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Reisereporter Rennfahrer zwischen den Welten
Reisereporter Rennfahrer zwischen den Welten
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00:35 23.01.2010
Quelle: Hochstätter
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Dienstag

Mühevoll schiebt José seinen bunten Holzkarren durch den Sand. Die Geschäfte gehen schlecht, sagt er. Touristen, die ihm sein Kokosfleisch und seine Säfte abzukaufen könnten, verirren sich nur selten an den Strand von Tijuana. Die Strandpromenade ist gesäumt von zusammengenagelten, bunten Hütten aus Holz, Wellblech, Plexiglas und Autoreifen. Ein paar Meter weiter nördlich endet der Strand am vier Meter hohen, stählernen Grenzzaun zur USA, dahinter sind die Wolkenkratzer von San Diego zu erkennen. Dort in Kalifornien, nur ein paar Kilometer weiter, sind Grundstücke am Strand ein Vermögen wert.

In diesen Tagen überqueren viele Amerikaner die Grenze bei Tijuana. Einige ihrer Pick-Ups ziehen Anhänger, auf denen Motorräder, martialisch aussehende Buggys mit Riesenreifen oder bunt lackierte Trophy-Trucks festgeschnallt sind. Ihr Ziel: Die Baja 1000 in Ensenada, das älteste und wohl härteste Off-Road-Rennen der Welt.

Seit 42 Jahren pflügen die Rennwagen an drei Tagen im Herbst die mexikanische Halbinsel Baja California um. So brutal, dass es selbst in den USA schwierig zu verwirklichen wäre. Die Regeln sind einfach: Wer nach 1000 Kilometern Bergen, Wüste und Felsen in der schnellsten Zeit ankommt, gewinnt. Keine Sonderprüfungen, Ruhetage oder Etappenwertungen. Nur die Uhr. 350 Starter haben sich für die Baja 2009 angemeldet, eine bunt zusammengewürfelte Truppe von Off-Road-Freaks, Profi-Rennteams und Abenteurern, die sich den Spaß leisten können wie TV-Kommentator Cameron Steele.

In den Siebzigern waren Steve McQueen und James Garner dabei. Wie viele Menschen bei dem Rennen bislang ihr Leben gelassen haben, ist nicht zu erfahren. Und wofür? Der Gewinner bekommt einen Handschlag, sagt Chef-Organisator Sal Fish. Und wenn er im nächsten Jahr wiederkommt, bekommt er noch einen Handschlag.

Mittwoch

24 Stunden bis zum Start. Hunderte Meter weit zieht sich die Schlange der schrill lackierten, PS-strotzenden Rennwagen durch die City von Ensenada, bis sie endlich das Zelt der technischen Abnahme erreichen. Die ganze Stadt ist auf den Beinen, um dieses Schauspiel zu sehen. Models in Lederbikinis und hohen Stiefeln räkeln sich auf den Motorhauben. Männer lassen sich mit den Mädchen fotografieren oder fachsimpeln über die Chancen der abenteuerlichen Eigenbauten. Kinder kreischen auf, wenn einer der rund 850 PS-starken Motoren aufröhrt und die Luft mit beißendem Benzinqualm erfüllt. Niemand fragt hier nach CO2-Ausstoß oder Filtersystemen, bei der Baja 1000 ist die Rennsport-Welt noch in Ordnung

Jeder Fahrer muss sich diesem Spalier stellen, auch Stars wie Andy McMillin, Immobilientycoon aus Los Angeles, der in seinem blauen Trophy-Truck immer von einem Strauß Kameras und Fotohandys umringt ist. Ein paar Meter weiter steht Alejandro aus Ensenada mit seinem umgebauten VW Käfer in der Schlange. Für ihn und die Jungs aus seiner Werkstatt ist es Ehrensache, bei der Baja dabei zu sein. Rund 6000 Dollar kostet sie jedes Rennen, 13 000 Dollar kostet das Auto mit seinen Spezialumbauten

Nach drei Stunden hat es Armin Schwarz und sein Team All German Motorsports bis zur technischen Abnahme geschafft. Der ehemalige Rallye-Europameister aus Franken erklärt ganz entspannt, die Gesetze der Baja. So ist es üblich, einem vorausfahrenden Auto ins Heck zu krachen, um zu signalisieren, dass man überholen will. Wenn einer nicht Platz macht, sucht man sich eine schöne Kurve und schiebt ihn von der Piste, sagt Schwarz schmunzelnd. Noch 20 Stunden bis zum Start

Ein paar Meilen weiter im Landesinneren bereitet Agnes Cameleyre gerade das Abendessen für ihre Gäste vor. Es wird bald dunkel, und in Mexiko wird früh gegessen. Natürlich kennt die zierliche Französin das Rennen, aber hier, in der bezaubernden Villa del Valle im Guadalupe-Tal, spielt es keine Rolle. Wer hierher kommt, sucht Ruhe und Abgeschiedenheit inmitten von Weinbergen, die beschützt werden von malerischen Bergketten.

Eine geradezu spirituelle Kraft liegt über der Szenerie. Ganze sechs Gästezimmer hat die Hacienda auf der kleinen Anhöhe, es riecht nach Lavendel und Zitronengras. Auf dem großen Holztisch in der Küche liegen die Zutaten für das Abendessen, frisch aus dem Gemüsegarten geerntet. Die kleine Weinkellerei im Haus produziert einen vorzüglichen Tempranillo. "Wir versuchen, in allem was wir tun, den Charakter dieses Tales auszudrücken", sagt Agnes, während hinter den Bergen die Sonne feuerrot untergeht. Auf dem Sofa der großen Veranda liegt Last One, der Hund des Hauses, und lässt sich von ihren letzten Strahlen wärmen.

Donnerstag

Wie ein Raubtier steht am nächsten Morgen der riesige gelbe Trophy-Truck von "Pistol"-Pete Sohren als erster auf der Startrampe in Ensenada. Sohren, ein ehemaliger Porno-Darsteller mit Elvisfrisur, Koteletten und Sonnenbrille, steht daneben und gibt Interviews wie dieses: Sein Alter? 28. Wie oft ist er bereits bei der Baja mitgefahren? Gut 20-Mal. Auf seinem Truck steht sein Spitzname: Pistol. Wegen seiner Waffe in der Hose. Es soll bei der Baja öfter vorkommen, dass die schillerndsten Typen zuerst starten, dicht gefolgt von den Favoriten. Losglück für den Veranstalter.

Ohrenbetäubend brüllen die Motoren auf, im 30-Sekunden-Abstand schlingern die schweren Trucks durch die erste Kurve. So dicht an den Zuschauern vorbei, dass ein Fahrfehler ein Dutzend Tote bedeuten könnte. Kreischend driftet der erste der beiden orange-schwarzen Buggys des Teams All German Motorsports vorbei: präzise, am Limit und atemberaubend schnell. Die Mexikaner jubeln - Armin Schwarz ist hier ein Star.

Auch außerhalb von Ensenada ist die Strecke gesäumt von Zuschauern, die an Steigungen, Kurven oder Bodenwellen auf spektakuläre Sprünge oder Unfälle hoffen. Die Fahrer manövrieren ihre Rennwagen quasi im Blindflug durch den Staub der Vorausfahrenden, oft springen Zuschauer erst im letzten Moment zu Seite. Manche versuchen, die vorbeifliegenden Wagen zu berühren - ein Riesenproblem, sagt einer der Organisatoren. Gab es schon Tote bei solchen Aktionen? "In den letzten Jahren hatten wir Glück."

Als die Nacht hereinbricht, liegen die beiden deutschen Buggys mit Armin Schwarz und Armin Kremer am Steuer auf den Plätzen eins und zwei ihrer Klasse, Schwarz auf Platz drei der Gesamtwertung. "Incredible", raunen sich die US-Journalisten im Pressezentrum in Ensenada zu und blicken ungläubig auf den großen Monitor

Doch um halb neun Uhr abends passiert die erste Panne: Beim Auto von Kremer reißt eine Spannrolle des Keilriemens ab, der Wagen muss auf ein Serviceauto warten. Das fährt sich fest, wird von einem Trophy-Truck gerammt und muss geborgen werden. Erst gegen fünf Uhr morgens wird sich ein Servicefahrzeug bis zu dem Buggy durchgekämpft haben. Auch Schwarz hat Pech: Fieberhaft reparieren seine Mechaniker mitten in der Wüste ein Ölleck.

Ein paar Meilen südlich wird es für Sarah Miling derweil Zeit, die Petroleumlampen anzuzünden. Um 22 Uhr wird der Stromgenerator der Rancho Miling abgestellt, dann kehrt völlige Stille ein über der einsamen Ranch mitten im Nirgendwo der Wüste San Pedro Mártir. Die Milings bewirten auf der ehemaligen Goldgräber-Ranch Touristen, die nichts als Ruhe, weites Land, lange Ausritte und gute Bücher schätzen. "Es war ein schweres Jahr für uns", sagt Sarah. "Die Amerikaner sind wegen der Finanzkrise kaum in den Urlaub gefahren, es war hier noch ruhiger als sonst", scherzt sie. Dann stellt sie den Generator ab. Ein Coyote heult in der Dunkelheit und über der Ranch breitet sich ein beispielloses Sternenzelt aus. Es ist, als könne man die Milchstraße mit bloßen Händen greifen

Freitag

Erst als sich am nächsten Tag die Mittagshitze auf das weite Land legt, erreicht der zweite deutsche Buggy in Ensenada das Ziel. Armin Schwarz' Wagen ist in der Nacht als zweiter seiner Klasse über die Linie gefahren, Gesamtsieger der Baja 1000 wird Andy McMillin. Die Deutschen sind unzufrieden. Im kommenden Jahr werden sie wiederkommen, um den Titel zu holen. Und der Baja California für drei Tage Lärm, Benzinqualm und Nervenkitzel zu bringen. Bevor sie wieder für ein Jahr in ihren Dornröschenschlaf verfällt.

Von Rüdiger Meise

Anreise

Von Frankfurt am Main aus fliegt United Airlines mehrmals pro Woche direkt nach Houston und Washington D.C. Von dort aus gibt es Anschlussflüge nach San Diego, Kalifornien. Mit einem Taxi oder Leihwagen erreicht man in einer halben Stunde die mexikanische Grenze bei Tijuana. Fahrtzeit bis Ensenada: Rund eineinhalb Stunden.

Baja 2010

Am 17. November startet das Rennen in Ensenada. Am 21. November schließt das Ziel in La Paz. Die Baja 1000 ist diesmal kein Rundrennen, sondern ersteckt sich von Norden nach Süden fast über die gesamte Halbinsel Baja Califoria.

Weitere Informationen

Tourism Secretariat of Baja California, Juan Ruiz de Alarcón St. No.1572. Zona Rio, C.P. 22320, Tijuana, B.C., Tel. (664) 682-3367, www.discoverbajacalifornia.com

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