginter hatte indirekt Kritik an einigen seinen Mannschaftskollegen geübt. "Da müssen sich nicht alle, aber ein paar schon Gedanken machen, ob sie für ein Halbfinale professionell alles so gemacht haben, wie es sein sollte", sagte der Innenverteidiger.

Diese Aussage löste Rätselraten aus. Can erklärte, dass er mit ein paar Kollegen vor dem Halbfinale Pizza gegessen und Fotos davon gepostet habe. "Das hat auch nichts mit einer Pizza zu tun. Ich weiß nicht, was Matze meint", sagte Can. Kevin Volland war zwar erzürnt über eine "Arbeitsverweigerung von der ersten bis zur 90. Minute", Unprofessionalität wies er aber zurück. "Ich weiß von jedem einzelnen, dass er sich hundertprozentig auf die Partie vorbereitet hat", sagte der Kapitän.

Hrubesch stellte Ginter zur Rede, der dann zurückruderte. "Matze hat gesagt, dass er es aus der Enttäuschung heraus gesagt hat. Da ist nichts vorgefallen. Wenn ja, wäre ich der erste gewesen, der es erfahren hätte."

Bernardo Silva (25. Minute), Ricardo (33.), Ivan Cavaleiro (45.+1), João Mário (46.) und Ricardo Horta (71.) blamierten das DFB-Team vor 9876 Zuschauern. Der zur Pause eingewechselte Leonardo Bittencourt sah dann auch noch die Gelb-Rote Karte (75.).

"20, 30 Mal" habe er sich in den Stunden danach hinterfragt, gestand Hrubesch. Grundsätzlich aber liege der DFB mit seiner Nachwuchsarbeit auf Kurs. "Wir sind überall dabei", sagte Hrubesch mit Blick auf die Erfolge im U-Bereich (U17 EM-Finale, U20-WM Viertelfinale). "Wir sollten aber nicht so vermessen sein, dass wir alle Turniere gewinnen. Ich bin 64 Jahre alt und habe genug Klatschen gekriegt. Diese ist nachhaltig, daraus lernst Du."

dpa


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