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00:16 12.10.2018
Joachim Schmidt hat an seinem Arbeitsplatz 48 Grad Celsius. Quelle: Sven Sokoll
Bokeloh

Ein Vierteljahr vor dem Ende des Kaliabbaus in Bokeloh herrscht unter Tage in Bokeloh noch normaler Betrieb. Mit seiner Geschichte seit 1898 ist Sigmundshall das derzeit weltweit älteste Bergwerk seiner Art in Funkion. Eine Grubenfahrt macht aber auch deutlich, warum die Produktionsbedingungen schwierig geworden sind und der K+S-Konzern vor einem Jahr das Aus beschlossen hat.

Von den werktags drei Schichten ist die Frühschicht in der Regel mit rund 120 Mitarbeitern die stärkste. Einen Eindruck von der Größe der Belegschaft bekommt, wer auf dem Weg in die Tiefe eine lange Reihe von Stechkarten und persönlicher Sicherheitsausrüstung passiert. Nach dem obligatorischen Umziehen in der Kaue steigt der Besucher in Werkskleidung in den Korb und kommt nach eineinhalb Minuten Fahrt in einer Tiefe von 725 Metern an – mit Druck auf den Ohren und schon deutlich salzigem Geschmack auf den Lippen. Am Ende soll dann auch eine Grundreinigung der Fototasche von dem starken Staub notwendig werden.

In Bokeloh war der Abbau schon länger anspruchsvoll. Wo in anderen Werken recht einfach in horizontalen Schichten gearbeitet werden kann, haben sie sich hier stark eingefaltet, was zu der „steilen Lagerung“ führt. „Mir ist klar, dass das natürliche Ende erreicht ist“, sagt im Vorgespräch der zuständige Produktionsleiter Henning Korte, für den das Aus aber nach 33 Jahren bei Sigmundshall dann doch ein Schnitt sein wird. Als er damals hier anfing, wurde allerdings auch schon ein Ende innerhalb der nächsten Jahrzehnts vorhergesagt. Bis dahin war aber nur das Kalisalzgestein Sylvinit abgebaut worden.

Förderung ist schon zurückgegangen

Zur Verlängerung kam es dann, als die Nachfrage aus der Landwirtschaft nach schwefel- und magnesiumhaltigen Düngemitteln stieg und deshalb seit 2001 für die Kieserit-Produktion auch Hartsalz abgebaut wurde. „Es blieb aber schwierig“, berichtet Korte. Schon 1997 war in der Förderung die Tiefe von 1400 Metern erreicht worden, und heute stammen mehr als 85 Prozent der Produktion aus Tiefen größer als 1150 Meter – mit den entsprechenden Beanspruchungen für Mitarbeiter und Technik bei Temperaturen um die 50 Grad und lang gewordenen Wegen. So arbeiten während einer Acht-Stunden-Schicht die Maschinen nur noch die Hälfte der Zeit. Die Durchschnittsförderung von 2,1 Millionen Tonnen aus den vergangenen Jahren wurde zuletzt mit 1,8 Millionen schon deutlich unterschritten.

Eine spannende unterirdische Autofahrt mit Korte beginnt. Der Salzstock hat in der Breite eine Ausdehnung von zwölf Kilometern, führt aber nicht unter das Steinhuder Meer. In der oberen Bereichen gibt es lange, gerade Strecken, weil dort früher noch Gleisanlagen zum Transport genutzt wurden. Davon zweigen frühere Abbau-Bereiche ab, die bereits wieder verfüllt worden sind. In dem Zustand soll in gut vier Jahren die gesamte Grube sein.

Immer wieder müssen unterwegs sogenannte Wettertüren geöffnet werden, die ebenso wie Belüftungsanlagen für das wichtige Luftmanagement in der Grube sorgen. Wo Kollegen arbeiten, hängen zur Warnung Absperrseile über die Wege. Korte nimmt am Steuer zunächst über Funk Kontakt mit den Arbeitern auf, dann wird das Band gemeinsam über sein Auto gefädelt, damit die Fahrt weitergehen kann. In dem unterirdischen weit verzweigten Labyrinth aus insgesamt 350 Kilometern beruhigt seine lange Erfahrung, wäre allein wohl nur schwer ein Herausfinden möglich.

Für frische Luft sorgt der Schacht in Kolenfeld, über den auch größere Teile in die Tiefe und wieder heraus bewegt werden. In der großen Werkstatt in seiner Nähe sind 170 Mitarbeiter beschäftigt, die zum Teil bei defekten Maschinen oder für Arbeiten an den Bandanlagen auch in anderen Teilen des Werkes unterwegs sind. Nicht weit entfernt liegt auch eine der Station der Grubenwehr, die ähnlich wie die Feuerwehr mit Freiwilligen aus der ganzen Belegschaft organisiert ist.

Mitarbeiter müssen viel trinken

Die Bereiche, in denen abgebaut wird, beginnen zunächst mit horizontalen Strecken, die in Sieben-Meter-Abschnitten aufgesprengt werden. Das passiert immer zu den Schichtwechseln. Zwischen mehreren horizontalen Strecken im Abstand von jeweils 20 Metern wird dann senkrecht weiter gearbeitet, bis das abgebaute Rohsalz in dem entstandenen Hohlraum nach unten fällt und von Sammelpunkten dann nach oben transportiert werden kann.

In der Regel dürfen die Arbeiter bis zu einer Hitze von 52 Grad arbeiten. Ein wichtiger Faktor ist ihre eigene Einschätzung, wann sie sich in einem klimatisierten Raum wieder abkühlen müssen. „Man gewöhnt sich daran“, sagt Joachim Schmidt über die Wärme, den wir bei 48 Grad tief unten im Werk antreffen. „Die ersten Tag nach dem Urlaub sind immer die schwersten.“ Er trinkt sechs Liter Flüssigkeit während einer Schicht. Er arbeitet seit 35 Jahren in Sigmundshall, wohnt in der Nähe und bleibt auch weiter dort beschäftigt.

Mike Bauz dagegen hat die letzte Tage in Bokeloh vor sich, der gebürtige Ostdeutsche wechselt zum 1. November in das Werk Werra. Silvio Blümlein, mit dem er gerade im Hartsalz mit einer Teilschnittmaschine fräst, wird dagegen mit 55 Jahren in den vorgezogenen Ruhestand wechseln. Die Maschine ist an Stellen im Einsatz, die filigraneres Vorgehen erfordert.

Unter den Mitarbeitern des Werks, unter Tage insgesamt gut 400 in 17 Schichten pro Woche, haben sich unterschiedliche Kulturen gemischt: Hierher kamen neben früheren Mitarbeitern aus dem einst starken DDR-Kaliabbau auch solche von Werken in Niedersachsen, die schon früher die Produktion eingestellt haben. Immerhin gab es in einem Streifen bis in die Höhe von Verden früher rund 100 Kaliwerke in der weiteren Umgebung. Einig haben die Bergleute alle eine gemeinsame Sprache. In ihr wünschen sie sich zum Gruß: „Glück auf!“. In diesen Tagen, wo viele vor einem Neuanfang stehen, ist das wohl besonders wichtig.

220 Mitarbeiter bleiben weiter tätig

Vom nahenden Ende in Sigmundshall war schon länger gesprochen worden, für viele kam es dann aber doch recht früh, als die Unternehmensleitung es im November vergangenen Jahres zum Jahresende 2018 beschlossen hat. Von den gut 700 Mitarbeitern werden in den nächsten vier Jahren nur noch 220 in Bokeloh benötigt, während die Grube verfüllt wird. Die weiteren haben Jobangebote für andere K+S-Standorte erhalten. Wer nicht wechseln will, kann in eine Transfergesellschaft wechseln. Die bestehende Rekal-Anlage mit 35 Arbeitsplätzen soll auf jeden Fall weiter betrieben werden, weitere Nutzungen des Betriebsgeländes für die Zukunft werden gerade gesucht.

Von Sven Sokoll

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