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Reisereporter Für das besondere Gespür von Schnee
Reisereporter Für das besondere Gespür von Schnee
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15:44 19.01.2010
Vorsicht hat Vorfahrt: Schilder weisen auf das Tempolimit hin. Aber auch abseits der viel befahrenen Piste geht es um Sicherheit. Quelle: myjungfrau.ch
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Hoch oben am Berg hat sich eine Lawine gelöst und ist mit einem Donnern hinabgestürzt. Der Schnee hat drei Skifahrer unter sich begraben, vielleicht mehr. Die zur Rettung herbeigeeilten Helfer müssen jetzt schnell sein. Das Überleben der Verschütteten ist eine Frage von Minuten. Doch nirgendwo gibt es ein Zeichen, einen Ansatzpunkt, wo ein Mensch unter der Schneedecke stecken könnte. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt. „Wir müssen im Zickzack suchen, um eine möglichst große Fläche erfassen zu können“, sagt Bergführer Christian Garbani von der Schweizer Schnee & Bergsport Schule.

Schauplatz ist das Trainingscenter im Schweizer Skigebiet First in Grindelwald – es handelt sich um eine Übung. Auf dem computerunterstützten Platz zwischen den Pisten haben sich fünf Skifahrer für ein Lawinentraining eingefunden. Mit einem Lawinenverschütteten-Suchgerät (LVS) proben sie den Ernstfall. „Mit dem Gerät geht es um Minuten“, erklärt der Bergführer.

Voraussetzung ist, dass die Lawinenopfer ebenfalls mit einem Sensor ausgestattet sind, der die nötigen Signale abgibt. Auf dem Trainingsgelände wird mit vergrabenen Dummies geübt. Das ist gut so, denn die Skifahrer brauchen einige Zeit, um die richtige Suchtechnik mit den antennengestützten Geräten zu ergründen. Es piepst. „Hier liegt einer“, ruft eine Teilnehmerin aufgeregt und stochert mit einer Sonde im Schnee, um sich des Widerstands zu vergewissern. Sind ein oder mehrere Dummies geortet, beginnt die Arbeit mit der Steckschaufel. Das ist auch bei Minusgraden eine schweißtreibende Angelegenheit. Und am Ende hat nur Bergführer Garbani das zur schnellen Rettung notwendige Rechteck geschaufelt. „Die Lawinenrettung muss man immer und immer wieder üben“, sagt er mit sorgenvollem Blick auf die Löcher seiner Schüler, die an Trichter erinnern.

Gefahren im Pulverschnee

Gerade sogenannten Free Ridern empfiehlt Garbani den ein- bis zweitägigen Kursus. Free Rider sind diejenigen, die im frisch gefallenen Pulverschnee jenseits der präparierten Pisten ihre Spuren hinterlassen wollen. Das Tiefschneefahren in der Jungfrau Region mit seinem berühmten Eigergletscher boomt, birgt aber auch die meisten Gefahren. „Neben der Piste ist jeder für sich selbst verantwortlich“, sagt Garbani.

Der „Avalanche Safety Day“ umfasst deshalb auch theoretische Grundlagen zur Lawinenkunde und Informationen zum Wetter, Schnee, Gelände, Verhalten und Ausrüstung. Dabei erfahren die Teilnehmer, dass Skifahrer etwa bei eisigen Temperaturen Nordhänge meiden sollten, weil sich dort die Schneeschichten aufgrund der Kälte langsamer verbinden. Oder dass bei höheren Temperaturen im Frühjahr auch Südhänge ein hohes Risiko von Nassschneelawinen bergen. Das gelte vor allem für Hänge mit mehr als 30 Grad Steigung, erklärt Garbani. „Sicher sein kann man sich nie, aber man kann die Gefahr minimieren.“ Überhaupt sei Tiefschneefahren nichts für Anfänger, denn wenn ein Skifahrer fällt, belastet er die Schneedecke mit dem siebenfachen seines Körpergewichts – unter entsprechenden Umständen kann ein Sturz dann schnell eine Lawine auslösen.

Das Lawinenrisiko wird nicht nur durch das begehrte Tiefschneefahren abseits der Pisten immer größer. Auch der Klimawandel setzt den Bergen deutlich zu. Wer mit Reiseführer Josef Erni unterwegs ist, schaut irgendwann gebannt an den Bergen hinauf, um mögliche Schneebrüche zu sehen. Oder hinab, um mögliche Gletscherspalten zu entdecken. Erni ist ehrenamtlicher Stabschef des Katastrophenschutzteams in Grindelwald, und er sagt, dass die Alpen wegen der intensiven Sonneneinstrahlung von der Erderwärmung doppelt so stark belastet sind wie andere Regionen. Die Folge daraus seien instabile Hänge, schmelzende Eisschichten, immer größer werdende Seen in den Tälern und Schluchten. „Daraus können Springfluten entstehen – ähnlich wie der Tsunami.“ Die Schweizer, Weltmeister im Bespielen und Untertunneln ihrer weißen Giganten für größtmögliches Freizeitvergnügen, versuchen nun, ihre Bergwelt zu sichern.

Deutlich sichtbar wird dies für diejenigen, die mit der höchstgelegenen Zahnradbahn Europas den Weg zum Jungfraujoch zurückgelegt haben. „Zwischen Himmel und Erde“ auf 3500 Metern Höhe thront die Forschungsstation mit Eispalast, Ausstellungen und Restaurant auf einem Berg, der mit gigantischen Stahlbolzen und Drahtnetzen gehalten wird. Schneewanderungen und Schlittenhundefahrten werden nur auf gesichterten Wegen und mit besonderer Ausrüstung angeboten. Wer mitmacht, wird allerdings mit atemberaubender Aussicht auf die Gletscherwelt des Unesco-Welterbes Jungfrau, Aletsch und und Bietschhorn reich belohnt.

Noch ohne Radarkontrolle

Trotz aller Gefahren ist es in den vergangenen Jahren in der Jungfrau Region nach Angaben der Bergwacht zu keinem nennenswerten Lawinenunfall gekommen. Die Schweizer sorgen für die Sicherheit ihrer Skitouristen, das beginnt schon im Kleinen. Vor vier Jahren war Grindelwald First in der Skidestination Jungfrau Region das erste Gebiet, das eine Tempo-30-Piste einrichtete. Zwar gibt es auf der 1,5 Kilometer langen Strecke keine Pistenpolizei, die die vorgeschriebene Geschwindigkeit mit Radarpistole überwacht. Doch Schilder und ein digitales Display weisen darauf hin. Weil jedoch selbst die gemütlichsten Fahrer die „uncoole“ Piste sichtlich meiden, hat ihr die Bergwacht einen neuen Namen verpasst. Sie heißt nun „Chill-out-Zone“.

Von Sonja Fröhlich

Anreise
Flug nach Zürich, von dort aus dauert die Bahnfahrt über Bern–Interlaken– Grindelwald noch einmal knapp drei Stunden. Swiss Air, Air Berlin und Lufthansa bedienen die Strecke.

Skifahren
Die Jungfrau Region mit ihren Teilregionen Grindelwald-First, Kleine Schneidegg-Männlichen und Mürren Schilthorn erschließt mehr als 200 Pistenkilometer mit rasanten bis gemütlichen Talfahrten von sechs bis zwölf Kilometern Länge. 43 Lifte und Bahnen. Knapp die Hälfte der Pisten können beschneit werden.

Sonstiger Wintersport
100 Kilometer Winterwanderwege, Schneeschuhtouren, Schlittenfahrten, der längste „Schlittelweg“ der Alpen führt über 15 Kilometer vom Faulhorn bis nach Grindelwald, Gleitbahn First Flyer. Außerdem ist die Jungfrau Region mit den zahlreichen Wasserfällen ein wahres Eisklettermekka. Phantastisch geformten Eisgebilde von 20 bis zu 400 Metern laden zum „Pickeln“ ein. Die kurzen Zustiege sind ein zusätzliches Plus der Gegend.
www.myjungfrau.ch

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