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Reinhard Grindel (l), Reinhard Rauball (M) und Rainer Koch traten in Frankfurt am Main vor die Presse.

Reinhard Grindel (l), Reinhard Rauball (M) und Rainer Koch traten in Frankfurt am Main vor die Presse. © Arne Dedert

Fußball

DFB-Präsidium: Wahl erst nach Aufklärung der WM-Affäre

Die Kür eines neuen DFB-Präsidenten ist zunächst auf Eis gelegt. Im Vordergrund soll erst einmal die Aufarbeitung der WM-Affäre stehen. Zumindest öffentlich demonstrieren die DFB-Granden nach tagelangen Verbal-Scharmützeln wieder Einigkeit.

Frankfurt/Main. Dem Deutschen Fußball-Bund bleibt eine drohende Zerreißprobe vorerst erspart.

Bei einer viereinhalbstündigen Sondersitzung hat sich das Präsidium des durch die WM-Affäre schwer angeschlagenen Verbandes auf eine gemeinsame Linie verständigt und die Dissonanzen zwischen Profis und Amateuren - zumindest öffentlich - beigelegt. "Wir sind zu der gemeinsamen Auffassung gelangt, dass die Aufarbeitung der Vorgänge rund um die WM 2006 Vorrang hat", erklärte Liga-Boss und DFB-Interimspräsident Reinhard Rauball nach dem Spitzentreffen am Freitag in Frankfurt.

Die Suche nach einem Nachfolger für den zurückgetretenen DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach wird erst einmal auf Eis gelegt. Es gibt derzeit weder einen Terminplan für einen außerordentlichen Wahl-Bundestag noch für eine dringend gebotene Strukturreform. "Wir sind uns einig, dass es nicht um einen Kopf, sondern die Aufarbeitung einer sehr bedrückenden Affäre geht", betonte Schatzmeister und Präsidentschaftskandidat Reinhard Grindel.

Deshalb will Rauball auch schnellstmöglich das Gespräch mit Franz Beckenbauer suchen, der mit Vorwürfen in Richtung DFB-Spitze nach Wochen sein Schweigen gebrochen hat. Im Gespräch mit der "Süddeutschen Zeitung" (Wochenendausgabe/Samstag) beklagte der "Kaiser", dass die DFB-Interimspräsidenten Rauball und Rainer Koch ein von ihm in einem "persönlich-strikt vertraulichen" Brief angebotenes persönliches Gespräch über die Vorwürfe in Zusammenhang mit der WM-Vergabe abgelehnt hätten. "Was ist denn das für ein Niveau?", fragte der 70-Jährige.

Er wolle "bei diesem Gespräch nach bestem Wissen und Gewissen Rede und Antwort stehen". Der Ehrenpräsident des FC Bayern München beklagte nun aber, dass weder Koch noch Rauball ihm persönlich auf sein Angebot geantwortet hätten. "Wenn man sich so lange kennt und dann kommt keine Reaktion, und Du bekommst alles nur im Fernsehen mitgeteilt: Ja, wo samma denn?"

Rauball wies diesen Vorwurf zurück. Er habe Beckenbauers Brief am 11. November beantwortet und an dessen Büro geschickt. "Ich werde den Franz anrufen und die Dinge ausräumen", kündigte Rauball an. "Ich denke und hoffe, dass wir wieder zusammenfinden werden."

Beckenbauer, der 2006 Präsident des WM-Organisationskomitees war, soll im Jahr 2000 laut DFB - vor dem Zuschlag an Deutschland - eine Vereinbarung mit dem früheren FIFA-Vizepräsidenten Jack Warner unterzeichnet haben. Der DFB hatte am 10. November erklärt, angesichts der Unterschrift von Beckenbauer gehe man von einem möglichen Bestechungsversuch aus. In der kommenden Woche soll Beckenbauer erneut zu einem Gespräch bei den Anwälten der untersuchenden Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer weilen.

An eine vertragliche Vereinbarung mit dem früheren FIFA-Vizepräsidenten Jack Warner kann sich Beckenbauer nicht erinnern, wies aber einen Stimmenkauf entschieden zurück. "Ich habe immer alles einfach unterschreiben, ich habe sogar blanko unterschrieben. Ich war ja nicht nur für die WM unterwegs, ich habe ja etwas anderes auch noch zu tun gehabt. Ich war Präsident des FC Bayern", sagte Beckenbauer bei seiner ersten ausführlichen Stellungnahme seit Bekanntwerden der Affäre im Interview der "Süddeutschen Zeitung" (Samstag-Ausgabe).

Das Abkommen mit Warner sei aber vor allem ein "Entwicklungshilfe-Paket mit Ticketing-Möglichkeit" gewesen. Es sei ohnehin klar gewesen, dass Warner bei der WM-Vergabe im Juli 2000 nicht für Deutschland stimmen werde. Auch bei der ominösen Geldzahlung in Höhe von 6,7 Millionen Euro an die FIFA konnte sich Beckenbauer an die Details nicht erinnern. Man habe auch nicht nachgefragt, wohin das Geld bei der FIFA geflossen ist.

All diese Fragen will der DFB zunächst klären, bevor man sich neu aufstellt. Das Profilager wird daher vorerst keinen eigenen Kandidaten benennen. "Es wäre nicht im Sinne der Sache und inkonsequent, wenn wir einerseits erst die Untersuchungsergebnisse zur WM-Affäre abwarten wollen und andererseits gleichzeitig einen eigenen Kandidaten aufstellen", betonte Christian Seifert, Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL).

Doch das Thema wird den DFB wahrscheinlich noch einmal einholen. Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke kann sich zumindest mittelfristig eine Doppelspitze vorstellen. "Es war Wolfgang Niersbachs große Stärke, dass er für den Amateur- und den Profibereich wie eine Klammer gewirkt und beide Seiten geeint hat", sagte er bei "kicker.de".

Wenn man aus dem Stand niemanden finde, der eine solche Klammer für die Zukunft bilden kann, "sollten wir aus meiner Sicht zumindest für einen Zeitraum von drei Jahren über eine DFB-Doppelspitze nachdenken", sagte Watzke. "Vielleicht mit Reinhard Grindel und einem Vertreter der Liga."

Grindel war am Dienstag von den 21 Landes- und fünf Regionalpräsidenten einstimmig zum Präsidentschaftskandidaten des Amateurlagers gekürt worden. "Ich muss sagen, dass er als Person völlig integer ist", sagte Rauball über Grindel. Der will den Profivereinen am 2. Dezember auf der DFL-Mitgliederversammlung seine Vorstellungen präsentieren.

Der voreilige Zeitpunkt der Kandidatenkür hatte zu einer massiven Verstimmung im Profilager geführt. Nach den Verbal-Scharmützeln der vergangenen Tage war Grindel deshalb sichtlich um Harmonie bemüht und rief demonstrativ einen Kuschelkurs aus. "Sie sehen uns hier in einer ganz entspannten, fröhlichen Gemeinsamkeit", sagte der CDU-Politiker und versicherte: "Wir werden den DFB zukunftssicher machen."

dpa


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