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Huub Stevens hat sein Amt bei 1899 Hoffenheim niedergelegt.

Huub Stevens hat sein Amt bei 1899 Hoffenheim niedergelegt. © Deniz Calagan

Fußball

Abschied: "Schade, dass der Knurrer nicht mehr da ist"

Der Rücktritt von Huub Stevens hat seinen Verein 1899 Hoffenheim völlig unerwartet getroffen. Doch der knorrige Niederländer hat in seiner langen Karriere schon mehrfach gezeigt: Gesundheit und Privates gehen vor.

Zuzenhausen. Mit glasigen Augen saß Huub Stevens zum letzten Mal auf dem Pressepodium von 1899 Hoffenheim. Der Mann, der wie kein zweiter Trainer in der Fußball-Bundesliga das Image des harten Hundes verkörpert, kämpfte sichtlich mit den Tränen.

Aus gesundheitlichen Gründen ist Stevens als Trainer der TSG zurückgetreten - mitten im Abstiegskampf, drei Tage vor dem wichtigen Spiel bei Werder Bremen. Der Vereinsarzt und die Uniklinik Heidelberg haben bei dem 62 Jahre alten Niederländer Herzrhythmusstörungen festgestellt.

"Es kann sein, dass ich in näherer Zukunft operiert werden muss", sagte er. "Schade, dass der Knurrer nicht mehr da ist." Sogar sein Ex-Club VfB Stuttgart twitterte sofort: "Gute Besserung, Huub Stevens!"

Seine Rettungsmission in Hoffenheim ist damit definitiv beendet, seine mehr als 20-jährige Trainerkarriere mit großer Wahrscheinlichkeit auch. "Der Verein verdient einen Trainer, der zu 100 Prozent fit ist. Ich bin das leider nicht", meinte Stevens. Das Risiko, weiterzumachen, sei zu groß. "Man muss immer ehrlich zu sich selbst sein. Das ist hart - aber es geht nicht anders."

Der erfahrene Coach war nur gut drei Monate Trainer in Hoffenheim. Ein Ende dieser Zusammenarbeit stand schon mehrfach im Raum - aber nur aus sportlichen Gründen, nicht aus derart persönlichen. Seit Ende Oktober gewann der Tabellen-17. unter Stevens nur ein einziges Spiel. Acht Punkt aus zehn Partien waren zu wenig, um den Verein des Mäzens und Mehrheitsgesellschafters Dietmar Hopp aus der Abstiegszone zu befreien. Trotzdem wollte die TSG weiter auf die Erfahrung des Niederländers setzen. Entsprechend betroffen wirkte auch Sportchef Alexander Rosen, als er sich am Mittwoch neben Stevens setzte.

Dessen Entscheidung sei "absolut nachvollziehbar, aber dennoch überraschend", sagte Rosen. Der 36-Jährige erzählte von einem "beklemmenden" Gespräch mit Stevens und einem sehr emotionalen Abschied von der Mannschaft. "Die Jungs waren sehr betrübt. Einige hatten einen Kloß im Hals und Wasser in den Augen", beschrieb Rosen.

Wie sehr der Verein von der Situation überrascht wurde, zeigt allein, dass er noch nicht weiß, wer Stevens nun beerben soll. Das Training am Nachmittag leiteten erst einmal dessen bisherige Assistenten Alfred Schreuder und Armin Reutershahn. Die naheliegendste Lösung heißt aber Julian Nagelsmann, aktuell noch Trainer der U19 des Vereins, der die Profis im Sommer ohnehin übernehmen soll.

"Es ist doch logisch, dass wir ihn voll in unsere Überlegungen einbeziehen. Aber Sie wissen auch, dass Julian Nagelsmann in der entscheidenden Phase seiner Fußballlehrer-Prüfung ist", sagte Rosen.

Der Direktor Profifußball der TSG bat um Verständnis, er wirkte geradezu flehentlich, als er das Dilemma des Vereins beschrieb. Nagelsmann, Schreuter - oder doch noch einmal eine weitere Interimslösung für die nächsten drei Monate? "Wir können jetzt nicht binnen vier, fünf Stunden eine Ad-Hoc-Lösung aus dem Hut ziehen", sagte Rosen. Einen solchen Schritt wie den von Stevens hat es in der Bundesliga schließlich nicht mehr gegeben, seit Ralf Rangnick im September 2011 wegen eines Burnout-Syndroms als Trainer des FC Schalke 04 zurücktrat. Sein Nachfolger damals: ausgerechnet Stevens.

Der knorrige Niederländer ist seit 1993 Profitrainer. Er hat die Schalker zum UEFA-Cup-Sieg geführt und den VfB Stuttgart gleich zweimal vor dem Abstieg gerettet. Aber jedes Mal, wenn es darauf ankam, hat er in dieser langen Karriere bewiesen, dass ihm Gesundheit und Familie wichtiger sind als dieser Job. Beim 1. FC Köln und dem Hamburger SV hörte Stevens direkt nach dem Bundesliga-Aufstieg bzw. der Europa-League-Qualifikation auf, weil seine Ehefrau Truus erkrankt war. Jetzt geht es um seine eigene Gesundheit.

"Die Ärzte haben mir nicht davon abgeraten, weiterzumachen. Aber das ist ein Gefühl, das du selbst hast. Ich habe nicht mehr so viele Jahre. Diese Jahre will ich genießen", erklärte er. Stevens kennt den Abstiegskampf. Den Stress, die körperliche wie nervliche Belastung, die er auslöst. "Die Herzrhythmusstörungen haben nichts mit dem Abstiegskampf zu tun. Aber ich weiß, was im Abstiegskampf auf mich zukommt. Dafür muss man nicht 100, sondern 120 Prozent fit sein."

Noch am Sonntagabend hatte Stevens nach der 0:2-Niederlage gegen Darmstadt auf dem selben Platz gesessen und nichts davon genossen. Der "Knurrer", wie er gern genannt wurde, teilte wild aus gegen Journalisten und Zweifler. Es war einer der Momente, in denen viele dachten: Hoffenheim und Stevens - das passt nicht zusammen.

Doch jetzt gehen beide Seiten unter Umständen auseinander, die alles vergessen lassen, was zuletzt sportlich und atmosphärisch schief gelaufen ist. "Wenn sie etwas hören wollen von mir, dann können sie mich immer erreichen", meinte Stevens. Rosen hofft sogar, dass jetzt vor dem wichtigen Spiel beim direkten Konkurrenten in Bremen "eine Trotz-Haltung und eine Jetzt-erst-Recht-Stimmung aufkommt. Dass sich die Spieler sagen: Jetzt hauen wir für den Huub einen raus."

dpa


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